Der unbegrenzte Einsatz von hochkonzentrierter Fructose führt zu einer dramatischen Zunahme von Adipositas und Diabetes, warnt der renommierte Nephrologe Dr. med. Kai Hahn.

Dr. med. Kai Hahn ist Nephrologe und hat eine große Schwerpunktpraxis mit angeschlossener Dialyse in Dortmund. Seit Jahren engagiert er sich mit Vorträgen und Publikationen für eine gesunde Ernährung und warnt vor allem vor den Folgen eines übermäßigen Zuckerkonsums. Der leidenschaftliche Anhänger der Dortmunder Borussia steht im engen Austausch mit vielen Wissenschaftlern, vor allem auch aus den USA.

Hans Lauber: Warum kam diese Entscheidung so plötzlich?

Dr. med. Kai Hahn: Das hat mich auch überrascht. Zwar war die Aufhebung der Quote von fünf Prozent für die Isoglucose in Lebensmitteln schon vor Jahren beschlossen worden. Aber dann wurde die Umsetzung an das Freihandelsabkommen TTIP gekoppelt. Nun wurde aber ohne TTIP abzuwarten, die Regelung praktisch über Nacht mit dem 1. Oktober auch umgesetzt – wobei es im Vorfeld einen ungeheuer massiven Lobbydruck gegeben hat.

Weshalb ist die Industrie so „heiß“ darauf?

Die Isoglucose, eine Mischung in der Regel aus 55 Prozent Fructose und 45 Prozent Glukose, wird unter Verwendung von gentechnisch veränderten Mikroorganismen vor allem aus Mais hergestellt. Bedenklich ist hier, dass sowohl die umwandelnden Enzyme wie möglicherweise auch der Mais gentechnisch verändert sind – ohne, dass dies deklariert werden muss. Dieser hochkonzentrierte Zucker, dessen Produzenten meist in den USA sitzen, ist bis zu 40 Prozent billiger, und es ist zu erwarten, dass die Industrie diese Stoffe massiv in den Lebensmitteln einsetzen wird. Viele Experten rechnen mit einer Verdreifachung des Einsatzes. Wobei teilweise die Isoglucose sogar bis zu 90 Prozent aus Fructose bestehen kann.

Welche Folgen drohen?

Das ist eine extrem unselige und gesundheitsschädliche Entscheidung. Denn die massive Nutzung von solchen Konzentraten ist entscheidend für das drastische Adipositas-Problem in den USA – und es zu befürchten, dass dieser Fructose-Tsunami auch nach Europa überschwappen wird. Das wird in einigen Jahren zu einem massiven Anstieg von Übergewicht und Diabetes auch bei uns führen.

So schnell wird also nichts passieren?

Kurzfristig wahrscheinlich nicht. Aber wenn wir nicht aufpassen, verlieren wir eine ganze Generation junger Leute an die Zuckerindustrie. Denn wenn sich die Kids erst einmal an das süße Gift gewöhnt haben, können wir sie kaum noch zurückholen. Das wirkt dann ähnlich wie Drogen, weil Zucker im Gehirn das Belohnungssystem aktiviert.


»Der konzentrierte Zucker wirkt wie Drogen«


Solche Zusammenhänge werden ja immer wieder bestritten?

Natürlich, aber das sind geldgesteuerte Lobbyisten. Denen ist die Gesundheit der Menschen völlig egal. So ist vor kurzem herausgekommen und sogar in der wichtigsten ärztlichen Publikation JAMA nachlesbar, dass die Zuckerindustrie jahrelang Wissenschaftler bestochen hat, damit sie von den Gefahren des Zuckers ablenken und dafür auf das Cholesterin hinweisen. Es wird höchste Zeit, dass diese Leute endlich einmal für ihr gesundheitsgefährdendes Verhalten angeklagt werden.

Warum ist Fructose besonders schlimm?

Der Fruchtzucker führt ja erst einmal nur zu einer geringen Ausschüttung von Insulin, weshalb die Fructose bis vor kurzem fatalerweise als „guter“ Zucker von vielen Experten empfohlen wurde. Allerdings führt die Fructose leider nicht zur Ausschüttung des Sättingungshormons Leptin – und viel schlimmer noch: Das Hungerhormon Ghrelin steigt an. So stopfen an sich gesättigte Menschen, weil ihnen der Körper immer noch Hunger signalisiert, Unmengen in sich hinein, etwa ganz viele Burger. Ein teuflischer Dickmach-Mechanismus. Hinzu kommt noch eine weitere fatale Mechanik: Fructose hat einen ganz eigenen Stoffwechsel, der Entzündungen der Inselzellen begünstigt, die so tückische Insulinresistenz fördert, welche ganz stark für das Ansteigen des Typ-2-Diabetes verantwortlich ist. Und Fructose ist die Hauptursache für die nichtalkoholische Fettleber gerade bei Jugendlichen.

Wo wird die Isoglucose besonders eingesetzt werden?

Ganz stark in gesüßten Getränken, Softdrinks, Süßigkeiten, aber auch Ketchups. Schlimm ist auch die Verwendung in Milchprodukten, wie etwa Joghurts. Wobei das alles unter vielerlei Bezeichnungen verbrämt wird. Und selbst wenn da ungesüßt drauf steht, können die süßen Fluten drin sein. Es ist katastrophal, wie das Lebensmittelrecht gebeugt wird. Da kann ich nur raten, Finger weg von diesen süßen Verführern.


»Wir brauchen endlich das Fach gesunde Ernährung«


Was erwarten Sie von der Politik?

Leider wenig. Immer noch gibt es in den Kindergärten und den Schulen kein Fach gesunde Ernährung. Auch werden alle Versuche abgeblockt, endlich eine Lebensmittel-Ampel oder massive Steuern für die süßen Dickmacher einzuführen, was nachweislich wirkt. So müssen sich die Verbraucher mühsam durch kaum verständliches Kleingedrucktes kämpfen, wobei die Industrie für Zucker ein breites Arsenal an alternativen Bezeichnungen wie Isomaltose einfallen lässt. Das überfordert den Einzelnen und ist auch gewollt. Traurig auch, wie der wissenschaftliche Dienst des Bundestags in den Empfehlungen für die Abgeordneten die Gefahren des Zuckers ganz bewusst immer im Konjunktiv beschreibt.

Was ärgert Sie am meisten?

Als engagierter Sportler bin ich entsetzt, wie manipulativ Firmen wie Coca Cola das Thema besetzen. Sie sagen, Übergewicht kommt hauptsächlich von Bewegungsmangel. Da ist ja was dran, aber die fördern dann gezielt Sport, der Durst macht – und was sollen die Kids trinken: Coca Cola natürlich. Zynischer geht's nicht.

Weiterführende Informationen und Hintergründe

Bereits am 25. April 2016 habe ich mit Dr. Hahn über die Fructose-Problematik gesprochen. Das ausführliche Interview finden Sie hier:

Über die von Dr. Hahn angesprochene Cholesterin-Thematik habe ich vor einiger Zeit einen Artikel geschrieben, den Sie hier lesen können:


von Hans Lauber
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