Ein wahrer Süßterror tobt in der Adventszeit. Viele greifen deshalb zu den scheinbar harmlosen Süßstoffen. Doch die stehen nun im Verdacht dick zu machen, Diabetes auszulösen, warnt Hans Lauber.

Süßer die Düfte nie locken als zu der Weihnachtszeit. In den Läden warten Lebkuchenherzen, Marzipantaler, Oblaten, Pfeffernüsse, Schokoweihnachtsmänner und Vanillekipferln auf die Schleckermäuler. Auf den Weihnachtsmärkten duftet es verführerisch nach gebrannten Mandeln, Bratäpfeln, Eierpunsch und viel zu süßem Glühwein. Überall wird in den Zeitschriften, im Fernsehen für Rezepte geworben, um ganz viele zuckerige Leckereien selbst zu backen.

Ein wahrer Zucker-Overkill, dem viele mit einem scheinbar erfolgversprechenden Rezept entfliehen wollen: Sie greifen zu Süßstoffen – schließlich wurden sie jahrelang von den Experten als empfehlenswerte Alternative angepriesen. Ein fataler Irrtum, wie eine aktuelle „Medizinische Kurznachricht der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie“ zeigt. Dort heißt es in der Überschrift unmissverständlich: „Süßstoffe können das Diabetes-Risiko erhöhen“.

Das liegt wohl daran, dass synthetische Süßstoffe wie Aspartam, Saccharin oder Sucralose offenbar schädlich für bestimmte Darmbakterien seien, was zur Glukose-Intoleranz führen könne – eine der Hauptursachen für die Entstehung des Typ-2-Diabetes. Herausgefunden haben diese Zusammenhänge Forscher des „Weizmann Institute of Science“ in Israel durch Versuche mit Mäusen – ergänzt durch kleine Testreihen mit freiwilligen Versuchspersonen. Veröffentlicht wurde diese Studie im September in der renommierten Zeitschrift „Nature“.

Können dick machen, Diabetes auslösen: Süßstoffe

Eine bahnbrechende Studie, die einen wissenschaftlichen Paukenschlag bedeutet, den der Endokrinologe Prof. Dr. Klaus D. Döhler in der „Medizinischen Kurznachricht“ so resümiert: „Zusammengenommen zeigen die Daten, dass Süßstoffe womöglich nicht die harmlose Wunderwaffe gegen Adipositas und Diabetes sind, als die sie gedacht waren, sondern, dass sie durch Verändern der Zusammensetzung und Funktion von Darmbakterienpopulationen im Darm Diabetes und Adipositas sogar fördern“.

Ein langer Satz. Aber auf einen kurzen Nenner gebracht, hat er die Kraft, eine Revolution in der industriellen Nahrungsproduktion auszulösen. Denn diese Süßstoffe werden in großem Stil den „Diät und Light“-Getränken, aber immer häufiger auch Fertignahrungsmitteln zugesetzt. Dort führen sie aber möglicherweise dazu, dass sie die Aufnahme von Zucker sowie die Nahrungsverwertung fördern – was dick machen kann. Also genau das Gegenteil von dem, wofür die Süßstoffe bisher standen.

Sind nicht mehr unbedenklich: Süßstoffe

Ein bemerkenswerter Paradigmenwechsel, den in „DiabetesNews“ vom 6. November 2014 auch Prof. Dr. med. Helmut Schatz, Mediensprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, eindringlich kommentiert. Galten nämlich die Süßstoffe bislang weitgehend als unbedenklich, „kann diese Einschätzung so jetzt nicht mehr gehalten werden“, sagt Schatz – und geht sogar noch weiter: „Übergewichtige Menschen, die mit Süßmitteln ihr Körpergewicht senken wollen, müssen wissen, dass sie nach den neuesten Forschungsergebnissen damit ihr Diabetesrisiko sogar erhöhen“.

Aus für die milliardenschwere Diät-Industrie?

Würden diese Erkenntnisse ernst genommen, dann hieße das langfristig das Aus für eine milliardenschwere „Light- und Diät“-Industrie – jedenfalls dürfte sie nicht mehr mit angeblich gesunden Abnehmeffekten werben. So schnell wird es aber nicht dazu kommen, ahnt Endokrinologe Prof. Döhler, Geschäftsführer des renommierten Medizinunternehmens Curatis in Hannover: „Es wird meiner Meinung nach nicht lange dauern, bis die Getränke-Industrie aus allen Rohren gegen diese Studie schießen wird“.

