Wahre Medizinfabriken sind viele Pilze. Leider wird dieses Potential bei uns kaum genutzt. Ein großartiges neues Buch zeigt, wie sich die Heilkraft optimal erschließen lässt – vor allem auch für die Prävention des Typ-2-Diabetes.

Kelten und Germanen wussten noch um die Heilkraft der Pilze – und auch Hildegard von Bingen und die Heilkundebücher des Mittelalters widmeten den Pilzen ganze Kapitel. Leider ist dieses Wissen weitgehend verloren gegangen – und die heilenden Pilze spielen keine wirklich wichtige Rolle in der offiziellen Schulmedizin. Das mag auch daran liegen, dass sie eine Art „Mischwesen“ sind – denn obwohl sie scheinbar festgewurzelt in der Erde stecken, zeigen sie für Botaniker eher tierische Züge, weil sie im Gegensatz zu „richtigen“ Pflanzen keine Energie aus Sonnenlicht gewinnen können. Auch geißelte die Kirche die Pilze wegen ihrer teilweise berauschenden Wirkungen gerne als Teufelszeug.

„Heilende Pilze – Die wichtigsten Arten der Welt“, heißt ein gerade erschienenes Buch aus dem „Quelle und Meyer“-Verlag, das mit seinen über 400 Seiten alle Qualitäten hat, das Standardwerk der Mykotherapie, also der Pilzheilkunde, zu werden. Ein Buch, das die Kraft hat, der Pilzheilkunde endlich wieder den ihr zukommenden Stellenwert in der Medizin zu verschaffen. Geschrieben hat es Jürgen Guthmann, ein Diplom-Ingenieur für Technische Chemie, der lange an der Hochschule Weihenstephan arbeitete. Leser meiner Kolumnen und Bücher kennen seinen Namen, hat er doch auch an mehreren von mir vorgestellten Werken über die Heilkraft von Kräutern entscheidend mitgearbeitet.

Das Standardwerk der Mykotherapie: „Heilende Pilze“

40 große Porträts über Heilpilze hat Jürgen Guthmann verfasst, wobei interessanterweise viele davon auch bei uns wachsen – sodass das Buch mit Fug und Recht auch zu unserer Traditionsmedizin zu rechnen ist, auch wenn diese Tradition leider sehr stark verschüttet ist. Wie sehr es sich lohnt, dieses vergessene Wissen wieder ins Licht zu rücken, zeigen die Porträts von drei Pilzen, die ich exemplarisch betrachten will.

Pfifferling: Seh-Schärfer

Der weltweit beliebteste Speisepilz ist der Cantharellus cibarius, der seinen wissenschaftlichen Namen dem becherförmigen Aussehen verdankt, was lateinisch cantharella heißt. Und das cibarius steht für das, was den Pfifferling auszeichnet: „Speise“. Aufgewachsen bin ich mit dem gelben Pilz, habe ihn schon als kleiner Bub mit dem Großvater gesammelt – und immer noch erfasst mich im Sommer, wenn das Wetter warm und feucht ist, die Sammellust, und ich gehe zu meinen „Plätzen“ im Schwarzwald.

Vor dem Genuss kommt das Sammeln: Pfifferlinge

Was ich nicht wusste: Der Pfifferling ist auch ein Heilpilz, dem Jürgen Guthmann sieben Seiten widmet. Aufgebaut sind diese wie alle anderen Porträts nach demselben System: Einführung; Kurz- und ausführliche Beschreibung der medizinischen Wirkung; Inhaltsstoffe; Verwendung in der Küche; allgemeines Wissen; Geschichte; Beschreibung und Gattungsmerkmale; weitere Arten und Verwechslungsmöglichkeiten. Hervorzuheben sind hierbei die jeweiligen Kapitel über die „Inhaltsstoffe“ – sie heben das Buch meilenweit über andere Pilzbücher hinaus, und es werden vielfach auch die chemischen Formeln der einzelnen Stoffe abgedruckt. Eine wichtige Quelle für weitere wissenschaftliche Arbeiten. Wobei am Anfang des Buches auch ausführlich die Bedeutung der einzelnen Stoffe erläutert wird, etwa die für die Krebstherapie hochspannenden Glucane.

