Die Digitalisierung ist aus dem Management des Diabetes nicht mehr wegzudenken. Auch viele ältere Menschen mit Diabetes stehen dem Thema interessiert gegenüber. Digitale Hilfsmittel können ihnen die Diabetestherapie erleichtern und möglicherweise länger die Selbstständigkeit erhalten. Aber diese Hilfsmittel können in bestimmten Situationen auch zu Problemen führen.

Werden Menschen mit Diabetes älter, kann durch funktionelle und geistige Beeinträchtigungen das selbstständige Durchführen der Diabetestherapie erheblich behindert werden. Nehmen die geistigen Beeinträchtigungen weiter zu oder entwickelt sich eine Demenz, braucht es Hilfe von Angehörigen und möglicherweise auch von Pflegekräften.

Wichtig: Lebensqualität, ­Selbstständigkeit, Teilhabe

Dennoch wünschen sich die meisten Menschen, in der eigenen Häuslichkeit bis ins hohe Alter bleiben zu können. Außerdem besteht der Wunsch nach höchstmöglicher Selbstbestimmung und Selbstmanagement. Damit wird klar, dass der Erhalt der Lebensqualität ein vorrangiges Therapieziel ist und alle Möglichkeiten – medizinische wie technologische – genutzt werden sollten.

Bei älteren Menschen ist besonders wichtig, Unterzuckerungen zu verhindern, denn sie können besonders gefährliche Folgen nach sich ziehen. Zum einen erhöhen sie das Risiko von Stürzen, zum anderen fördern sie das Entstehen einer Demenz und wirken sich negativ auf die Gedächtnisleistung und die Motorik aus. Entsprechend muss die medikamentöse Therapie ausgerichtet werden.

Welchen Stellenwert hat die ­moderne Diabetestechnologie?

Die Digitalisierung hat viele Bereiche unseres Lebens erfasst. Gerade ältere Menschen können von digitalen Innovationen hinsichtlich eines selbstständigen und selbstbestimmten Lebens profitieren. Grundsätzlich besteht bei älteren Menschen eine Offenheit für digitale Unterstützung beim Diabetesmanagement, insbesondere, wenn diese einen Nutzen und Mehrwert für die angestrebten Ziele bietet.

Technologische Möglichkeiten sollen daher die Diabetestherapie erleichtern. Dazu können z. B. Telemonitoring, kontinuierliche Glukosemessung, Gesundheitsclouds und E-Learning-Programme gehören, aber auch sensorgestützte Assistenzsysteme wie Notrufsysteme, die das tägliche Leben unterstützen. Grundlegend für den Einsatz der Technik ist das individuelle Anpassen an Fähigkeiten, Bedürfnisse und Wünsche der Patienten.

Mechanische Hilfsmittel:

  • Lupen und andere Sehhilfen, sprechendes Blutzuckermessgerät
  • Blutzuckermessgerät mit großem Display und einfacher Bedienung
  • Insulinpens mit einfacher Auslösung und geringem Daumendruck
  • Medikamentendosetten mit ­Wochenvorrat


Technische Hilfsmittel:

  • Gehhilfen bei Polyneuropathie und/oder Gebrechlichkeit
  • Schutz vor Knochenbrüchen (z. B. Schutzhosen, Antirutschsocken)


Elektronische Hilfsmittel:

  • technische Hilfen zur Erinnerung an Medikamenteneinnahme oder Insulininjektion
  • Computer-Programme zur Analyse erhobener Messwerte und Daten
  • Apps zum Datenmanagement und zur Blutzuckersteuerung

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) hat die zentralen Ziele der Therapie in der Leitlinie „Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Alter“ beschrieben und die verschiedenen digitalen Hilfsmittel (siehe Kasten) bewertet. Im Folgenden sollen einige, sehr nützliche, elektronische Hilfsmittel näher dargestellt werden.

Kontinuierliches ­Glukosemonitoring und Alarmfunktionen

Ein zentrales Ziel der Diabetestherapie ist das Verhindern von Unterzuckerungen, denn diese erhöhen die Gefahr von Stürzen und Knochenbrüchen, beeinträchtigen Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Motorik und begünstigen Herz-Kreislauf-Probleme sowie die Entwicklung einer Demenz. Kontinuierliche Glukosemesssysteme bieten Alarme, die vor und bei tiefen und hohen Werten warnen. Die Alarme lassen sich auch als Vibrations­alarm einstellen, was z. B. bei Schwer­hörigkeit von Vorteil ist. Gerade auch bei feinmotorischen Störungen erleichtern diese Systeme den Messvorgang.

Apps individuell einstellen

Lässt man sich die kontinuierlich gemessenen Glukosewerte direkt in Apps auf dem Smartphone anzeigen, können Schriftgröße, Helligkeit und Kontrast auf dem Bildschirm angepasst werden. Alternativ kann auch eine Sprachausgabe der Werte ausgewählt werden.

Extra für ältere Menschen mit chronischen Erkrankungen und deren Angehörige ist die vom TÜV hinsichtlich Datenschutz- und Datensicherheit geprüfte MyTherapy-App. Sie bietet verschiedene Funktionen vom Gesundheitstagebuch bis zu Follower-Funktionen für Angehörige. Auf der Website von DiaDigital (www.diadigital.de) findet man von Fachkräften zertifizierte Apps für das Selbstmanagement.

Weitere Möglichkeiten bietet die Telemedizin. Blutzuckerwerte und sonstige Vitalfunktionen können durch Telemonitoring über räumliche Distanz hinweg von Ärzten oder Pflegepersonal überwacht werden. Die Daten werden von Diabetesteams bewertet, sodass den Patienten entsprechende Handlungsempfehlungen gegeben werden können.

