Studien zeigen: 34 Prozent der Menschen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko für eine Depression, mehr Typ-2- als Typ-1-Diabetiker. In Mainz ist die größte ambulante Einrichtung für „Psychodiabetologie“ – im Rahmen der „Poliklinischen Institutsambulanz für Psychotherapie der Universität Mainz“. Im Interview verrät uns Dipl.-Psych. Susanne Baulig, einer der Leiterinnen des Schwerpunkts, was sich dahinter verbirgt.

Im Interview:


Dipl.-Psych. Susanne Baulig
Psychologische Psychotherapeutin,
Leitung Schwerpunkt Psychodiabetologie der Poliklinischen Institutsambulanz für Psychotherapie der Universität Mainz,
E-Mail: subaulig@uni-mainz.de

Diabetes-Journal: Wen behandeln Sie in Ihrem „Schwerpunkt Psychodiabetologie“?
Dipl.-Psych. Susanne Baulig:
Wir sehen in unserem Schwerpunkt Menschen mit Typ-1-Dia­betes etwa doppelt so häufig wie die mit Typ-2-Diabetes. Zurzeit ist auch erstmalig eine Patientin mit einem Typ-3-Diabetes in unserer Behandlung. Das Altersspektrum reicht von der gerade 18-jährigen Schülerin bis hin zum 80-jährigen Rentner. In Ausnahmefällen können wir in Absprache mit der jeweiligen Krankenkasse auch schon 17-Jährige behandeln.

Angehörige von Menschen mit Diabetes behandeln wir in unserem Schwerpunkt nicht, da wir nur Menschen behandeln dürfen, die eine psychische Störung haben. Natürlich kann ich den Bedarf der Angehörigen hier gut nachvollziehen und fände es wünschenswert, dass wir unser Behandlungsspektrum irgendwann dahingehend erweitern.

DJ: Welche diabetesbezogenen psychischen Belastungen haben Ihre Patienten?
Baulig:
Bei allen Diabetestypen stellen wir oft Akzeptanzprobleme fest, also z. B. Schwierigkeiten, die Diagnose überhaupt anzunehmen und die entsprechende Therapie ins eigene Leben zu integrieren. Darüber hinaus treten bei unseren Diabetespatient_innen am häufigsten depressive Störungen, Essstörungen (v. a. übermäßiges Essen) und Ängste wie Hypoglyk­ämie-­Angst, Sorge um Folgeerkrankungen auf.

DJ: Woran erkenne ich als Betroffener diabetesbezogene psychische Belastungen?
Baulig:
Erste Anzeichen können sein, dass man es über einen längeren Zeitraum nicht mehr schafft, sich gut um den Diabetes und sich selbst zu kümmern, obwohl es nicht an Wissen über gutes Diabetesmanagement mangelt. Wenn man dauerhaft niedergeschlagen oder angespannt ist, sich sorgt, Aktivitäten meidet, die früher kein Problem waren oder gern ausgeführt wurden, sollte man hellhörig werden.

DJ: Was bedeutet „Diabetes-Distress“?
Baulig:
Diabetes-Distress beschreibt eine erhöhte Belastung durch die Tatsache der chronischen Erkrankung und all das, was diese mit sich bringt. Das kann z. B. der tägliche Aufwand der Diabetestherapie neben den eigentlichen Alltagsaufgaben sein oder die Frustration durch schlechte Blutzuckerwerte trotz größter Bemühung. Die erhöhte Belastung ist zunächst eine normale Reaktion und umfasst die emotionale Komponente des Diabetes, die in gewisser Weise zu der Erkrankung gehört. Ein Viertel bis ein Drittel der Menschen mit Diabetes hat eine hohe diabetesbezogene Belastung.

DJ: Und wann spricht man von Depression?
Baulig:
Eine Depression ist eine psychische Erkrankung, sie geht über den Diabetes-Distress hinaus. Die wichtigsten Symptome, die für das Vorliegen einer Depression erfüllt sein müssen, sind eine überwiegend niedergeschlagene Stimmung, verminderter Antrieb und der Verlust von Interesse bzw. Freude an Dingen, die vor dem Beginn der Depression als angenehm empfunden wurden. Menschen mit Diabetes haben ein um ca. 34 % erhöhtes Depressionsrisiko, umgekehrt ist das Risiko von depressiven Personen für einen Typ-2-Diabetes allerdings auch um 37 bis 60 % erhöht.

DJ: Wie wirken psychische Erkrankungen auf den Diabetes?
Baulig:
Menschen, die gleichzeitig einen Dia­betes und eine depressive Störung haben, haben häufig hohe Blutzuckerwerte. Das kann daran liegen, dass es ihnen zum Beispiel durch den verminderten Antrieb schwerer fällt, die Behandlungsempfehlungen umzusetzen. Es gibt auch biologische Zusammenhänge: Sehr vereinfacht kann man sagen, dass dauerhafter psychischer Stress bestimmte körperliche Vorgänge so verändert, dass es zu einer schlechteren Blutzuckerlage kommt.