Das Wissen um die medizinischen Wirkungen des Pfifferlings stammt, wie so oft, aus der traditionellen chinesischen Medizin: Dort wird er eingesetzt zur Stärkung der Schleimhäute und bei Nachtblindheit, was aufgrund des hohen Carotin-Gehalts (eine Vorstufe des Sehvitamins A) sinnvoll erscheint. Ganz spannend, gerade auch für Diabetiker, ist der relativ hohe Gehalt an Vitamin D, ein fast schon Hormon-ähnlicher Vitalstoff, der das Insulin besser wirken lässt. Außerdem wirkt eine gute Vitamin-D-Versorgung als Knochen-, Grippe- und Hautschutz. Auch wichtig: Der hohe Gehalt an Vitamin B3 schützt die Zellen.

In den östlichen Ländern, die oft noch eine traditionelle Medizin haben, gibt es auch interessante Pfifferlings-Anwendungen, wie Jürgen Guthmann herausgefunden hat: So werden in Litauen getrocknete und anschließend pulverisierte Pfifferlinge (auch eine gute Methode der Haltbarmachung) mit Wodka aufgefüllt – und diese Mischung soll, man mag es kaum glauben, bei Lebererkrankungen helfen, wobei allerdings auch nur teelöffelkleine Mengen verwendet werden.

Wissenschaftlich! Lesbar! Bild-mächtig! Rezept-stark!

Vier Dinge gefallen mir besonders an diesem exemplarischen Buch: Es ist wissenschaftlich fundiert – hat ein fast 40!-seitiges Literaturverzeichnis. Trotzdem sind die Texte leicht lesbar, sodass sich auch Laien wunderbar in die Materie einarbeiten können. Zur guten Lesbarkeit tragen auch die großartigen Fotos bei – und es ist ungeheuer schwierig gute Pilzfotos aus der Natur zu bekommen, weil sich gute Fotos meist nur auf dem Boden liegend machen lassen. Aus der ganzen Welt hat Jürgen Guthmann von Fotographen und Instituten Fotos beziehen können – was für das hohe Renommee des Autors spricht, der viele Jahre an diesem Werk gearbeitet hat. Und viertens: Der Autor, der selbst gerne kocht, nennt auch Rezepte, brät die klein geschnittenen Pfifferlinge, wie es sich gehört, mit Zwiebeln in Butter an, löscht mit Weißwein ab und rundet mit Petersilie ab.

Ganz stark in der fernöstlichen Tradition bewegt sich Jürgen Guthmann, wenn er in seinem Buch Medizinisches und Kulinarisches mischt und bei allen essbaren Pilzen immer auch an die Küche denkt. Denn die strikte Trennung zwischen reiner Wissenschaft und Kochkunst kennen diese Länder nicht – wie übrigens auch die traditionelle europäische Medizin immer einen ganzheitlichen Ansatz verfolgte, wenn etwa Hippokrates postuliert: „Nahrung ist Medizin – und Medizin ist Nahrung“.

Jung ein kulinarischer Hochgenuss: Schopftintling

Schopftintling: Zucker-Zähmer

Auffallend weiß präsentiert sich dieser Pilz im Herbst. Allerdings ist die Pracht meist nur von kurzer Dauer, denn schon bald fängt sich Coprinus comatus an zu zersetzen – und der Schopf des wunderbaren Speisepilzes verwandelt sich in eine ungenießbare schwarze Tintenmasse.

Hochinteressant für Diabetiker ist der Coprinus, denn er hat eine Blutzucker senkende Wirkung. Ein Effekt, der sich durch eine Anreicherung der Pilze mit Vanadium noch steigern lässt, weil das Spurenelement die Freisetzung von Glukose aus der Leber hemmt. Jürgen Guthmann empfiehlt die Einnahme eines Pulvers aus dem getrockneten Schopftintling, das es in Kapselform zu kaufen gibt, etwa von „Pilze Wohlrab“ als „Bio Coprinus“.

Wunderbare kleine Geschichten sind es auch, welche das Buch faszinierend machen: So wird beim Schopftintling der seltene Befall mit dem Schmarotzer Faserling geschildert. Dieser Pilz verfügt über eine bemerkenswerte Eigenschaft: Er kann das Selbstauflösungsprogramm des Schopftintlings stoppen – auf dass er noch lange an einem intakten Pilz schmarotzen kann. Und die aus dem Mycel (es bildet den eigentlichen Pilz) des Schopftintlings wachsenden Fruchtkörper sind so stark, dass sie teilweise den Belag von Sportanlagen heben können.

Auch das vermittelt „Heilende Pilze“: Die Achtung vor der Schöpfung.

