Begeistert ist unser Autor Hans Lauber von einer exklusiven Exkursion mit Ursel Bühring. Die führende Heilpflanzenexpertin kennt wunderbare Kräuter – und bereitet sie vitalisierend zu.

Richtig gefreut habe ich mich auf diesen Tag: Seit Jahren arbeite ich mit Ursel Bühring. Seit Jahren nutze ich das von der renommierten Phytotherapeutin verfasste Standardwerk „Alles über Heilpflanzen“, das auf einmalige Weise medizinische Kompetenz mit virtuoser Verständlichkeit kombiniert. Oftmals habe ich Vorträge der Freiburgerin gehört, die mitreißend die Apotheke der Natur preist. Erst jüngst ist mein Buch „TDM Traditionelle Deutsche Medizin“ erschienen, wo sie mir geholfen hat, dass sich die darin vorgestellten Pflanzen sicher anwenden lassen.

Weiß alles über Heilpflanzen: Ursel Bühring

Viel Gemeinsames also, nur eines hatten wir bislang nicht geschafft: Zusammen Wildkräuter sammeln. An einem sonnigen Frühlingstag ist es endlich so weit: Wir brechen von ihrer Wohnung nahe der Dreisam auf – und laufen zu einem der ältesten Heilpflanzengärten Deutschlands. Es ist das ehemalige Kartäuser-Kloster, wo seit über 670 Jahren Heilendes wächst. In den letzten Jahren ist hier etwas ganz Besonderes entstanden, nämlich das UWC Robert Bosch College, benannt nach dem gleichnamigen deutschen Industriellen. 17 solcher Internate werden weltweit von der Bosch-Stiftung gefördert. In Freiburg studieren hier über 200 junge Leute von überall her – und dazu gehört auch die praktische Arbeit im Garten.

„Mandala“ des frühen Jahres: Cardamine

Mit großem Hallo begrüßt wird Ursel Bühring – arbeitet sie doch seit Jahren mit den Studenten. Hier wird auch Saatgut gewonnen, denn das UWC hat eine Kooperation mit der Schweizer Stiftung Pro Specie Rara, die sich für den Erhalt alter Sorten einsetzt. Plötzlich leuchten Ursels Augen – und sie schwärmt von einer winzigen Pflanze, die ich noch nie wahrgenommen habe: „Das ist eine Cardamine, ist sie nicht wunderbar? Sieht doch aus wie ein Mandala“. Ja, auch das ist wichtig für die erfahrene Phytotherapeutin, die ästhetische Qualität. Nicht zu verachten ist aber auch das kulinarische Potential, denn das zu den Schaumkräutern zählende Gewächs schmeckt wie die hochgerühmte Shiso-Kresse.

Wildkräuterwiese für zuhause: „Wasser“-Kraut

Eine raffinierte Anwendung erfahre ich später: Das sorgfältig mit der Wurzel ausgegrabene Pflänzchen wird in ein Wasserglas gestellt – „so kann ich für Wochen frische Blätter abschneiden“. Blätter, die vor Vitamin C strotzen und deren Glucosinolate die Leber anregen, das Blut reinigen – sozusagen eine permanente, entschlackende Frühjahrskur. Noch vitaminreicher ist eine weitere Pflanze, die Vogelmiere, die auch Hühnerdarm heißt. Warum, zeigt sie mir, indem sie von der Pflanze die oberen zwei Zentimeter abzieht – und es bleibt ein dünner Faden, der „Hühnerdarm“. Schon wieder etwas gelernt – und auch dem „ich finde, es schmeckt wie Mais“, kann ich zustimmen. Wir „ernten“ jedenfalls reichlich von dem sinnlich-sternig blühenden Kraut, das auch bei Husten wohltut.

Vitamin C in wohlschmeckender Form: Vogelmiere

Gärten sind das Lebenselixier von Ursel Bühring, die 1997 die erste Schule in Deutschland gegründet hatte, die sich ausschließlich der therapeutischen Anwendung von heilenden Pflanzen widmete. Dazu gehörte auch ein eigener Garten, um die Kursteilnehmer ganz praktisch zu unterrichten. Heute ist alles in anderen Händen, und sie vermittelt ihr Wissen auch in vielen Gärten, die oft von Absolventinnen ihrer Schule gegründet wurden. Mir zeigt sie so viele Pflanzen, dass mir der Kopf schwirrt – und sie belustigt lacht, als ich manche Namen auf Zettel schreibe, bevor ich fotografiere.

