7. April 2019: Marathon in Hannover. Typ-1-Diabetiker Robin Hrassnigg hat sich intensiv vorbereitet – und war stolz und glücklich, als er die Ziellinie überlief. Unterstützt hat ihn bei den Vorbereitungen und während des Marathons ein System zur kontinuierlichen Glukosemessung in Echtzeit (rtCGM), so dass er Unterzuckerungen gut vermeiden konnte. Im Interview berichtet er davon.

Diabetes-Journal (DJ): Herr Hrassnigg, wie kamen Sie zum Marathonlaufen?
Robin Hrassnigg:
Ich war seit bestimmt 10 Jahren gern zweimal die Woche joggen, ca. 8 bis 14 km. Am 1.1. dieses Jahres habe ich mich entschieden: Ich laufe jetzt Marathon und den ersten in Hannover! Ich möchte noch fitter werden und liebe die Bewegung an der frischen Luft. Ich möchte sportlich weiter Herausforderndes erleben – und das mit meinem Typ-1-Diabetes.

DJ: Was sind bei diesem Sport die Herausforderungen mit Blick auf den Diabetes?
Hrassnigg:
Die Herausforderung ist, über die lange Distanz die Zuckerwerte kontrolliert und stabil zu halten und vor allem eine Unterzuckerung zu vermeiden. Vor einigen Jahren lief ich einen Halbmarathon – meine Werte waren am Ende viel zu hoch, aus Angst vor einer Unterzuckerung. Ich wollte nicht durch das Piksen am Finger und Messen wichtige Zeit verlieren.

DJ: Warum haben Sie sich für ein kontinuierliches Glukosemesssystem in Echtzeit entschieden und wie sind die Erfahrungen damit im Training?
Hrassnigg:
Ich hatte mich vor ca. 18 Monaten für die kontinuierliche Gewebezuckermessung entschieden, weil es meinen Alltag vereinfacht. Das Dexcom G5 war mir im Test noch etwas zu groß, so dass ich 18 Monate das ­FreeStyle ­Libre von Abbott nutzte. Das Dexcom G6 war dann kleiner und hat den Vorteil, dass es per Bluetooth und ohne Scan die ganze Zeit den Wert automatisch anzeigt und sogar auf meine ­AppleWatch synchronisiert. Das ist ein großer Vorteil beim Laufen, weil ich nur noch auf die Uhr an meinem Handgelenk schauen muss. Zudem synchronisieren sich die Dexcom-Werte mit unserer Diabetizer-App. Im Training zeigten sich bereits die Vorteile: Laufen, Blick auf die Uhr, Wert okay?, Wert zu niedrig?, dann schnell Traubenzucker im Laufen essen.

DJ: Wie sah die Vorbereitung auf den Marathon aus?
Hrassnigg:
Die Vorbereitung sah so aus, dass ich mir ein Laufbuch organisiert und dann einen 10-Wochen-Plan akribisch verfolgt habe: Dienstag, Donnerstag, Samstag und Sonntag bin ich gelaufen, wie es im Buch vorgegeben war, d. h. Distanz, Durchschnittstempo, Intervalle. Das hat Spaß gemacht. Ich habe mir den Plan in die Küche gehängt, ebenfalls habe ich meinen Blutzuckerwert vor und nach dem Lauf auf meinem „Papierplan“ in der Küche eingetragen und eine Notiz, ob ich Traubenzucker brauchte oder nicht. Die kontinuierliche Messung hat mich dabei unterstützt, meine Zuckerwerte im Zielbereich zu halten und so auch mein sportliches Ziel von 3 Stunden und 59 Minuten im Auge zu behalten.

DJ: Wie haben Sie es geschafft, Ihre Zuckerwerte während des Marathons stabil zu halten?
Hrassnigg:
Ich verwende eine Omnipod-­Patch-­Pumpe, bei der ich vor jedem Lauf die Zuführung der Basalrate gestoppt habe. An jeder Erfrischungsstation habe ich 1 Becher Wasser und 1 Becher Isogetränk getrunken und ca. 1 halbe Banane gegessen. Rutschte der Zuckerwert unter 100 mg/dl (5,6 mmol/l) mit Tendenz des Trendpfeils schräg nach unten, habe ich Traubenzucker (flüssig oder fest als Drops) zu mir genommen. Ab Kilometer 20 habe ich bei entsprechendem Wert dann auch 1 Cola getrunken – die treibt den Wert bei mir meist sprunghaft nach oben.