Pilze, die den Blutzucker balancieren


Äußerst hilfreich ist eine übersichtlich aufgebaute „Indikationsliste der 16 gebräuchlichsten Heil- oder Vitalpilze“. Aus dieser Liste habe ich einmal die „Diabetes-Pilze“ herausgesucht. Neben dem Schopftintling sind das:

  • Champignon: Insulin-Verstärker

    Instinktiv verwende ich seit Jahren den wissenschaftlich Agaricus heißenden Champignon in meiner Küche – und erziele damit offensichtlich einen positiven Effekt, denn Wirkstoffe des Pilzes lassen das Insulin besser wirken. Auch wird wohl der bei vielen Diabetikern erhöhte Blutdruck durch das enthaltene Enzym Tyrosinase gesenkt.

    Insulin aus Champignons? Auch interessant: Amerikanische Firmen arbeiten daran, Zellen des Kulturchampignons genetisch so zu verändern, dass sich daraus etwa Insulin gewinnen lässt.

  • Judasohr: Zell-Schutz

    Ausführlich beschrieben in unseren alten Heilpflanzenbüchern ist der Auricularia judae, das Judasohr, das auch Holunderschwamm heißt. Seine Diabetes-positive Wirkung rührt daher, dass es das Insulin besser wirken lässt und außerdem die Insulin-produzierenden Zellen geschützt werden. Der gallertartige, fleischfarbige Pilz ist gut essbar, wird aber bei uns, im Gegensatz zur asiatischen Küche, kaum verwendet.

  • Klapperschwamm: Schlank-Helfer

    Vorwiegend an alten Eichen wächst auch bei uns der Klapperschwamm, den die Japaner Maitake nennen – und der wissenschaftlich auf den schönen Namen Grifola frondosa hört. Diabetiker profitieren davon, dass er wie das Judasohr das Insulin besser wirken lässt, also die Insulin-Resistenz vermindert – und dieses schlechte Ansprechen des Körpers auf das bei Typ-2-Diabetikern meist genügend vorhandene Hormon ist eine der Hauptursachen für die gravierende Diabetes-Epidemie mit bald zehn Millionen Betroffenen allein in Deutschland. Außerdem wirkt der heute im großen Stil gezüchtete Pilz auch entzündungshemmend – und chronische Entzündungen gelten inzwischen als ein wesentlicher Diabetes-Auslöser. Noch was? Ja, der Maitake unterstützt die Gewichtsabnahme bei allen, die aktiv Kalorien reduzieren.

    Schwamm und Trüffel? Was mich brennend interessiert: Wenn oben am Stamm der Klapperschwamm wächst, gedeihen an den Wurzeln der gleichen Eiche auch die begehrten Trüffel?

  • Raupenpilz: Cholesterin-Senker

    Satte 13 Seiten seines Buches widmet Jürgen Guthmann einem der faszinierendsten Pilze der Welt, dem Cordyceps, der hauptsächlich im tibetanischen Hochland wächst. Der Name Raupenpilz ist wörtlich zu nehmen, denn der Pilz kann als Parasit nur auf den Larven verschiedener Mottenarten gedeihen, wobei die Raupen durch das Mycel vollständig „verdaut“ werden. Ein wunderschönes Bild auf Seite 284 zeigt diesen ungemein spannenden Pilz, von dem es wohl auch bei uns einige, allerdings noch nicht wirklich untersuchte Arten gibt, wie etwa die Zungenkernkeule, die Kopfige Kernkeule und die Puppenkernkeule.

    Der „pilzige“ Ginseng
    Vergleichbar mit dem geheimnisumwitterten Ginseng werden die medizinischen Eigenschaften des Cordyceps in der asiatischen Literatur beschrieben. Verallgemeinernd lassen sie sich auf den Nenner Steigerung der allgemeinen Leistungsfähigkeit bringen, was wohl ganz stark damit zusammenhängt, dass durch die Einnahme der Pilzextrakte die Sauerstoffaufnahme ins Blut erhöht wird. Zu der fast schon euphorischen Beliebtheit trägt sicher bei, dass auch sexuelle Lust und Fähigkeit gesteigert werden – und das bei Männern wie Frauen!

    Für Diabetiker ist der Raupenpilz interessant, weil er ebenfalls das Insulin besser wirken lässt und das bei vielen „Zuckrigen“ erhöhte schädliche LDL-Cholesterin senkt. Inzwischen wird der Pilz im großen Stil gezüchtet, und es werden daraus standardisierte Präparate hergestellt. Trotzdem bleibt die Wildform, vor allem zusammen mit der Larve, höchst begehrt und erzielt höchste Preise.

