Hans Lauber's Kolumne mit einer Weihnachtserzählung über das Räuchern, das auch ein spirituelles Erlebnis sein kann.

Fast vergessen war das Räuchern. Inzwischen erkennen die Menschen wieder, wie Harze Seele und Gesundheit stärken. Eine Weihnachtserzählung

Ursprung in der Steinzeit

Am Anfang war das Feuer. Dann kam das Räuchern. Als es den Menschen endlich gelungen war, das Feuer zu zähmen, ließen sich auf einmal die feucht-kalten Höhlen wärmen. Doch schon bald merkten die Menschen, dass die vor die Höhlen gehängten Felle plötzlich nicht mehr faulten, dass das noch daran hängende Fleisch wieder genießbar wurde: Das Räuchern zum Konservieren von Fleisch war geboren.

Auch merkten die Menschen, dass Kräuter und Hölzer, die in der Glut weiter glimmten, ein Klima schufen, das üble Gerüche vertrieb, lästige Erkältungen minderte. Das Räuchern als Quelle der Gesundheit war geboren. Aber die Menschen merkten auch, dass manche Pflanzen, die in der Glut des Feuers langsam verkohlten, einen wohligen Duft verströmten, dass sie in Trance verfielen: Das Räuchern als spirituelles Erlebnis war geboren.

Lebensmittel konservieren, Krankheiten lindern, ein neues Bewusstsein erlangen. Diese drei Eigenschaften des Räucherns haben sich bis in unsere moderne Zeit erhalten – und erfahren derzeit eine Renaissance.

Lebensmittel: Köstlich konservieren

Überlebenswichtig war früher das Konservieren von Fisch und Fleisch. Räuchern eignete sich dafür bestens – und seine uralten Grundprinzipien gelten bis heute: Zuerst muss eingesalzen werden (was erklärt, warum das Salz so eine eminente wirtschaftliche Bedeutung hatte).

Danach wird geräuchert, wobei das am Besten mit „kaltem“, nicht mehr als 30 Grad heißem Rauch gelingt, weil sonst das Eiweiß gerinnt, das Fleisch austrocknet. „Kalt“ wird die Feuchtigkeit langsam entzogen, das Fleisch wird „gegart“ und haltbar gemacht, wird zu einer Köstlichkeit. Ein Vorgang, der durchaus Tage und Wochen dauern kann. Gerne wird Buchenholz verwendet, weil es antibakteriell wirkt.

Lebendig ist das Räuchern immer noch im über 300 Jahre alten „Schneiderhof“ im Südschwarzwald. Ohne fließendes Wasser und Strom verbrachte darin Berta Schneider ihr Leben, bis sie 1986 mit über 90 Jahren starb. Heute ist der Hof ein beliebtes Museum, in dem immer noch auf herkömmliche Weise Speck gemacht wird: Der Rauch zieht vom Herd durch das ganze Haus – und räuchert die aufgehängten Schinken auf dem Dachboden. Inzwischen ist dieser traditionelle Speck wieder eine gefragte Delikatesse.

Trance: Das Tor zum Unterbewussten

Schon immer haben die Menschen die Götter angefleht - und häufig haben sie ihnen Menschenopfer gebracht. Anstelle des barbarischen Rituals ist das Räuchern getreten, denn die berauschenden Düfte erlaubten es vor allem den Schamanen, die es in jeder traditionellen Kultur gab, in Verbindung mit den höheren Mächten zu treten.

Gut gelingt das auch heute noch beispielsweise mit der „Moxa-Therapie“, wo mit dem Rauch von der Artemisia, einem Beifußgewächs, bestimmte Meridiane angeregt werden – und die Düfte werden als Botschafter an die Götter gesehen, die wiederum helfen, die eigene Mitte zu finden.

Das mag sich esoterisch anhören, Tatsache ist jedoch, dass intensive Düfte direkt an unser Unterbewusstsein appellieren, dass sie nicht über unser rationales Gehirn, sondern über das limbische System, also das „Bauchgefühl unseres Darmhirns“, verarbeitet werden. So erklärt es sich, dass extreme Düfte, wie sie etwa von den Pheromonen der Trüffel ausgehen, im wissenschaftlichen Versuch sexuelle Aktivitäten stimulierten.

Auch Parfüm kommt von „Per fumare“

Auch unser Parfüm kommt ja von „Per fumare“, also durch Räuchern – und die charakteristischen Düfte, die wir uns auflegen, haben sogar eine ganz praktische gesundheitliche Bedeutung: So fanden Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie in Plön heraus, dass der tiefere Sinn des über 5.000 Jahre alten Brauchs der Parfümierung darin besteht, den Duft des eigenen Immunsystems zu verstärken.

