Früher auf dem Land selbstverständlich, sind Bauerngärten heute eine Rarität. Einer der prächtigsten liegt auf 750 Metern Höhe in Oberbürchau im Südschwarzwald. Buchautor Hans Lauber hat ihn für Sie besucht.

Von Basel und Lörrach kommend, geht es vor Schopfheim ins lauschige Kleine Wiesental, eine der schönsten Bilderbuchlandschaften im Schwarzwald. Ganz hinten, wo schon der Aussichtsberg Belchen grüßt, liegt das idyllische Bürchau. Jetzt führt ein kleines, kurviges Sträßchen nach Oberbürchau – und wo der Weg endet, thront seit über 170 Jahren der Bauerngarten der Familie Zeh.

Voller Begeisterung führt Waltraud Zeh durch ihr kleines Gartenreich, in dem sie vor allem im Sommer täglich viele Stunden verbringt. Zusammen mit ihrer Tochter Adelheid Mogel hegen und pflegen die beiden den über 200 Quadratmeter großen Garten, dessen Eingang ein prächtiges Rosentor bildet. In bunter Vielfalt wächst hier strukturiert von zwei sich kreuzenden Wegen in vier großen Beeten, was in einen Bauerngarten gehört: Gemüse, Salat; Küchen- sowie Heilkräuter; Früchte wie Johannis- und Himbeeren sowie Bäume und Blumen – wobei alles einer jahrhundertealten Ordnung folgt: Denn jedes Frühjahr wird die eine Hälfte des Gartens mit Mist vom Nachbarn gedüngt. Dort wachsen dann bodenzehrende Pflanzen wie Kohl und Zucchini. Im nächsten Jahr wird das Ganze umgedreht – und so entsteht eine natürliche Fruchtfolge.

© Hans Lauber
Unser tägliches Gemüse: Bauerngarten in Bilderbuchlandschaft

Früher wurde noch eigener Mist verwendet vom großen Bauernhof mit 20 Stück Vieh, mit Rindern, Schweinen und Geflügel. Jetzt kommt die Bodennahrung vom Nachbarn – im Tausch gegen das Heu, was noch selbst erzeugt wird. Früher hatten auch die meisten Höfe noch solche Gärten, doch inzwischen sind die Zehs fast die einzigen im Tal, die sich noch selbst versorgen: „Es reicht für uns sechs Personen“, sagt die rüstige 82-jährige, die auch noch weiß, welche Kräuter für welche Wehwehchen helfen: „Die Wollblume ergibt einen heilenden Hustentee, die Kamille macht einen guten Magen, der Salbei lindert das Halsweh – und das Johanniskraut beruhigt“.

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Labt Seele und Nerven: Johanniskraut

„Aussem elterliche Garte in Sallneck isch´s Mädchenauge“, sagt sie im sympathischen alemannischen Dialekt – und zeigt auf den in der Tat mehrjährigen Sommerblüher. Ja, auch Blumen gehören in jeden Bauerngarten, der wie jeder Garten immer auch so etwas wie ein kleines Paradies auf Erden ist – und auch für ein ausgeglichenes Gemüt sorgt. „Mit den Pflanzen ist es ein Kommen und Gehen – wie bei uns Menschen auch“, sagt sie mit der Gelassenheit des Alters.

Allerdings geht es auch im Paradies manchmal ganz irdisch zu – so hat in den letzten Jahren der böse Buchsbaum-Pilz die traditionelle Beeteinfassung dahingerafft – bis auf eine Stelle ganz hinten im Garten. Dort wächst eine Eibe, einer der giftigsten Bäume. Gegen dessen Ausdünstungen hatte der Pilz keine Chance – und der Buchs präsentiert sich hier noch unversehrt, während er an den anderen Stellen durch Ilex ersetzt wurde. Es wird halt alles genau beobachtet im Garten.

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Stolz auf das Geschaffene: Waltraud Zeh

Während wir durch den Garten streifen, den Salat, die Zwiebeln, den gut wachsenden Kohlrabi bewundern, ich eine der wunderbaren Erdbeeren nasche, kommt Tochter Adelheid Mogel, die auch in dem Haus wohnt – und der Mutter im Garten zur Hand geht. An sich hat sie heute gar keine Zeit, weil sie mit ihrem Sohn an der steilen Wiese unterhalb des Gartens beim Heuen ist – eine schweißtreibende Arbeit. Sicher, manchmal kommen ihr leise Zweifel an der anstrengenden Gartenarbeit, wenn sie sieht, wie preiswert heute die Lebensmittel sind. Aber dann schneidet sie einen frischen Salat, erntet den kräftigen Schnittlauch – und alles ist wieder gut. Dann zeigt sie mir noch die Tomaten, von denen sie manchmal bis im November holen können – und das in der Höhenlage. Aber während im Herbst oft das Tal zugenebelt ist, scheint hier im Südhang oft noch die wärmende Sonne.