  • Schopftintling: Zucker-Zähmer

    Hochinteressant für Diabetiker ist der Coprinus, denn er hat eine Blutzucker senkende Wirkung. Ein Effekt, der sich durch eine Anreicherung der Pilze mit Vanadium noch steigern lässt, weil das Spurenelement die Freisetzung von Glukose aus der Leber hemmt. Jürgen Guthmann empfiehlt die Einnahme eines Pulvers aus dem getrockneten Schopftintling, das es in Kapselform zu kaufen gibt, etwa von „Pilze Wohlrab“ als „Bio Coprinus“.

  • Silberohr: Entzündungshemmer

    Tatsächlich wie ein silbernes Ohr sieht der mit dem Judasohr verwandte Trimella fuciformis aus. Auch dieser Pilz ist ein veritabler Entzündungshemmer, worauf wohl auch seine Blutzucker balancierende Eigenschaft beruht.

    Strahlenschutz
    Auch interessant bei diesem in Asien wachsenden Pilz: Er schützt vor radioaktiver Strahlung – keine schlechte Eigenschaft bei der ungebremsten fernöstlichen Begeisterung für die Atomenergie – wobei es nur eine Zeitfrage bis zum nächsten großen Unfall ist. Jürgen Guthmann berichtet daher in seinem Buch, dass staatliche chinesische Stellen wohl für allfällige Störfälle Silberohr-Präparate horten, anstatt endlich auf diese vom Menschen nicht beherrschbare Energie zu verzichten.

Hohes antidiabetisches Potential

Ihnen brummt der Schädel von so vielen Geschichten über Blutzucker balancierende Pilze? Keine Sorge, das geht mir ähnlich. Nur, haben Sie bemerkt, welch gewaltiges Potential an bei uns weitgehend unbekannten und ungenutzten Stoffen für eine wirksame Diabetes-Prävention in den Pilzen schlummert? Sicher, ohne eine drastische Reduktion des Zucker-Konsums können auch die Pilze nichts ausrichten. Aber in Kombination aus einer bewussten Lebensweise plus die Kraft der Pilze ließe sich die das Gesundheitssystem bedrohende Diabetes-Lawine besser beherrschen.

Leitfaden für die Diabetes-Forschung: Guthmanns „Heilende Pilze“

Also, werte Pharmaforscher, nehmt das Buch von Jürgen Guthmann als Grundlage für die Entwicklung wirksamer Diabetes-Präparate!

Naturforscher mit Zunderschwamm: Jürgen Guthmann

Zunderschwamm: Lichtbringer

Ein Ur-Pilz unserer Traditionsmedizin ist der Zunderschwamm, den bereits der Gletschermann Ötzi vor über 5 000 Jahren mit sich trug. Wobei unsere Vorfahren den Fomes fomentarius auch ganz stark nutzten, um daraus Zundermaterial herzustellen – weshalb der vor allem an alten Birken und Buchen gedeihende Pilz auch so heißt. Auch wurden aus größeren Stücken Hüte, Mützen und sogar Handschuhe gefertigt. Wer wissen will, wie sich mit dem Zunderschwamm ein Feuer entzünden lässt, wird in dem Buch auf Seite 192 fündig, wo Jürgen Guthmann ausführlich seine eigenen Erfahrungen schildert – wieder so ein Kapitel, das dieses Buch so lesenswert macht.

Medizinische Anwendungen des Zunderschwamms finden sich in vielen traditionellen Arzneibüchern. Im Vordergrund standen dabei seine Fähigkeiten als blutstillende Wundauflage und zum Schutz vor Infektionen. Auch verwendete die Volksmedizin den Pilz innerlich bei Blasenleiden, schmerzhaften Regelblutungen, bei Lungenerkrankungen, Asthma und Magenverstimmungen. Eine wichtige aktuelle Anwendung ist ein aus dem Zunderschwamm gewonnenes Methanol-Extrakt, welches das Wachstum der gefährlichen Krankenhauskeime hemmt.

Heilpilze und Krebs: Wirksam, aber kein Wundermittel!

Bei der aufmerksamen Lektüre des Buches fällt immer wieder auf, wie stark sich Pilze zur Bekämpfung der Menschheitsgeißel Krebs eignen, etwa der Zunderschwamm bei Speiseröhrenkrebs. In seiner Tabelle der wichtigsten Heilindikationen nennt Jürgen Guthmann bei zwölf Pilzen den Einsatz als „sehr bewährt“. Dazu gehören etwa der Champignon, aber auch der in Russland Chaga genannte Schiefe Schillerporling, der ganz stark helfen kann, die Begleitsymptome einer Chemotherapie zu lindern.