DJ: Bekommt man eher ­Diabetesfolgen?
Baulig:
Psychische Erkrankungen führen häufig zu einem insgesamt schlechteren Verlauf des Diabetes. Je länger sie bestehen, desto mehr wirken sie sich auf das Risiko für Folgeerkrankungen, z. B. im Bereich der Gefäße, aus. Tatsächlich geht laut Studien das Bestehen einer Depression bei Menschen mit Diabetes auch mit einer erhöhten Sterblichkeit einher. Diese Zuspitzung kann man aber abwenden, indem man z. B. eine Psychotherapie macht. Zum Glück lassen sich psychische Erkrankungen heute gut behandeln.

DJ: Wo setzt eine Therapie an?
Baulig:
In unserer Ambulanz wenden wir das Verfahren der Kognitiven Verhaltenstherapie an. Zunächst ergründen wir gemeinsam mit den Patient_innen, wie die aktuellen psychischen Probleme entstanden sind und wodurch sie aufrechterhalten werden. Darauf aufbauend wird ein individueller Behandlungsplan erstellt. Im Zentrum der Behandlung stehen z. B. hinderliche Denk- und Verhaltensmuster, die in der Therapie hinterfragt und durch bessere Strategien zum Umgang mit belastenden Situationen ersetzt werden sollen.

DJ: Wie lange dauert eine Therapie?
Baulig:
Die Dauer der Psychotherapie richtet sich nach dem Bedarf der Patient_innen und dem Ausmaß der Beschwerden. Eine Mindestdauer gibt es nicht. Bei den Krankenkassen beantragen wir Therapiekontingente von 12 bzw. 24 Sitzungen für eine Kurzzeittherapie und 60 Sitzungen für eine Langzeittherapie. Werden die Therapieziele vor dem Ausschöpfen des jeweils bewilligten Kontingents erreicht, ist das umso erfreulicher, die Therapie wird vorzeitig beendet.

DJ: Wie können Sie beispielhaft eine erste Sitzung beschreiben?
Baulig:
Das Erstgespräch – auch psychotherapeutische Sprechstunde genannt – dient zunächst dem gegenseitigen Kennenlernen und einer ersten dia­gnos­tischen Orientierung. Der/Die Patient_in soll genügend Raum bekommen, um zu erzählen, welche psychischen Beschwerden und Belastungen bestehen. Wir erkundigen uns ausführlich nach Schwierigkeiten im Zusammenhang mit dem Diabetes. Häufig gibt es Problemfelder, über die wir mit den Patient_innen auch sprechen.

Außerdem versuchen wir beim ersten Kontakt, auf Unsicherheiten und Fragen seitens der Patient_innen einzugehen und sie genau über die verschiedenen Behandlungsoptionen aufzuklären. Das kann eine Psychotherapie sein, vielleicht sind auch andere Behandlungs- oder Beratungsangebote sinnvoll.

DJ: Bieten Sie auch Videositzungen an?
Baulig:
Bisher wurden in unserer Ambulanz keine Videobehandlungen durchgeführt. Hier gibt es im Zuge der Coronakrise jedoch gerade ganz aktuelle Änderungen, da auch wir kreativ werden und Möglichkeiten finden mussten, unsere Patient_innen notfalls ohne persönlichen Kontakt weiterbehandeln zu können. Erfreulicherweise wurde durch die Kassenärztliche Bundesvereinigung die Deckelung der Videobehandlung ab dem 1. April erst einmal aufgehoben (vormals max. 20 % aller erbrachten Leistungen). Ob die Videosprechstunde dauerhaft bei uns Einzug halten kann, wird sich zeigen.

DJ: Wie viele Ihrer Einrichtungen gibt es in Deutschland?
Baulig:
Unsere Einrichtung ist die mit Abstand größte bundesweit zur ambulanten psychotherapeutischen Behandlung von Menschen mit Diabetes. Eine vergleichbare Einrichtung gibt es unseres Wissens nicht. Aber es gibt Psychotherapeut_innen, die in Praxen arbeiten und mit viel Sachverstand Menschen mit Diabetes und psychischen Erkrankungen behandeln. Ansonsten sind es eher stationäre Einrichtungen, die diese Spezialisierung haben.

Weitere Infos
Unter www.diabetes-psychologie.de/Psychotherapeutensuche ist es über das Suchformular unkompliziert möglich, Psychotherapeut_innen mit der Zusatzqualifikation „Psychodiabetologie“ bzw. „Fachpsychologe Diabetes“ im eigenen Umkreis zu finden. Außerdem kann man auch über die Landespsychotherapeutenkammern Auskunft bekommen, wo diese Spezialist_innen arbeiten.

Interview: Günter Nuber
Chefredaktion Diabetes-Journal, Kirchheim-Verlag,
Wilhelm-Theodor-Römheld-Straße 14, 55130 Mainz,
Tel.: (0 61 31) 9 60 70 0, Fax: (0 61 31) 9 60 70 90,
E-Mail: nuber@kirchheim-verlag.de


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2020; 69 (5) Seite 38-40