Diabetes und Zucker – eine Kette von Irrtümern

Was hat Zucker mit Diabetes zu tun? Darüber streiten die Experten seit Jahren – und sie haben sich häufig geirrt. Als ich vor 15 Jahren „Fit wie ein Diabetiker“ schrieb, machte ich den Zuckerkonsum maßgeblich für die Entstehung des Typ-2-Diabetes verantwortlich. Höhnische Kommentare waren die Folge, renommierte Ernährungswissenschaftler und Ärzte belehrten mich milde, dass ich da wohl was verwechsle (die Namen dieser „Experten“ weiß ich noch sehr genau).

Nun, das ist vorbei, die meisten Gelehrten haben ihren Irrtum eingesehen. Inzwischen ist klar, dass der starke Konsum von Zucker über einen längeren Zeitraum, vor allem als Süßgetränk, zu folgender Wirkung führt: Es wird permanent Insulin ausgeschüttet – und dieses Masthormon führt dann zu Übergewicht, eine der Hauptursachen für den Lifestyle-Diabetes. „Zucker-Insulin-Schaukel“ habe ich das in meinem Buch genannt.

Leider auch keine Lösung des Süßproblems: Fruktose

Jahrelang wurde dann erklärt, dass die Fruktose, also der Fruchtzucker, die Lösung des Süßproblems sei – und sein Konsum wurde von den „Experten“ intensiv propagiert. Auch das hat sich inzwischen als falsch erwiesen. Ja, es hat sich sogar herausgestellt, dass die Fruktose noch schädlicher ist als die Glukose, weil dieser Stoff ganz stark zu Übergewicht führt. Trotzdem verwendet die Industrie diesen Stoff immer noch massiv – was sicher eine der Ursachen dafür ist, dass jedes Jahr allein in Deutschland über 300 000 neue Fälle von Typ-2-Diabetes auftreten.

Gesucht wird: Der Ausstieg aus dem süßen Leben

Nun also die Süßstoffe. Auch die hatte ich von Anfang an im Verdacht, das Diabetes-Risiko zu fördern – und das aus zwei Gründen: Zum einen ist nicht auszuschließen, dass sie doch das dick machende Insulin locken – weil dem Körper vorgegaukelt wird, es kämen zu verwertende Kohlenhydrate. Aber noch aus einem anderen Grund war ich von Anfang gegen Süßstoffe: Sie verdrängen das Grundproblem des „durchsüßten Lebens“. Das heißt, sie bringen die Menschen nicht dazu, generell über ihr „süßes Leben“ nachzudenken, sich zuckerarm oder zuckerfrei zu ernähren.

Diese Aussage wird gestützt durch persönliche Erfahrungen. Die Leute, die ihren Kaffee mit Süßstoff süßen, bestellen mit Vorliebe dazu ein richtig großes Stück Kuchen – schließlich haben sie ja mit dem Süßstoff „was gegen den Zucker gemacht“.

Mein Rezept für einen Diabetes-frohen Advent: Glühwein

So, nun hoffe ich, dass ich trotz dieser harten Aussagen Ihnen nicht die Adventsfreude vermiest habe. Eine Freude, die für viele untrennbar mit Glühwein verbunden ist. Auch ich mag Glühwein – und ich habe dafür sogar ein ganz spezielles Rezept entwickelt. Probieren Sie es mal aus. Sie werden überrascht sein!

Gewürzstark: Badischer Glühwein

Abgeriebene Schale und Saft einer Bio-Orange
2 TL fein geriebener Ingwer
1 halber Liter trockener Rotwein, etwa Spätburgunder von Dörflinger, Müllheim
2 Zacken Sternanis; 2 Kardamom-Schoten; 2 Pimentkörner; 3 Zimtblüten; 1 Schote Langpfeffer. Die Gewürze mörsern und dazu geben
Alles zusammen langsam auf 80 Grad erhitzen. Absieben und genießen

Wo ist der Zucker? fragen Sie. Sie werden ihn nicht vermissen!

von Hans Lauber
E-Mail: aktiv@lauber-methode.de
Website: www.lauber-methode.de