Heilmächtigster Pilz: Reishi

Einen herausragenden Platz in der Krebstherapie nimmt natürlich der Glänzende Lackporling ein, der in Japan Reishi heißt – und der wohl der Heilmächtigste aller Pilze ist. Schier unglaublich ist die Liste seiner Anwendungen, etwa bei: Bluthochdruck, Bronchitis, Herzschwäche, Magenschleimhautentzündungen, Lungenproblemen, aber auch allgemeiner Vitalitätsschwäche – und natürlich stärkt er auch die sexuelle Leistungsfähigkeit.

Chemotherapie wieder wirksam machen

Wie der Pilz beim Krebs wirkt, schildert Jürgen Guthmann anhand eines großen Problems der herkömmlichen Chemotherapie: Dort passiert es nämlich häufig, dass die Therapie zu Beginn den Tumor deutlich schrumpfen lässt. Dieser Effekt nimmt aber oft nach einiger Zeit dramatisch ab, weil sich die Krebszellen auf die giftigen Substanzen eingestellt haben. Forscher konnten nun zeigen, dass der Reishi die Empfindlichkeit etwa der Lungenkrebszellen gegenüber der Chemotherapie wieder herstellt – weshalb die japanische Regierung den Pilz als begleitende Medikation bei der Krebstherapie empfiehlt.

Das hört sich großartig an, das ist großartig. Auch die Berichte über den Shiitake machen Mut, denn der auch als guter Speisepilz bekannte Lentinula edodes stärkt nicht nur das durch den Krebs geschwächte Immunsystem, sondern ist auch bei vielen Tumoren, etwa Brust, Lunge, Magen, inzwischen ein bewährtes Medikament, vor allem als ein spezielles, aufgereinigtes Extrakt namens Lentinan.

Wichtige Warnung: Alles gut, also? Freie Bahn den Pilzen in der Krebstherapie? Nicht mit Jürgen Guthmann! Er stellt in einem einleitenden Kapitel unmissverständlich klar: Pilze, daraus hergestellte Pulver oder Extrakte sind keine Heilmittel gegen Krebserkrankungen! Das mag auf den ersten Blick widersprüchlich zu den folgenden Aussagen bei den einzelnen Pilzporträts scheinen. Aber Jürgen Guthmann geht es um etwas anderes: Er weiß um die Nöte vieler Schwerkranker, die nach einem rettenden Anker suchen – und da warnt er vor falschen Hoffnungen. Denn gerade im fortgeschrittenen Stadium können auch die Pilze oftmals nicht mehr viel ausrichten, haben sie doch auch ganz stark eine präventive Funktion.

Werdet eins: Schul- und Komplementärmedizin!

Wofür der Autor aber plädiert – und das gefällt mir richtig gut: Er wirbt dafür, dass sich endlich sowohl die Schulmedizin, wie auch die Komplementärmedizin aus ihren Schützengräben begeben und die Vorteile beider Ansätze zum Nutzen der Patienten verbinden: Das ist bei der Komplementärmedizin der ganzheitliche Ansatz und bei der Schulmedizin die gründliche Diagnose, auf deren Basis erst ein vernünftiger Therapieplan erstellt werden kann – und der dürfte in Zukunft bei uns sehr viel stärker auch die Erkenntnisse über die Kraft der heilenden Pilze beinhalten!

Schmeckt gut, bildet Pflanzenhormone: Schwefelporling

Noch tagelang könnte ich über das Buch und die besprochenen Pilze schreiben. Nur einen kleinen Bruchteil konnte ich herausgreifen. Dabei gäbe es noch so viel zu sagen über den Fliegenpilz, der bei Rheuma hilft; über den schmackhaften Hallimasch, der beim gefürchteten Tinnitus wirkt; über den Igelstachelbart, der die Alzheimer-Therapie unterstützt; über die Phallus-schöne Stinkmorchel, die der Gicht zu leibe rückt.

