Was ist Heimat? Was ist Deutsch? Das prägt derzeit die Debatten. Unser Kolumnist Hans Lauber hat mit TDM dazu einen wichtigen Beitrag in Buchform geleistet

Es steht. Es fällt. Einerseits steht Deutschland sehr gut da: Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosenzahlen gehen zurück, die Reiselust ist ungebrochen, das Land zieht wie ein Magnet Menschen aus anderen Ländern an.

Andererseits spüren viele, dass etwas fällt: Immer mehr Menschen werden abgehängt, die von den Parteien wie eine Monstranz kommenden Glücks verkündete Digitalisierung wird vielfach als bedrohlich empfunden, weil kommende Disruptionen ganze Branchen wanken lassen. Erst kamen die Medien unter die Räder, bald sind Banken und Versicherungen mit ihren Arbeitsplätzen gefährdet. Außerdem ruht der Aufschwung auf tönernen Füßen, ist auch ganz stark Folge eines falschen Wechselkurses, der deutsche Waren künstlich bevorteilt. Und das billige Geld macht Spekulanten reich und Sparer arm.

So entsteht die paradoxe Situation, dass in scheinbar goldener Zeit immer mehr Menschen nach Orientierung, nach Halt suchen. Kein Wunder also, dass das Wort Heimat plötzlich in aller Munde ist. Sogar Parteien wie die Grünen und die SPD sprechen darüber – wobei sie meistens nicht über schwurblige Worthülsen hinauskommen. Selbst die lange als Unwort verspottete deutsche Leitkultur wird auf einmal überall salonfähig.

Sieben Geschichten, die Emotionen wecken

Die Menschen verlangen also nach Narrativen, nach Geschichten, die ihnen einen sicheren Boden, ein Gefühl der Gemeinschaft versprechen – und das muss nicht immer nur mit Geld verbunden sein. Was können das für Geschichten sein? Hier einige Vorschläge:

Land. Die verlockendste Geschichte, die immer noch sehr gut funktioniert, wie wir in Amerika sehen. Aber auch die Geschichte, die am stärksten ins Völkische abgleiten kann. Trotzdem: Nur wer eine glaubwürdige Erzählung hat, wie wir uns als Deutschland so identifizieren, dass wir eine ins Europäische eingebundene, aber selbständige Einheit sind, wird Erfolg haben.

Architektur. Die prägendste Geschichte. Nichts formt unser Leben so wie die gebaute Umwelt. Doch was sehe ich, wenn ich tagelang mit dem Zug durchs Land fahre? Fast überall denselben Siedlungsbrei. Die Architektur vermittelt keine Heimat mehr, sieht an der Ostsee aus wie auf der Ostalb. Höchste Zeit, dass unsere Baumeister wieder im Kontext mit der Region Erkennbares schaffen.

Sport. Die erfolgreichste Geschichte. Das werden wir in wenigen Monaten mit der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland erleben. Allen Transfer- und Funktionärsexzessen zum Trotz wird die WM einen ungeheuren Identifikationsschub für das Land bedeuten. Höchste Zeit, dass der Schwung mitgenommen wird, um die vielen Millionen Amateure an diesem Erfolg zu beteiligen.

Musik. Die emotionalste Geschichte, weil die Töne tief an unser Innerstes rühren. Wobei diejenige Musik am stärksten wirkt, die selbst gespielt wird. Aber was machen wir? Kürzen den Musik- noch stärker als den Sportunterricht. Wichtig wäre es aber, gerade die Chormusik zu fördern. Denn nichts verbindet Menschen und Kulturen nachhaltiger als gemeinsamer Gesang.

Sprache. Die verkannteste Geschichte. Ohne gemeinsame Sprache ist alles nichts. Aber Deutsch lernen darf nicht länger nur lästige Pflicht sein. Sondern die Menschen müssen stolz sein, diese vielschichtige Sprache zu beherrschen – bis hin zum Vortrag von Gedichten. Auch muss es aufhören, dass sich drittklassige Kabarettisten über die wunderbare Vielfalt unserer Dialekte lustig machen.

Fünf heimatliche Narrative sind das. Aber es gibt noch zwei weitere Felder, die sich prächtig eignen, um das so gesuchte Gefühl der bodenständigen Wärme zu entzünden, nämlich

Traditionsmedizin. Die vergessene Geschichte. Noch bis vor 100 Jahren kannten sich die meisten Menschen (vor allem die Frauen) bestens mit heimischen Heilpflanzen aus. Ein Wissen, das notwendig für das Überleben war. Denn eine kurative Medizin gab es nicht. Vorbeugend Krankheiten zu verhindern, das stand im Fokus – was wir heute Prävention nennen. Noch meine Omas (auch mein Opa mit den Pilzen!), meine Mutter, meine Tanten wussten bestens Bescheid. Und im ländlichen Bayern gab es bis vor wenigen Jahren noch die Kräuterweiblein, die mit ihren gesammelten Pflanzen in die Städte zogen.