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Eine schweißtreibende Arbeit für Adelheid Mogel: Heuen

Etwas ganz Besonderes sind die Obstbäume. Sie wurden von Willi Zeh, der eine Baumschule hatte, selbst veredelt, was zum Erhalt alter Obstsorten beiträgt. Inzwischen muss der 89-jährige aber kürzer treten. Denn vor einigen Jahren kletterte er auf den prächtigen Nussbaum vor dem Haus und wollte Nüsse schütteln. Aber ein Ast gab nach, und er stürzte in die Tiefe, brach sich viele Knochen, lag einige Tage im Koma. „Die Ärzte haben es gut wieder hingekriegt“, sagt er, „aber es tut halt immer noch weh“. Es ist das kein Jammern, so etwas macht kein Schwarzwälder Bauer, nur ein kleiner Hinweis – und schon hellt sich die Miene auch wieder auf – als seine Frau mit einem kleinen Kätzchen kommt, das sie liebevoll streichelt. Die Katzen, sie sind wohl die einzigen Tiere, die noch auf dem Hof sind.

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Zusammen durchs Leben: Waltraud und Willi Zeh

Schade, dass diese Höhenlandwirtschaft langsam ausstirbt. Hier wären die riesigen Subventionssummen endlich einmal klug angelegt für Bauern, die eine wertvolle Kulturlandschaft offen halten. Sinnvoller jedenfalls als für die Boden zerstörende Intensivlandwirtschaft, die immer mehr bäuerliche Betriebe verdrängt.

Bauerngärten – Teil der TDM Traditionelle Deutsche Medizin

Hoffentlich gibt es den Garten in Oberbürchau noch lange – und vielleicht werden auch wieder neue Bauerngärten angelegt. Denn ich bin überzeugt, dass solche Bauerngärten auch ein wichtiger Bestandteil unserer traditionellen Medizin sind – und zwar aus folgenden Gründen:

  • Naturkost: Wer sich frisch aus dem eigenen Garten versorgt, schwingt im Takt der Natur – und ernährt sich automatisch richtig. Isst im Frühling die Kräuter und Salate, die vitalisieren. Isst im Sommer die reifen Gemüse, etwa die Stangenbohnen, die auch in Bürchau wachsen. Im Herbst und Winter warten die reifen Kohlsorten, die beruhigend wirken.
  • Vitalkraft: Nichts verduftet so schnell wie Vitamine. „Gartenfrisch“ ist da immer noch die beste Garantie, dass die Nahrung den vollen Vitalgehalt besitzt. Wird dann noch, wie etwa in Oberbürchau, der Boden klug mit Nährstoffen versorgt, kommt ein ernährungsphysiologisch höchstwertiges Lebens-Mittel auf den Tisch.
  • Bewegung: Wer regelmäßig im Garten bis ins hohe Alter arbeitet, bewegt sich auch, beugt so Krankheiten wie dem Diabetes vor. Solche erfüllenden Tätigkeiten halte ich für sinnvoller, als alte Leute, wie von vielen Ärzten gefordert, ins Fitness-Studio zu schicken.
  • Artenschutz: Oft gibt es in diesen Bauerngärten noch alte Sorten, wie etwa die Blume, die Waltraud Zeh aus dem elterlichen Garten mitgebracht hat. Das hilft, die heute so stark bedrohte Vielfalt an Pflanzen zu erhalten. Suchen Forscher heute nach bedrohten Sorten, werden sie oft in Bauerngärten fündig.
  • Heimat: Bauerngärten reflektieren die umgebende Natur, stiften Identität – und vermitteln gerade in diesen zerrissenen Zeiten ein Stück vertraute Heimat. Wer ein paar Stunden im Garten gearbeitet hat, ist wieder mit sich im reinen, braucht ganz bestimmt keine teuren Psychopharmaka mehr.

Bauerngärten – und „TDM Traditionelle Deutsche Medizin“? Da schmunzeln erfahrungsgemäß viele – und halten das für zu hoch gegriffen. Aber so ist es mit der präventiven Volksgesundheit: Sie setzt sich aus vielen kleinen Bausteinen zusammen, die wohl abgestimmt ein großes Ganzes geben.

© Hans Lauber
Wohlschmeckende und preiswerte Gesundheit: Garten

Der Garten ruft am 31. Juli!
„Tag des Offenen Bauerngartens“ heißt es am 31. Juli 2016, wenn die Badische Bauern Zeitung wieder dazu einlädt, sich über die Vielfalt dieser kleinen Paradiese zu informieren. 18 Gärten von Gengenbach in Nordbaden bis zum Garten in Bürchau öffnen dann ihre Pforten.

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Bewacht den Garten: Kater Peter


von Hans Lauber
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