Was sich dann wiederum auf die Partnerwahl auswirken könnte – auf dass sich die Männer und Frauen zusammen finden, die sich bestens „riechen“ können, und die bestens gemeinsam gesund bleiben.

Räucherzeremonie: Die Rauhnächte

Das Räuchern gehörte früher im Alpenraum zu den heiligen Riten der Bauern, wobei jeder Bauernhof auf seine ganz eigene Weise den klärenden Rauch verwendete. Einer, der diese archaische Überlieferung noch als Kind miterlebte, ist Roland Lackner. Geboren 1971 in Steins an der Enns am Sölkpass, der aus der Keltenzeit stammenden Verbindung zwischen der Steiermark und Kärnten, schildert er hautnah den alten Brauch:

Die Weihnachtserzählung von Roland Lackner

„Auf unserem kleinen Bauernhof waren die Rauhnächte immer etwas ganz Besonderes. Dazu gehören die Nächte vom 24. auf den 25. Dezember, die Silvesternacht und die Nacht vom 5. auf den 6. Januar. Insgesamt sind es 12 oder manchmal auch 13 Nächte, je nachdem wie der Mond steht, nach dem sie bestimmt werden. In dieser Zeit sind sich Himmel und Erde ganz nah, und die einfachen Bauersleute glaubten, dass sich um diese Zeit besonders viele Geister herumtrieben, die sie friedlich stimmen wollten.

Mein Opa räucherte immer am Heiligabend. Die Zeremonie begann normalerweise nach Einbruch der Dunkelheit. Zuerst füllte er in die traditionelle Räucherpfanne, die über Generationen in der Familie vererbt wurde, Buchenholzkohle aus dem Herd und legte dann das Räucherwerk auf.

Am häufigsten wurden dabei Wacholder, Weihrauch und Speickwurzeln, ein Baldriangewächs, das in Kärnten und der oberen Steiermark wächst, verwendet. Dazu kam ein geweihter Kräuterbuschn, bestehend aus verschiedenen Kräutern, darunter Königskerze, Beifuß, Schafgarbe, Johanniskraut und Weidenkätzchen.

Ritual: Räuchergang

Wichtig war dem Großvater, dass der Räuchergang an der Eingangstüre begann, dann ging es durch die Küche, den Keller über den verschneiten Hof in den Stall zu den Tieren. Denen haben wir immer etwas Feines mitgebracht, auch sie bekamen geweihte Kräuter. Immer blieben die Kühe ganz ruhig, trotz des Rauches, der sie normalerweise sofort in die Flucht treibt.

Es kam mir vor, als ließen auch sie sich anstecken von der Magie dieser Nacht. Jeder kennt sicherlich die Geschichte, dass man am Weihnachtsabend die Tiere im Stall reden hören kann. Auch uns erzählte der Großvater das, so dass auch wir manchmal meinten, sie tatsächlich sprechen zu hören.

Praktische Seite des Räucherns

Die Magie war das eine, aber das Räuchern hatte auch eine ganz praktische Seite: Intensiver Rauch erfüllte die Räume – und das war gut so, denn das reinigte und desinfizierte die stickige Luft. Aber das erfuhr ich erst später, als ich merkte, dass mein Opa ein ungeheures Kräuterwissen hatte und sehr genau wusste, welche Kräuter er nehmen musste, um diese unvergleichliche Mischung aus Reinigung und Meditation zu erreichen.

Mein Großvater war durch den Krieg, in dem er einen Fuß verloren hatte, schwer gezeichnet. Für einen Bauern zu jener Zeit war das schrecklich, denn all die heutigen technischen Hilfsmittel gab es damals nicht. Aber in dieser geweihten Nacht wirkte er wie aus einer anderen Welt, er bat um Schutz für den Hof, dass uns Krankheiten verschonen, dass die Sorgen verschwinden mögen – und rief zum Schluss: „Jetzt haben wir den ganzen Dreck, der sich übers Jahr gesammelt hat, rausgeschmissen und alles kann neu beginnen“.

Faszination Räuchern

Für mich waren diese Rauhnächte meine schönsten und prägendsten Erlebnisse, die ich mein ganzes Leben nicht vergessen habe – und die auch mein ferneres Leben bestimmt haben, denn die Faszination Räuchern ließ mich nie mehr los“.

Heute wohnt Roland Lackner, der sich „Räucherwerker“ nennt, in seinem „Hexenhäuschen“ in Brunnthal bei München und bietet Räucherkurse an, verkauft Räucherutensilien, stellt eigene Räuchermischungen her – und ist immer wieder in der geliebten Steiermark, wo er oft durch die Wälder streift auf der Suche nach „Kräutern, die genau jetzt auf mich gewartet haben“. Was sich esoterisch anhören mag, klingt bei dem bedächtigen und geerdeten Roland Lackner absolut glaubhaft und authentisch. www.rauchtum.de

Weihrauch: Heiliger Rauch ...

