Das Rezept für ein langes, glückliches Leben: gebraucht werden, ungekünstelt essen – und vor allem zufrieden sein. Damit ist die Wirtin Anna Marx über 100 Jahre alt geworden. Lernen wir was?

Es war vor drei Jahren im Oktober. Anna Marx, die Altwirtin vom „Ochsen“ in Ötlingen bei Weil am Rhein, war gerade 98 geworden. Da erlebte ich sie, wie sie ihrem Sohn Jürgen beim Backen des wunderbaren Bauernbrotes behilflich war; wie sie den Holzofen befeuerte; wie sie präzise Wasser in den Teig goß, den ihr Sohn Jürgen, der Wirt der über 100 Jahre alten Wirtschaft, knetete. Lange habe ich mich mit ihr damals unterhalten, sie erzählte mir, dass sie ihr ganzes Leben im Ochsen verbracht hatte – bis auf sieben Jahre, wo sie mit ihrem damaligen Mann, der nicht mehr aus dem Krieg zurückkam, im Schwäbischen lebte. Über das Brotbacken, die Anna Marx, ihren Sohn, die geliebten Enkelinnen, den Ochsen habe ich damals eine Geschichte geschrieben, die am Ende des Textes steht.

Hütet den Hund der Enkelin: Anna Marx

Viele kleine Fortsetzungen hat die damalige Begegnung gebracht. Fast immer, wenn ich wieder im Ochsen war, wo ich seit über 50 Jahren verkehre, habe ich sie besucht. Zu ihrem 99. Geburtstag brachte ich ihr ein Blümchen – aber da hielt sie gerade Mittagsruhe. Als ich eine Woche später wieder da war, sagte sie: „Danke, dass ihr mir zu meinem Geburtstag das Blümchen gebracht habt“, welch famose Gedächtnisleistung! Bei ihrem 100. Geburtstag besuchte ich sie – und fand sie glücklich in der hinteren Wirtsstube sitzend, für das ganze Dorf Hof haltend. Wobei in der vorderen Stube der Betrieb ganz normal weiter ging – wer so lange erfolgreich wirtschaftet, achtet immer auch aufs Geschäft.

Meist besuche ich sie in der Küche, wo sie immer am gleichen Tisch vor dem Holzofen sitzt. Wunderbar erzählen kann sie in ihrem weichen alemannischen Dialekt, den ich auch spreche. Von früher spricht sie, wie das Dorf noch von der Landwirtschaft geprägt war. Das Verschwinden von einem Stück Heimat bedauert sie – ohne dass sie das frühere harte Leben verklären würde. Immer leuchten dabei ihre Augen, auch wenn sie nicht mehr so gut sieht. Aber das Reden ist nicht alles, immer wieder bringen ihr Bedienungen Besteck zum Abtrocknen – und dann sagt sie mit verschmitztem Lächeln: „Jetzt mües i schaffe“. Sie merkt, dass sie gebraucht wird – und das ist gut so. Als ich neulich nur auf einen kurzen Sprung bei ihr war, meinte sie: “I ha scho ghört, dass er do sin – und ha scho Angschd cha, dass ihr nit kömmet“. Keine Angst, ich komme immer gern bei Ihnen vorbei, wo doch so viel Kraft von Ihnen ausgeht.


»Ein Viertele gehört einfach dazu«


Als Autor von Kochbüchern habe ich natürlich auch nach dem Essen gefragt – und staune, wie sie, die fast 40 Jahre als „Küchenmamsell“ eine glückliche Gästeschar bekochte, immer noch alle Rezepte parat hat. Genau weiß, dass die Sieglinde-Kartoffel die beste Sorte für den Brägel ist, die alemannische Form der Bratkartoffel. Erstaunlich, was sie auf die Frage nach gesunder Ernährung über ihre eigenen Essgewohnheiten zum 101ten Geburtstag der Badischen Zeitung erzählte: „Bei uns wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Das habe ich immer so gehalten und nie eine Wissenschaft um die Ernährung gemacht. Das, was im Ochsen oft und gerne gekocht wird, esse ich auch am liebsten, also Braten, Gemüse und Kartoffeln. Und ich liebe unser selbst gebackenes Brot. Natürlich gehört im Markgräflerland auch mal ein Viertele oder wenigstens ein Schorle einfach dazu“.

