Epidemie stoppen: Nur ein präventives Ernährungsministerium kann die Diabetes-Explosion stoppen, glaubt Kolumnist Hans Lauber.

Trefflicher lässt sich das Dilemma der Diabetes-Prävention nicht auf den Punkt bringen: „Wir leben in einer diabetogenen Welt“, sagt der Lübecker Diabetologe Prof. Morten Schütt. Mit diesem klugen Kunstwort beschreibt der renommierte Arzt und Wissenschaftler unser Leben:

Eine Umwelt, wo ständig süße und fette Versuchungen lauern; wo permanent und überall gegessen wird, wo aufdringlich für Essen geworben wird; wo Konsumenten nicht wirklich wissen, was ihre Nahrung enthält; wo Experten sich öffentlich widersprechen, wenn es um Empfehlungen für Ernährung geht; wo die so notwendige Bewegung im Alltag gar nicht mehr vorgesehen ist.

„Der Einzelne hat in dieser Umgebung keine wirkliche Chance, ein präventives Leben zu führen“, so Prof. Schütt. Die Fakten decken diesen Befund: Auch im vergangenen Jahr gab es wieder über 300 000 neue Fälle von Lifestyle-Diabetes, wie ich den Typ-2-Diabetes nenne. Schon bald werden allein in Deutschland rund zehn Millionen Menschen „Zucker“ haben.

Diabetes: „Die perfekte Krankheit“

Was tun? Gutgemeinte Appelle, gutgemeinte Aktionen bewirken in der Breite nichts, wie die vergangenen Jahre gezeigt haben. Es wären drei große Akteure, die wirklich etwas bewegen könnten. An erster Stelle natürlich die Krankenkassen. Leider spielt dort Prävention aber immer noch eine untergeordnete Rolle.

Dann natürlich die Ernährungsindustrie. Aber die verdient sehr gut am „süßen Fett“ – und hat es gerade mit einem Milliardenaufwand geschafft, die auch von renommierten Wissenschaftlern wie Prof. Rüdiger Landgraf geforderte Lebensmittelampel zu verhindern.

Und da wäre natürlich noch die Pharmaindustrie, die auch gerne über Vorsorge spricht. Aber das sind natürlich fromme Wünsche. Wie die Wirklichkeit aussieht, beschrieb am 20.12.2013 illusionslos die FAZ: „Gäbe es die Zuckerkrankheit nicht, ein geschäftstüchtiger Pharmamanager würde sie gewiss bald erfinden.

Denn Diabetes ist nicht heilbar, aber sehr gut behandelbar. Das ist in Kombination die ideale Voraussetzung für den Verkauf von Arzneimitteln“. FAZ-Fazit: „Die perfekte Krankheit“.

Kein Präventionskonzept erkennbar

Bleibt der Staat, wieder einmal. Aber wie derzeit die Ministerien aufgestellt sind, bieten sie kaum ein präventives Potential. So dominieren im Gesundheitsministerium die Interessen der Kassen und Pharmafirmen. Für eine ganzheitliche und umfassende Diabetes-Prävention fehlen Wissen und Initiative.

Auch haben alternative Diabetes-Konzepte praktisch keine Chance; etwa die Naturmedizin auf pflanzlicher Basis; oder die Homöopathie, aber auch die orthomolekulare Medizin mit ihren unverzichtbaren Mineralien und Vitaminen. Im Wirtschaftsministerium dominiert die marktliberale Denke – und da ist Prävention schlicht nicht profitabel genug.

Im Agrarressort dominieren wiederum die Interessen der industriellen Landwirtschaft, die gerade auch für Diabetiker segensreiche ökologische Wirtschaftsweise hat da keine wirkliche Lobby. Bleibt das Familienministerium, wo die Sportförderung angesiedelt ist. Aber auch hier fehlt der durchschlagende Wille, etwa den täglichen Schulsport durchzusetzen.