Kleine Pflanze mit großer Wirkung: Karde

Karden sind Pflanzen, die ich gut erkenne – wenn sie groß sind. Jetzt, in diesem frühen Frühjahrsstadium muss ich mir mit Zetteln behelfen. Faszinierend ist dieses Gewächs, vor allem seine Wurzel wird in der Volksheilkunde bei kleineren Wunden und sogar in der Krebsbehandlung eingesetzt. Angesichts des massiven Auftretens von Zecken, welche die gefürchtete Borreliose auslösen können, kommt der Karde eine immer stärkere Bedeutung zu. Denn eine Tinktur der Pflanze, kombiniert mit herkömmlichen Antibiotika, gilt als eine wirksame Therapie gegen die langwierige Nervenkrankheit.

Langsam verlassen wir den Garten der Kartause, der nur zu bestimmten Zeiten für die Öffentlichkeit zugänglich ist – und wandern zum nahen Hirzberg, wo sie nach eigenem Bekunden „den Standort von jedem Hauhechel persönlich kennt“. Leider ist es noch zu früh im Jahr für dieses wunderhübsch rosa blühende Schmetterlingsgewächs, das auch als harntreibendes Mittel genutzt wird.

Symbolisiert das Wunder Natur: Wurzel der Hainbuche

Augenöffnend ist eine Exkursion mit Ursel Bühring, denn sie liebt die Natur mit allen Sinnen – und sagt voller Ehrfurcht mit Blick auf die mächtigen Wurzeln der Hainbuche: „Das sieht doch aus wie eine muskelstarke Skulptur“. Beglückt zeigt sie mir noch eine gelb blühende Kornelkirsche: „Die erste Weide für die Bienen im Jahr“. Spaziergänger erkennen die Pflanzenexpertin – und sie erklärt bereitwillig unsere gesammelten Schätze, die sie sorgfältig in Tüten verpackt hat. Brillant versteht sie es, Freude für das Heilende zu wecken – und verabschiedet das Pärchen mit einer klaren Botschaft: „Kostbar und kostenlos ist die Apotheke der Natur“. Würden mehr Menschen die Naturapotheke nutzen, wären sie auf natürliche Weise gesünder.

Liegt auf der Hand: Sauerampfer

Einen prächtigen Ausblick auf den Freiburger Stadtteil Oberwiehre bietet der Hirzberg. Aber es lohnt sich auch der Blick nach unten, wo eine artenreiche Magerwiese lockt. „Ist das der Gundermann“, frage ich? Ursel reibt ein Blättchen und sagt, „es böckelt, also ist´s der Gundermann“. Alles klar, guter Mann, und schon wandert das aromatische Kraut in die Tüte. Leicht bitter schmeckt der Lippenblütler – und wir beide haben ein Faible für die anregende Kraft des Bitteren. Wir sammeln weiter, zupfen Blättchen vom Weidenröschen, vom noch winzigen Bibernell, vom rosa Rumex acetosella, also vom kleinen Wiesen-Sauerampfer. Schon will ich weiter sammeln, doch da warnt die Pflanzenexpertin. „Vorsicht, das ist kein Sauerampfer, sondern der Aronstab – und der ist giftig“. Ausgewachsen ist die Pflanze leicht zu erkennen, aber im Anfangsstadium wird´s schwierig. Heißt: Wirklich nur das sammeln, was einem ganz klar bekannt ist!

Wenn´s blüht, wird´s kritisch: Scharbockskraut

Wobei das mit dem giftig so eine Sache ist: Denn nun finden wir in großer Menge das vitaminreiche Scharbockskraut. Das feinherbe Hahnenfußgewächs verfeinert subtil Saucen, Gemüsesuppen, lässt sich würzig im Brotteig verbacken. Aber Achtung, sobald sich die ersten gelben Blüten zeigen, das Kraut nur noch vorsichtig verwenden. Denn dann nimmt der Gehalt des Lactons Protoanemonin zu – was in hoher Dosis Erbrechen und Durchfall auslösen kann. Es gilt halt überall der eherne Satz des großen Arztes Paracelsus: „Die Dosis macht das Gift“.