Insulinpumpentherapie im Alter

Eine besondere Herausforderung betrifft die Insulinpumpentherapie von Menschen mit Typ-1-Diabetes im Alter. Grundsätzlich kann die Pumpentherapie bis ins hohe Lebensalter durchgeführt werden. Voraussetzung ist ein gutes Beherrschen der Bedienschritte, eine ausreichende Feinmotorik, aber auch gutes Sehen, Hören und Denken. In Zukunft sollten daher vermehrt Insulinpumpen mit großen Displays und Sprachsteuerung auf dem Markt verfügbar sein, die auch von älteren Patienten bedient werden können. Patch-Pumpen, die ohne Schlauch auskommen, können eine Option sein. Diese sind einfacher zu bedienen und bieten dennoch flexible Therapiemöglichkeiten.

Für ältere Menschen mit Typ-1-Diabetes ist der Wechsel von einer Insulinpumpentherapie auf eine intensivierte Insulintherapie (ICT) ein großer Rückschritt, der auch mit großen Ängsten einhergeht. Sie befürchten, dass durch die Abgabe komplexer Diabetestechnologie ihre langfristigen Anstrengungen im Diabetes-­Selbst­management zunichtegemacht werden. Angehörige und Fachpersonal sollten daher frühzeitig bei der Unterstützung und Durchführung der Insulinpumpentherapie einbezogen werden.

Besondere Vorsicht in Kliniken und Pflegeeinrichtungen nötig

Noch ist besondere Achtsamkeit bei Krankenhausaufenthalten und anderen stationären Behandlungen geboten. Oft ist das Pflegepersonal nicht auf den Umgang mit Patienten mit langjährigem Typ-1-Diabetes geschult. So kann es vorkommen, dass bei der Aufnahme aus einem Typ-1-Diabetes ein Typ-2-Diabetes in der Krankenakte gemacht wird. Durch eine daraus folgende falsche Behandlung kann der Diabetes schnell entgleisen und sich zu einer lebensbedrohlichen Situation entwickeln. Was bei Patienten mit Typ-2-Diabetes oft nicht so kritisch ist, kann bei Vorliegen eines Typ-1-Diabetes fatale Folgen haben.

Nach wie vor ist der Umgang mit der Insulinpumpe unzureichend, da Klinik- und Pflegepersonal oft wenig Erfahrung im Umgang mit komplexen Insulintherapien haben. Daher sollte bei jedem Krankenhausaufenthalt auf den Diabetes und die aktuelle Behandlung hingewiesen werden, am besten nimmt man seine komplette Diabetesausrüstung mit.

Fazit

Das Vorliegen mehrerer chronischer Erkrankungen (Multimorbidität) im Alter hat Auswirkungen auf die Fähigkeiten im Selbstmanagement. Vielen Menschen fällt es gerade in der Übergangsphase von noch erhaltenen geistigen Funktionen zur Demenz schwer, Selbstständigkeit abzugeben oder das Vereinfachen der Therapie zu akzeptieren.

Ältere Menschen mit Diabetes mellitus können durch die technischen und digitalen Entwicklungen unterstützt werden. Diese können ihnen helfen, ihre Selbstständigkeit zu bewahren. Bei älteren Menschen ist die Akzeptanz für neue Technologien hoch, vorausgesetzt, sie sind effektiv, einfach handhabbar und bringen nachvollziehbare Vorteile im Alltag. Die Industrie muss gerade für ältere und kognitiv eingeschränkte Menschen neue Lösungen entwickeln.
Auch wenn im fortgeschrittenen Alter nicht jeder Mensch mit Diabetes automatisch pflegebedürftig ist, so ist die Verschlechterung der Mobilität früher oder später ein Thema. Die Patienten sind dann auf die Hilfe anderer angewiesen, z. B. bei der Insulinpumpentherapie, Blutzuckermessung, Essenszubereitung – Dinge, die sie jahrelang selbst gemacht haben, gehen nun nicht mehr so leicht von der Hand.

All diese Themen bedürfen vieler Gespräche, um Diabetespatienten zu vermitteln, dass die veränderte Lebenssitua­tion neue Herausforderungen mitbringt. Die Vorschläge und Hilfen von Angehörigen sind keine Bevormundung. Das zu akzeptieren, kann ein langwieriger und aufwendiger Prozess sein. Dabei kommt es vor allem auf das Einfühlungsvermögen und die Vertrauensbasis zwischen dem Betroffenen und dem betreuenden Diabetesteam an.

Auch der Altersdurchschnitt der Patienten, die ins Krankenhaus kommen, steigt in den meisten Abteilungen. Die Patienten leiden unter verschiedenen Krankheiten und diversen Funktionsstörungen wie Sturzneigung, Hirnleistungs­störungen oder Gebrechlichkeit. Für die Behandlung des Diabetes braucht es daher spezielle Strukturen und Prozesse sowie ein kompetentes multidisziplinäres Team.

Die Versorgung von Menschen mit Dia­be­­tes ist gerade im höheren Alter überaus komplex. Die Betroffenen sind auf­grund oft vieler körperlicher und geis­tiger ­Einschränkungen sehr gefährdet. Sie sind besonders auf ein funktionierendes Zusammenspiel der verschiedenen Berufsgruppen angewiesen.

Schwerpunkt „Älter werden und gut und sicher leben“

Autor:
Prof. Dr. med. Erhard Siegel
Chefarzt Abteilung für Gastroenterologie, Diabetologie und Ernährungs­medizin
St. Josefskrankenhaus Heidelberg
Landhausstraße 25, 69115 Heidelberg


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2021; 70 (11) Seite XX