Fördern und Forschen: Aufgaben des Ernährungsministeriums

Kein wirklicher Präventionswille also, nirgends. Deshalb plädiere ich für ein neues Ministerium, ein Präventionsministerium, das ich aber aus Gründen der Akzeptanz Ernährungsministerium nennen würde. Das wären wichtige Aufgaben:

  • Erstellung eines nationalen Präventionsplans für die ernährungs- und bewegungsbedingten Krankheiten, wie etwa Diabetes – einschließlich der Pläne zur Umsetzung. Wobei im wesentlichen nur Rahmenbedingungen zu setzen sind – die Umsetzung aber individuell geschieht, um keine Bürokratiemonster zu züchten.
  • Auf UNABHÄNGIGEN Studien basierende Ernährungsempfehlungen. Wie wichtig „unabhängig“ ist, zeigt eine aktuelle Untersuchung des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung, die zu dem Ergebnis kommt, dass von der Industrie finanzierte Studien etwa zu dem Ergebnis kommen, dass es keinen Zusammenhang zwischen Süßgetränken und Gewichtszunahme gibt.
  • Vorbereitung gesetzlicher Maßnahmen, etwa Steuern auf Süßprodukte, um die wichtigsten Dickmacher zurückzudrängen.
  • Aufbau eines großflächigen Netzes an Radwegen, gerade auch in den großen Städten, bis hin zum Bau reiner Fahrradstraßen, wie es sie heute schon in Kopenhagen gibt.
  • Aufbau einer Struktur für den Breitensport, einschließlich dem Bau von entsprechenden Sportstätten.
  • Förderung der Ernährungskunde vom Kindergarten an, einschließlich dem Bau von Schulgärten und Schulküchen – und dem Fach „Kochen“, benotet für Jungen wie für Mädchen.
  • Breite Förderung von Projekten wie „Urban Farming“, wo die Bürger selbst Gemüse und Kräuter anbauen, wie ich es hier für die Stadt Andernach beschrieben habe.
  • Umfassende Projekte der Naturmedizin fördern, etwa die immer noch weitgehend ungenutzten Potentiale der Klostermedizin endlich fruchtbar zu machen.
  • Entwicklung von Prämiensystemen zusammen mit den Krankenkassen, welche präventives Verhalten nachhaltig belohnen.

Das sind natürlich nur einige wenige Punkte. Das Ganze ist ja auch ein erster Vorschlag. Wobei mir prinzipiell ein „schlankes“ Ministerium vorschwebt, mit relativ wenigen Mitarbeitern, die aber ein Durchgriffsrecht auf die anderen Ministerien und deren Lobbyisten haben müssen.

Wichtig wäre auch, dass unabhängige Fachleute, etwa Präventionsexperten wie Prof. Morten Schütt aus Lübeck, aber auch Prof. Peter Schwarz aus Dresden, in dem Ministerium einen gestaltenden Einfluss bekommen.

Noch Wunschdenken: Ernährungsminister Gerd Billen

Wer könnte so etwas inhaltlich umsetzen? Da gibt es mit Gerd Billen, dem langjährigen Vorsitzenden des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, einen ausgezeichneten Fachmann. In der neuen Regierung ist er beamteter Staatssekretär im Justizministerium, zuständig auch für den Verbraucherschutz.

Hier könnte er sich die Meriten erwerben, um langfristig das neu zu schaffende Ministerium zu leiten. Natürlich, und das weiß ich auch, sind das alles ferne Wunschgedanken, frühestens in vier Jahren realisierbar – wenn dann wahrscheinlich die explodierenden Diabetiker-Zahlen das Gesundheitssystem fundamental bedrohen und Prävention plötzlich zu der Dominante der Gesellschaftspolitik wird.

Rettet uns McDonald´s?

Alles düster bis dahin, also? „Wo die Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, tröstet der Dichter Friedrich Hölderlin. Und siehe, das Rettende kommt aus einer völlig unvermuteten Ecke: So berichtete am 28. 12. 2013 die FAZ über eine spektakuläre firmeninterne Website von McDonald´s, auf der typische Junk-Produkte wie Fritten, Cola und Cheeseburger abgebildet waren – und das Unternehmen warnte seine Mitarbeiter, dies sei eine „ungesunde Wahl“ und könne zu Übergewicht führen.

Sicher, die Site ist längst wieder entfernt. Aber sie zeigt, es findet ein erstes zartes Umdenken statt. Auch Coca Cola, das mit seinen Süßbrühen ein mächtiges Dickmachprodukt vertreibt, sucht neue Erlösquellen – und so gehört eine der besten Alpenquellen, das Schweizer Walser-Wasser, längst zum Konzern. Und das finanzstarke Unternehmen sucht weitere „Wasserperlen“.

Das ist doch eine faszinierende Vision: Ausgerechnet Cola und McDonald´s propagieren Prävention. Würde die Vision Wirklichkeit, bräuchten wir auch kein Ernährungsministerium. Als Prof. Schütt diese Aussichten hört, meinte er lachend: „Da könnte ich mir sogar vorstellen, für die mal Werbung zu machen“.


von Hans Lauber

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