Kraftkraut im Zartstadium: Schafgarbe

Ganz zart zeigen sich im Unterholz die ersten Triebe der gefiederten Schafgarbe – und Ursel erzählt eine ihrer herzerwärmenden Geschichten: „Hier oben habe ich vor über 35 Jahren mein erstes Seminar abgehalten – und genau als ich meinen Zuhörerinnen von der magischen Wirkung der Schafgarbe als Liebeszauberin erzähle, kommt eine Herde Schafe vorbei. Das werde ich nie vergessen“. Wir pflücken ein paar Blättchen von der nach dem Kraftprotz Achilles heißenden Achillea und steigen von der Höhe ins Tal.

Muss für später warten: Bärlauch

„Juhu, der erste Bärlauch“, juble ich – und will das Knoblauchgewächs pflücken. „Lass lieber stehen“, mahnt sie, „hier direkt am Wegesrand sind wir Menschen nicht die einzigen“. Stimmt, gerade Wildkräuter wollen mit Bedacht gesammelt werden. Außerdem haben wir auf unserer rund zweistündigen Exkursion genug beisammen; haben rund ein Dutzend verschiedene Pflanzen – was rund 100 Gramm entspricht. Würzig duften die Kräuter, und wir streben nach Hause.

Lohn der Mühe: Erntedankfest

Kurze Diskussion, was kochen? Da wir schon häufig miteinander am Herd standen, fällt die Entscheidung leicht: Aus den Wildkräutern verfertigt Ursel ein Pesto. Ich kümmere mich um Radicchio-Salat, Gemüsestampf und Zuckerhut. Bitter ist der Radicchio – und ich steigere die Wirkung noch durch Grapefruit-Stücke. Bitter ist auch der frische Zuckerhut, den wir von der Kartause haben. Zur Überraschung von Ursel dünste ich ihn in Olivenöl mit einem Hauch Wasser. Das Ergebnis begeistert die Bitterfreundin, denn diese Zubereitungsart verstärkt sanft die Bitterstoffe. Gleichzeitig würfle ich Sellerie und Pastinake, dünste in Gemüsebrühe und püriere bewusst nur grob, sodass Stücke bleiben – was den glykämischen Index senkt; sprich, die Kohlenhydrate gehen nicht so schnell ins Blut, was der schlanken Linie frommt.

Feine Delikatesse: Löwenzahnwurzel

Best of bitter geht auch mit der Löwenzahnwurzel. Dazu wird die sauber gewaschene Wurzel in dünne Ringe geschnitten, in Olivenöl sanft gedünstet. Dann ein ganz klein wenig Zitronensaft, Meersalz, ein Hauch Walnussöl. Voila, Ursel ist fasziniert. Ich bin immer wieder verblüfft, wie gut dieses kleine Wildgericht ankommt – und gerade jetzt im Frühling ist die Wurzel noch weich und besonders nussig.

Für das Pesto werden die Kräuter sorgfältig gewaschen. Plus Haselnüsse, ein Stückchen Parmesan, Saft einer halben Zitrone sowie deren Abrieb; ein kräftiger Schuss Olivenöl, Salz, Pfeffer. Alles wandert in den Thermomix – und in Windeseile entsteht ein ungemein wohlschmeckendes Pesto. Das funktioniert natürlich auch ganz klassisch im Mörser – es ist halt dann aufwendiger. Großartig schmeckt unsere vegetarische „Viererbande“. Als Lohn der Mühen steigern wir den Genuss noch durch ein Gläschen Riesling.

Von links: Pesto, Radicchio, Zuckerhut, Gemüsestampf

Beschwingt mache ich mich zu späterer Stunde auf den Heimweg – und wundere mich, dass dieses Hochgefühl auch nach Stunden nicht weichen will. Es geht eine erquickende Vitalwirkung von diesen wilden Kräutern aus – wahrscheinlich verstärkt durch die weiteren vegetarischen Komponenten des Menüs.

Danke Ursel für diesen wunderbaren Ausflug! Wenn auch Sie die sympathische Heilpflanzenexpertin erleben wollen, dann schauen Sie auf ihre aktuellen Termine.

„TDM Traditionelle Deutsche Medizin“ heißt mein neues Buch, an dem Ursel Bühring mitgearbeitet hat. Über das Werk sagt der renommierte Mindener Diabetologe Dr. med. Meinolf Behrens: „Mit seinem tollen Cover zeigt TDM uns Schulmedizinern, welche großartigen Chancen die Traditionsmedizin birgt – etwa die faszinierenden Dimensionen der heimischen Wildpflanzen. Die Patienten sind höchst aufgeschlossen für dieses leider vielfach verschwundene Wissen“.
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von Hans Lauber
E-Mail: aktiv@lauber-methode.de
Website: www.lauber-methode.de