Weitgehend vergessen ist dieses Wissen – und scheinbar macht das auch nichts aus. Nur, die Menschen werden älter und damit automatisch krankheitsanfälliger. Gleichzeitig explodieren die Gesundheitskosten – und es ist nur eine Frage der Zeit, bis etwa allein die Aufwendungen für die Folgen des Lifestyle-Diabetes (Typ-2) unbezahlbar sind. Spätestens dann wird es wieder notwendig, dass sich die Menschen stärker eigenverantwortlich um ihr Wohl kümmern – und dazu gehört zuvörderst, die Heilkraft von Kräutern, Gemüsen und Obst zu kennen.

Weitestgehend vergessen ist aber nicht nur das Wissen über die heilenden Pflanzen. Vergessen ist auch, wie facettenreich und vielfältig unsere traditionelle Medizin ist. Das fängt an mit der Naturheilkunde, wo die Kraft wilder Pflanzen, heimischer Pilze und von vitalem Streuobst eine Schlüsselrolle spielen. Das geht weiter mit der Klostermedizin, die Heilendes aus dem Mittelmeerraum, wie etwa den Salbei, bei uns heimisch hat werden lassen – und deren geheimnisvolle Schätze bis heute noch nicht vollständig geborgen sind.

Prävention in Reinkultur verkörpern die Pflanzen-Pfarrer Sebastian Kneipp und der Schweizer Johann Künzle – und als kluge Geistliche wissen sie auch um die wichtige Rolle des Spirituellen für die ganzheitliche Gesundheit. Ein deutscher Sonderweg, der eine weltweite Erfolgsgeschichte wurde, ist die Homöopathie, die allen Anfeindungen zum Trotz einen festen Platz in unserer traditionellen Medizin hat. Und aus unseren Apotheken entstanden schließlich die Pharmafirmen, die bis vor kurzem auch noch sehr viel stärker pflanzlich ausgerichtet waren.

Symbolisiert unsere Traditionsmedizin: 5-Elemente-Stern

TDM Traditionelle Deutsche Medizin heißt das Buch, in dem ich diese Elemente erstmals zusammengefasst habe, und in dem 30 heimische Heilpflanzen und 66 Gärten der Gesundheit von unserem medizinischen Erbe und seiner Zukunft künden. Eine Fülle von Geschichten offeriert dieses Buch. Geschichten von früher, die helfen, uns im Heute besser zu verorten. Geschichten auch, die zeigen, wie viel stärker wir früher mit der Natur im Reinen waren. Geschichten also auch, die den zu uns Gekommenen einen Weg zu unserer Kultur öffnen – und ihnen damit ein Verständnis von Heimat offenbaren.

Im Kirchheim-Shop:

TDM – Traditionelle Deutsche Medizin

Eine Entdeckungsreise zu den fünf Elementen der TDM: Naturheilkunde, Klostermedizin, Pflanzen-Pfarrer, Apotheken-Medizin und Homöopathie.
Hans Lauber; 1. Auflage 2018; 19,80 €
zum Kirchheim-Shop

Heimatküche. Die vertrackteste Geschichte. Die Deutschen und ihr Essen – oft eine Geschichte von Missverständnissen. Viele sind stolz darauf, beim Italiener in scheinbar astreinem Italienisch ihren Espresso zu bestellen – und echauffieren sich gleichzeitig über die angeblich tumbe deutsche Küche. Aber wer kennt denn in Wirklichkeit den Reichtum unserer traditionellen Gerichte?

Für das Buch „Heimatküche“ habe ich 44 Traditionsgerichte mit einem Profikoch verfeinert und verschlankt – und bin überrascht, welche Vielfalt, aber auch welche Raffinesse in unseren Küchenklassikern steckt. So entpuppen sich etwa sorgfältig zubereitete Königsberger Klopse als elegante Delikatesse und die Frankfurter Grün Soß ist ein Paradebeispiel für das kulinarische Erfolgsduo Genuss und Gesundheit.

Es ist an der Zeit, dass wir selbstbewusst unsere traditionellen Gerichte als wesentlichen Teil unserer kulturellen Identität begreifen. Nur so können daraus Geschichten entstehen, die eine Bindekraft entwickeln – und zwar nach innen wie nach außen. Denn erst, wenn wir unsere Gerichte als Marksteine, als Referenzen darstellen, schaffen wir auch die Möglichkeiten, dass sich fremde Einflüsse daran „reiben“, etwa unserem Nationalgericht Currywurst mit syrischen Gewürzen eine zusätzliche Identität bescheren.

Nur, was ist das Gericht unserer kulinarischen Leitkultur? Lange musste ich nicht überlegen. Der Schweinsbraten kanns aus vielerlei Gründen nicht sein. Aber wir haben eine Speise, die ein grottenschlechtes Image hat – die aber in Wirklichkeit die höchsten Tugenden deutscher Küchenkunst besingt. Nämlich unser Gemüse-Verzauberer Leipziger Allerlei, das in seiner raffinierten Form aus dem Buch „Heimatküche“ den Vergleich mit den großen Gerichten aus Frankreich und Italien nicht zu scheuen braucht.

