Zwei Begebenheit in jüngerer Vergangenheit führen unserer Kolumnistin Jana Einser vor Augen, das viele Menschen sich nicht in andere, die im Alltag Unterstützung benötigen, hineinversetzen können oder sogar nicht dazu bereit sind, anderen in Notsituationen zu helfen.

Neulich wohnte ich in einem Hotel im sechsten Stock. Es war heiß – und so benutzte ich den Aufzug statt der Treppe, um nicht zu verschwitzt unterwegs zu sein. Im Aufzug begleitete mich eine freundliche Stimme: "Tür schließt", verkündete sie zum Beispiel. Sie informierte mich über die Richtung, die der Aufzug nehmen würde, und das erreichte Stockwerk, und sie gab mir auch Bescheid, wenn die Tür sich öffnete.

Ich fand das vorbildlich – hilft es doch Menschen, die sehbehindert oder blind sind, eigenständig mit diesem Aufzug zu fahren. Ergänzend waren alle Tasten mit Braille-Schrift, also der ertastbaren Punktschrift, versehen.

"Endlich bleibt mal einer stehen …"

An einem Morgen stieg ein junges Paar mit ein. Die Stimme verkündete: "Tür schließt" – was die junge Frau veranlasste, festzustellen, dass es Dinge gebe, die kein Mensch brauche. Ich musste erst einmal schlucken …Wusste sie nicht, dass es nicht nur gesunde Menschen, sondern auch Menschen mit Einschränkungen gibt? Ich mischte mich ein, erklärte ihr kurz den Nutzen. Ihre Miene und ihre Reaktion zeigten sofort: Sie hatte tatsächlich daran nicht gedacht – verstand es aber mit meiner Erläuterung sofort.

Ein paar Tage später geschah noch etwas viel Gravierenderes: Ich fuhr mit dem Fahrrad vom Büro los – und sah wenige Meter weiter eine ältere Frau mit Fahrradhelm auf dem Bürgersteig liegen, neben ihr hing ein Fahrrad an einem Absperrpfosten. Ich hielt sofort an, um mich um sie zu kümmern.

Das Erste, das sie sagte, war: "Endlich bleibt mal einer stehen …" Wie viele vorher vorbeigegangen oder vorbeigefahren waren, weiß ich nicht, aber der Bemerkung nach einige. Zum Glück war ihr trotz des Sturzes vom Fahrrad nicht viel passiert – ich konnte sie, mit Unterstützung einer jungen Frau, die etwas später hinzukam, nach Hause bringen.

Aufklären und Bewusstsein schaffen

Mir machte beides mal wieder deutlich: Viele Menschen können sich einfach nicht in andere hineinversetzen oder sind nicht bereit, anderen in Not zu helfen – sie denken nur an sich selbst. Genau das erleben wir Diabetiker leider auch oft. Das heißt für mich: Wir alle müssen intensiv weiter daran arbeiten, über unsere Erkrankung aufzuklären.

Und wir müssen allgemein ein Bewusstsein dafür schaffen, wie viele Menschen nicht gesund sind und wie viele Menschen Hilfen und Hilfsmittel im Alltag benötigen.


von Jana Einser

Das Team für den guten Schluss: Dr. Hans Langer arbeitet als Arzt in einer Diabetesklinik, Jana Einser hat schon seit Kindertagen Typ-1-Diabetes und Alex Adabei hat viele Bekannte und Verwandte mit Typ-2-Diabetes. Sie schreiben abwechselnd für diese Kolumne.

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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2018; 67 (7) Seite 82