Gold, Myrrhe und Weihrauch brachten die sagenhaften Drei Könige dem neu geborenen Erlöser der Menschheit. Gold steht für materiellen Reichtum. Das Harz des Myrrhebaums ist ein Symbol für das Irdische und Vergängliche, und der Weihrauch steht für das Göttliche. Der Weihrauch ist etwas von allem: Er war schon im Altertum so wertvoll, dass er mit Gold aufgewogen wurden. Wie Myrrhe wirkt auch das Harz des Weihrauchbaums desinfizierend.

Aber der Weihrauch hat auch eine starke spirituelle Bedeutung: Über Jahrtausende war Weihrauch der vielseitigste Stoff, der in religiösen Zeremonien, in der Aromatherapie, als Parfüm und als Medizin verwendet wurde. Bis heute wird er in der katholischen Kirche angezündet, um eine verklärende Atmosphäre zu verbreiten.

... und bedeutend in der modernen Medizin

Aber „die Tränen der Götter“, wie der Weihrauch auch heißt, haben plötzlich auch in der modernen Medizin wieder einen hohen Stellenwert: So hat die Universität Jena herausgefunden, dass der Wirkstoff Boswelliasäure ein gutes Heilmittel gegen Entzündungen ist, und es gibt auch Hinweise, dass der Weihrauch sogar ein Mittel gegen die sich stark ausbreitende Zivilisationskrankheit Typ-2-Diabetes ist.

Allerdings bedroht Raubbau den einzigartigen Baum, der einige hundert Jahre alt werden kann, und dessen wertvollster Bestand im Wüstenland Oman liegt. Würde der Weihrauchbaum aussterben, verschwände ein Heilmittel mit großem Potential und eine der wichtigsten spirituellen Quellen von Morgen- und Abendland.

Hausreinigung: Energieschub

Zu den interessantesten Räucheranwendungen gehört die energetische „Hausreinigung“. Für Roland Lackner ist ein Haus „ein geschriebenes Buch mit einer Seele“. Die Geschichte des Hauses nimmt er als in Energieform gespeicherte Schwingungen wahr, weshalb er von einer „energetischen Hausreinigung“ spricht.

In drei Phasen geht der „Räucherwerker“ vor: Zuerst werden die Räume „gereinigt“. Das dabei verwendete Räucherwerk wird individuell zusammengestellt, wobei sowohl Räuchermischungen als auch einzelne Räucherstoffe wie Myrrhe, Wacholder, Beifuß, Raute oder Wermut verwendet werden.

Während des Räucherns achtet er darauf, ob sich der Rauch in Form, Farbe, Richtung oder Intensität ändert, was auf ein früheres Ereignis wie etwa einen heftigen Streit an dieser Stelle hinweist. Diese Dinge spricht er durch den Räuchervorgang bewusst an und kann so für eine Klärung sorgen.

Harmonie und Balance

Die zweite Phase dient dazu, mit harmonisierendem Räucherwerk wieder eine Harmonie und Balance in das Haus zu bringen. Auch hierbei stimmt er die Räucherstoffe auf die Räume und die Bewohner ab und verwendet sowohl Räuchermischungen als auch Einzelstoffe. Beispielhaft hierfür stehen etwa Styraxharze, Lavendel, Rosenblüten oder Zedernholz, die angenehm riechen.

In der dritten Phase erfolgt der „Energieaufbau“, der neue Kraft in das Haus bringt. Hierbei verwendet er gerne Räucherwerk wie Mastix, Weihrauch, Johanniskraut, Sandelholz genau so, wie er es beim Großvater gelernt hat: „Jetzt ist der Dreck des Vergangenen raus, jetzt kann es neu beginnen“.

Ob das immer funktioniert? Wer das Ganze skeptisch sieht, es für Hokuspokus hält, wird nichts davon haben. Aber sensible Menschen, die spüren, wenn „etwas in der Luft liegt“, wenn die sprichwörtliche „dicke Luft“ herrscht – sie können in faszinierende neue Welten eintauchen.

Selbst räuchern: Aphrodisierend bis entzündungshemmend

Viele Menschen wollen die Wirkung des Räucherns auch für sich nutzen, etwa um sich ganz praktisch gegen Erkältungen zu wappnen, wofür sich Kräuter wie Rosmarin und Thymian eignen. Weil es so praktisch ist, werden die Kräuter inzwischen häufig über Stövchen geräuchert. Hierbei spricht Roland Lackner jedoch nicht vom Räuchern, sondern lieber von „Raumbeduftung“. Zu diesem Zweck reicht ein Stövchen mit Teelicht völlig aus, zumal der Duft der Kräuter teilweise besser und länger zur Geltung kommt.