„Ochsen“-Klassiker: Bauernwürste

Was mich am meisten beeindruckt, ist ihre Zufriedenheit. Immer ist sie mit sich im Reinen, strahlt eine positive Energie aus, erträgt die Bresten des Alters, die sie natürlich auch piesacken, mit großer Gelassenheit, jammert darüber nicht wirklich – „me cha jo doch nüt mache“. Das einzige, was sie wohl wirklich bedauert, dass sie als blitzgescheite Frau nur auf die Volksschule durfte. Um so mehr freut sie sich, dass die Enkelinnen die Möglichkeit hatten zu studieren – und wer weiß (und hoffentlich vielleicht) dereinst einmal im Ochsen einsteigen, auf dass diese einzigartige Wirtschaft, die ein Stück gelebte Kultur ist, eine Zukunft hat.

Lernen wir was? Es ziemt sich natürlich nicht, aus dem einmaligen Leben der Anna Marx allgemeingültige Schlüsse zu ziehen. Aber es sei mir gestattet, daraus einige Winke abzuleiten:

Wer in Würde altern will, braucht eine Aufgabe. Anna Marx wird in der Wirtschaft gebraucht. Andere werden gebraucht, um den Kindern vorzulesen – was einen selbst jung hält. Eine gute Bekannte in der Nähe von Stuttgart, die ohne groß krank zu sein, 104 Jahre alt wurde, hatte bis ins hohe Alter einen eigenen Garten, den sie mit Liebe und Hingabe pflegte. Das Blühen und Vergehen zu beobachten, macht demütig dem Leben gegenüber. Ich werde weiter meine Geschichten schreiben, das weckt meine Neugierde und hält mich auf Trab.

Die Ernährung ist wichtig. Aber vielleicht auch nicht so wichtig, wie wir sie (und natürlich auch ich) nehmen. So ungekünstelt nach dem Motto, was auf den Tisch kommt, wird gegessen, hat auch was. Wobei im Ochsen schon immer ordentlich gekocht wurde, früher mit eigenen Produkten, heute mit Frischem aus der Umgebung. Genau so wichtig wie das „was“, ist wohl auch das „wie“: Bei Anna Marx ist es das regelmäßige und natürlich auch mäßige Essen, verbunden mit feinem Genuss, wie etwa dem Viertele.

Genug ist genug, es lebe die Zufriedenheit. Das ist wohl die wichtigste Botschaft der Anna Marx. Einen Fernseher hatte sie nie, dafür hört sie gerne Radio und freut sich über die Hörbücher, die ihr die Familie schenkt. Ein wenig erinnert sie mich an meinen Großvater, der sein Geld als einfacher Arbeiter verdiente – und mir immer wieder von einem Ausflug in die Schweizer Alpen erzählte. Ein einziger Ausflug prägte sein Leben. Das kann vielleicht mehr Zufriedenheit schaffen, als die ewigen Reisen unserer Kampfrentner, die in ihren Erzählungen dann aber schon einmal Südafrika mit Südamerika verwechseln.

Müßige Gedanken, lästerliche Gedanken, die sich nicht gehören. Viel wichtiger ist, dass ich noch möglichst lange mit meinem Blümchen der wunderbaren Anna Marx zum Geburtstag gratulieren darf!

Brot backen wie vor 100 Jahren. Wie´s geht, steht hier: „Ochsen“: Echtes Bauernbrot (Echt essen – November 2015)

von Hans Lauber
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