Wer es nicht glaubt, lese hier das mundwässernde Rezept – und freue sich, wie die vertrackte Geschichte der Heimatküche zum Vertrauen erweckenden Narrativ des Heimischen aufblüht.

Leipziger Allerlei – von Klaus Neidhart und Christian Dierich

Es zählt zu den bekanntesten deutschen Gerichten – und es ist das mit dem miserabelsten Ruf: Leipziger Allerlei. Das kommt daher, dass dieser Klassiker von der Fertiggerichtindustrie zu einem lieblosen Dosenfraß und von den Großkantinen zu einem undefinierbaren Gemüsebrei verkocht wurde.

Wird das Allerlei aber raffiniert zubereitet, so wie es Klaus Neidhart vom „Gottfried“ in Moos und Christian Dierich für dieses Gericht getan haben, ist es ein Gemüsegericht (mit einer kleinen Krebseinlage), das zu den besten der Welt gehört. Allerdings: Es ist ein wenig aufwendig. Aber es lohnt sich – natürlich vor allem im Frühling, wenn die Gemüse noch jung und zart sind.

Leipziger Allerlei – von Klaus Neidhart und Christian Dierich

Gemüse

2  kleine Kohlrabi
2  Karotten
6 EL  Erbsen
5  Zuckerschoten
10 Stangen  Spargel, gemischt grün und weiß
4  Frühlingszwiebeln
16  Frühlingsmorcheln, möglichst frisch
16  Flusskrebse, abgekocht und ausgebrochen
  Frischer Kerbel
  Zitronenabrieb
  Butter, Salz, Muskat

Krebsbutter

  Karkassen der Krebse
1 EL  Olivenöl
2  Karotten
1  kleiner Fenchel
1  sehr kleiner Sellerie
1 EL  Tomatenmark
Schuss  Cognac
Schuss  Noilly Prat
Schuss  Weißwein
2 EL  Butter

Zubereitung

  • Gemüse: Die Gemüse würfeln (die Zuckerschoten ganz lassen) und in heißem Wasser kurz blanchieren. In eiskaltes Wasser geben, damit die Farbe und Vitalstoffe erhalten bleiben. Das blanchierte Gemüse in Butter andünsten und mit der Blanchierbrühe ablöschen. Salzen, muskaten und warm stellen.
  • Krebsbutter: Für die Krebsbutter die Karkassen der Krebse mit klein geschnittenem Wurzelgemüse (etwa Sellerie, Karotte, Fenchel) in wenig Olivenöl anrösten. Das Tomatenmark zugeben und anrösten, bis es leicht karamellisiert. Das baut die Säure ab, küsst die zarte Süße wach. Mit Cognac ablöschen und flambieren. Dann den Weißwein, den aromatischen Wermut Noilly Prat und einen Schuss kaltes Wasser (entfaltet das Aroma) angießen. Anschließend langsam sieden lassen, durch ein Sieb passieren und auf kleiner Flamme einreduzieren. Später kalte Butter einmontieren, was die Sauce bindet und schmackhaft macht.
  • Krebse: Die Morcheln mit klein geschnittenen Zwiebeln in geschmolzener Butter rund 3 Minuten lang leicht anschwitzen, mit Cognac ablöschen. Die Krebse in kochendem Salzwasser 2 Minuten lang ziehen lassen, dann im Eiswasser abschrecken. Anschließend in der Krebsbutter schwenken.
  • Anrichten: Zum großen Finale Gemüse, Morcheln und krebsbuttergeschwängerte Krebse vermählen. Zitronenabrieb, feinst gewiegten Kerbel darüber – und noch einmal abschmecken.
  • Getränk: Der ideale Wein zu diesem Gemüseklassiker ist ein 2014er Grauer Burgunder Kabinett von Hermann Dörflinger aus Müllheim. Der kraftvolle, badisch-trockene (also mit unter 2 Gramm Restzucker) Wein harmoniert gut mit dem Gericht. Wer es noch kräftiger mag, nimmt aus demselben Jahrgang die Spätlese mit dann 13,5 Prozent Alkohol.

Wie's gut tut

So großartig wie das Allerlei schmeckt, so wohltuend ist es auch: Die Gemüse sind ein belebendes Elixier, vor allem die Erbsen mit ihren pflanzlichen Eiweißen. Reichlich Proteine spenden auch die Krebse. Die nur wild wachsenden Morcheln sind ungeheuer geschmacksstark und vermitteln ein schnelles Sättigungsgefühl, was der schlanken Linie nützt.

Im Kirchheim-Shop:

Heimatküche für Diabetiker und alle Genießer

Oft verkannte und verkochte Traditionsgerichte abgeklopft aufs vitale Potential: 44 verfeinerte und verschlankte Rezepte.
H. Lauber; 1. Auflage 2015; 19,90 €
zum Kirchheim-Shop

von Hans Lauber
E-Mail: aktiv@lauber-methode.de
Website: www.lauber-methode.de