DJ: Wie verstauen Sie Ihre Diabetesausrüstung beim Laufen?
Hrassnigg:
Das rtCGM-System trage ich am Bauch. Es sitzt da sehr stabil und stört nicht. Meine Patch-Pumpe trage ich deaktiviert am Oberarm; falls die 3 Tage Laufzeit des Pods kurz zuvor abgelaufen sind, lasse ich ihn auch mal ganz weg. Mein Smartphone trage ich mit einer Hülle befestigt am Oberarm. Ca. 3 Rollen Traubenzucker nehme ich in einer von meiner Frau genähten Gürteltasche mit. Beim Marathon selbst begleiten mich an bestimmten Eckpunkten Freunde oder Familie, die dort unabhängig von den Erfrischungspunkten mit Traubenzucker zum eventuellen Nachfüllen stehen.

DJ: Was hat sich beim Laufen durch das Nutzen eines Systems zum kontinuierlichen Glukosemessen mit direkter Anzeige der Werte (rtCGM) geändert?
Hrassnigg:
Das Laufen ist viel sorgenfreier, da ich viel einfacher einer Unterzuckerung vorbeugen kann, zudem entsteht kein Zeitverlust durch Pausen, z. B. durch Unterzuckerungen und die Blutzuckerbestimmung. Man fühlt sich nicht benachteiligt durch den Dia­betes. Das ist schon klasse und motiviert noch mehr zum Laufen. Auch mein persönliches und familiäres Umfeld ist sorgenfreier, weil meine Zuckerwerte stabiler und kontrollierter sind.

DJ: Haben Sie ein bestimmtes Ritual vor dem Laufen?
Hrassnigg:
Natürlich muss das Equipment sitzen: Handy an, Tracking-App an der Uhr an. Ein besonderes Ritual habe ich bislang noch nicht, außer dass ich mir innerlich sage: Die Zeit packe ich heute – komm, Robin, laufen, Gas geben und Spaß haben! Vor dem Lauf nehme ich noch Magnesium- und Natrium-­Tabletten und laufe mich 1 km ein.

DJ: Mussten Sie aufgrund des Diabetes schon einmal das Training unter- oder abbrechen?
Hrassnigg:
Ich hatte noch keine schlimme Unterzuckerung mit Bewusstlosigkeit, auch nicht mit herkömmlicher Blutzuckermessung, weil ich niedrige Werte glücklicherweise wahrnehme. Aber ich musste vor dem Tragen des rtCGM-Systems schon häufiger den Lauf für einige Minuten unterbrechen, bis der Zucker wieder einen angemessenen Wert aufwies.

DJ: Wie war der Marathon in Hannover jetzt für Sie?
Hrassnigg:
Mir ist es gut ergangen, es hat riesig Spaß gemacht. Ich war fit und bis auf die schweren Beine am Ende des Laufs war es für mich gut zu bewältigen. Leider habe ich meine Zielzeit leicht verfehlt, bin aber mit meinen 4 Stunden und 13 Minuten sehr zufrieden und motiviert, diese Zeit zu verbessern. Ich war glücklich, dass mich so viele bekannte und unbekannte Leute angefeuert und unterstützt haben. Die Erfrischungsstationen konnte ich nutzen und meine Zuckerwerte hatte ich die ganze Zeit im Blick. Ich bin stolz auf meine Urkunde und Medaille.

DJ: Gab es besondere Herausforderungen?
Hrassnigg:
Bei dem Lauf war ich anfangs sehr gut und schnell unterwegs. Am Anfang habe ich sehr viel Traubenzucker zu mir genommen, da war der Wert konstant um die 90 mg/dl (5,0 mmol/l), und ich wollte vermeiden, tiefer zu rutschen.

DJ: Was haben Sie als Erstes nach dem Zieleinlauf gemacht?
Hrassnigg:
Ca. 500 m vor dem Zieleinlauf kamen mir bereits Freudentränen und ich war emotional gerührt. Beim Zieleinlauf habe ich die Arme in die Höhe gerissen und habe einfach nur einen Freudenschrei losgelassen. Kurz danach hatte ich schon die Medaille um den Hals. Dann habe ich ein alkoholfreies Weizenbier getrunken und ein Stück Kuchen gegessen, einmal kurz auf die Uhr geguckt und den Zuckerwert gecheckt. Der Diabetes war aber weniger präsent und ich war einfach nur glücklich.

DJ: Welche Läufe möchten Sie noch machen?
Hrassnigg:
Ich werde noch einige Marathonläufe machen, in Deutschland werde ich wohl noch in Hamburg und Berlin laufen. Ich habe vor allem aber das Interesse, international zu laufen – besonders reizvoll sind natürlich Städte wie New York. Einen Ironman werde ich noch laufen und überlege, ob ich in Frankfurt im Jahr 2020 oder 2021 laufe. In diesem Jahr sind noch 1 Marathon und 1 Triathlon über die olympische Distanz geplant.

DJ: Was wünschen Sie für rtCGM-Systeme als Unterstützung beim Laufen für die Zukunft?
Hrassnigg:
Alles, was ein System noch kleiner und kompakter macht, ist von Vorteil.


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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (7) Seite 44-46