Pflanzenhormone Ja, und nicht vergessen möchte ich meinen Zufallsfund vom letzten Herbst, wo ich beim Joggen am Rhein an einem Baum plötzlich die Austriebe des Schwefelporlings entdeckte, abpflückte – und mich darüber freuen durfte, dass der Pilz wie ein herrliches Schnitzel schmeckt. Bei Jürgen Guthmann lese ich dann, dass dieser Pilz sogar Pflanzenhormone bildet, wie die Abscisinsäure, welche bei Pflanzen als Wachstumshemmer wirkt. Und wer weiß, vielleicht lässt sich dieser Effekt auch nutzen, um Krebszellen am Wachsen zu hindern!

Kaufen! Lesen! Staunen!

Es bleibt mir nur eines: Kaufen Sie dieses Buch! Lassen Sie sich gefangen nehmen von der wunderbaren Welt der heilenden Pilze, in die Sie Jürgen Guthmann auf seriöse und trotzdem unterhaltsame Weise einführt. Vor allem: Staunen Sie über die Bilder mit den teils bizarren Formen, welche die Pilze ausbilden.

Ein Suchender ist Jürgen Guthmann. Einer, der immer in Bewegung ist, der sich nicht festlegen lässt, weder privat noch beruflich. Einer, der nicht für feste Strukturen gemacht ist, der immer wieder ausbricht, der neugierig immer wieder die Welt erkundet. Einer, der relativ bescheiden im Fränkischen lebt, wenig für das Leben braucht. Einer der deshalb wirklich unabhängig ist.

Es ist wohl diese Unabhängigkeit, die ihn befähigt, ohne Rücksicht auf mögliche einengende Meinungen von Experten ein solches Meisterwerk wie dieses Buch zu schaffen. Ein Buch eines einzelnen Privatgelehrten, das daherkommt, als hätte ein ganzes wissenschaftliches Institut daran gearbeitet. Ein Buch, das längst nicht abgeschlossen ist, das Guthmann längst schon wieder weiter entwickelt hat. Natürlich arbeitet er nicht im luftleeren Raum, steht im engen Kontakt mit anderen Pilzkundigen und Forschern. Deshalb ist es eminent wichtig, dass die Professorin Dr. Ulrike Lindequist vom Institut für Pharmazie der Universität Greifswald das Vorwort geschrieben hat, woraus ich gerne zitiere:

Wird die Forschung zum Nutzen der Patienten stimulieren

„Hervorzuheben ist, dass die Anzahl der besprochenen Pilzarten mit etwa 150 wesentlich größer ist als in den bisher verfügbaren Büchern. Etwa 45 Arten davon werden besonders ausführlich dargestellt. Völlig neu und verdienstvoll ist die gründliche Auswertung der Originalliteratur. Die etwa 1 600 Literaturzitate erlauben dem interessierten Leser den Rückgriff auf die Originalliteratur und dürften auch für die Forschung viele Anregungen geben. Ich bin überzeugt, dass das Buch die Erforschung, klinische Erprobung und Anwendung von höheren Pilzen im Sinne und zum Nutzen der Patienten stimulieren wird“.

Auch ein kreativer Querdenker: Heinrich Marzell

Mich erinnert das Werk von Jürgen Guthmann an das einzigartige Oeuvre von dem ebenfalls aus Bayern stammenden Heinrich Marzell, der in fast 40-jähriger Arbeit das fünfbändige „Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen“ zusammentrug – und dabei übrigens auch dem Pfifferling drei Seiten widmete. Das Besondere an diesem Lexikon des Biologie- und Chemielehrers ist, dass sich aus den verschiedenen Namen für eine Pflanze auch auf die unterschiedlichen medizinischen Verwendungen schließen lässt, wenn etwa der Löwenzahn auch „Krebsblum“ heißt, zeigt es, dass der Gelbblütler um 1714 für die Frühjahreskur gegen Karzinome genutzt wurde.

Herausragende verlegerische Leistung

Wobei es dem 1885 geborenen Marzell nicht wirklich vergönnt war, sein gewaltiges Werk unter vernünftigen Bedingungen gedruckt zu erleben. Da hat Jürgen Guthmann ein größeres Glück. Denn es ist eine wirklich außergewöhnliche verlegerische Leistung, dass sein Buch in einer hervorragenden Qualität großformatig gedruckt wurde von dem kleinen, auf Ratgeberliteratur spezialisierten Quelle & Meyer-Verlag aus der Nähe von Koblenz. Große Klasse!

Heilende Pilze – Die wichtigsten Arten der Welt im Porträt, Jürgen Guthmann, 2017, 424 Seiten, 494(!) farbige Abbildungen. Quelle & Meyer Verlag, 49,95 Euro. ISBN: 978-3-494-01669-6

von Hans Lauber
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