Das echte energetische Räuchern erfolgt jedoch auf einer Räucherkohle, da damit die notwendige Temperatur von rund 400 Grad erreicht wird. Die Räucherkohle wird angezündet, glüht von selbst durch und wenn sie komplett von einer weißen Ascheschicht überzogen ist, wird das Räucherwerk aufgelegt und nach kurzer Zeit wieder herunter genommen, damit es nicht verkokelt.

Räucherwerk in verschiedenen Formen

Räucherwerk gibt es in verschiedenen Formen: Zum einen als reine Rohstoffe, etwa Harze wie Weihrauch, Kräuter, Blüten, Hölzer, Wurzeln und Früchte. Zum anderen werden zueinander passende Rohstoffe ausgewählt, um Räuchermischungen mit unterschiedlichen Düften und Wirkungsweisen herzustellen.

Allein vom Weihrauch gibt es ungefähr 26 unterschiedliche Arten, wobei der Weihrauch aus dem Oman (boswellia sacra) zu den ältesten Räucherstoffen gehört. Das Harz des Weihrauchbaumes wird sowohl zum Räuchern als auch zum Parfümieren verwendet. In der Naturheilkunde wird der Weihrauch für seine entzündungshemmende Wirkung geschätzt. Selbst die ayurvedischen Medizin nutzt indischen Weihrauch (boswellia serrata) bei vielen Beschwerden.

Mastix

Mastix, das Harz vom Pistazienbaum, gibt es nur von der griechischen Insel Chios und sorgt mit seinem mild-fruchtigen Duft für eine angenehme Atmosphäre. Die antibakterielle und gegen Pilze helfende Wirkung wurde bereits von den alten Griechen vor über 2 500 Jahren gezielt eingesetzt.

Myrrhe

Einen erdig-balsamischen Duft verströmt die Myrrhe. Dieses Räucherharz wurde früher gerne zur Geburtsbegleitung verräuchert. Die entzündungshemmende und heilende Wirkung nutzten bereits die Ägypter, und sie findet auch heute noch Verwendung als Tinktur bei Zahnfleischentzündungen.

Wacholder

Zu den bekanntesten heimischen Räucherstoffen gehört der Wacholder. Sein reinigender und desinfizierender Rauch wurde verwendet, um die „bösen Geister“ auszutreiben. Zur Pestzeit wurden mit ihm sogar die Krankenzimmer ausgeräuchert. Der Wacholder ist ein wichtiger Bestandteil in der alpenländischen Heilkunde.

Johanniskraut

Ein „Energiespender“ ist gerade in der dunklen und kalten Jahreszeit das Johanniskraut. Dieses wunderbare Kraut ist in der Lage, das Sonnenlicht zu speichern. Die stimmungsaufhellende Wirkung wird beim Verräuchern sowie auch in der Volksheilkunde gezielt eingesetzt.

Lavendel

Der Lavendel verströmt beim Verräuchern seinen unverkennbar angenehmen Duft nach Sommer; er sorgt für Entspannung und wirkt beruhigend. Diese harmonisierenden Eigenschaften helfen auch bei Schlafstörungen.

Sandelholz

Als aphrodisierend gilt das weiße Sandelholz, denn der liebliche Duft wirkt entspannend und beruhigend. Aufgrund seiner Eigenschaften ist es auch in der Parfümherstellung einer der wichtigsten Basisdüfte.

Räuchermischungen

Roland Lackner´s „G´sundheit“-Räuchermischung wird mit Vorliebe zum Reinigen der Raumluft verwendet - gerade in den Zeiten, in denen viele mit Erkältungen kämpfen. Einzelne Zutaten wie Latschenkiefer, Kampfer, Weihrauch „erfrischen“ die Räume angenehm.

Aus „lichtvollen“ Zutaten besteht die „Frühlingserwachen“-Räuchermischung des „Räucherhandwerkers“ aus Brunnthal, wie dem raren, halb-fossilen Gold-Copal, der in Guatemala gerne morgens verräuchert wird, um gut in den Tag zu starten. Mastix, Zedernholz und Huflattichblüten verstärken die aufbauende Wirkung dieser Räuchermischung, und die Lebensgeister werden wieder geweckt.

Viele Stoffe, viele Düfte – gute Voraussetzungen für viele Entdeckungsreisen in die faszinierende Welt des Räucherns.

Roland Lackner ist während der Adventszeit auf dem kleinen, feinen Weihnachtsmarkt am Münchner Stephansplatz an seinem Stand zu finden.


von Hans Lauber

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