„Markgräfler Genusslauf“ heißt der Halbmarathon im schönen Winzerstädtchen Müllheim. Drei Mal bin ich ihn gelaufen, beim vierten Mal verlaufe ich mich. Ob ich trotzdem ankomme?

Da ist er wieder, der Zauber. Schon als ich von Ferne die Musik höre, kribbelt es. Kaum bin ich im Stadion, packt es mich wieder mit Macht, das einzigartige Feeling um den Markgräfler Genusslauf. So heißt ein Halbmarathon, den ich 2004, 2005 und 2006 gelaufen bin. Es ist ein ganz besonderer Lauf, der hier am Ortsausgang von Müllheim startet – eine heitere Verbindung aus Sport und Genuss, schließlich gehören Weingüter zu den wesentlichen Sponsoren. Aber auch ein fordernder Lauf, gilt es doch rund 400 Höhenmeter zu bewältigen.

Noch gut lachen: Vor dem Start

Ein kleines Volksfest, das einige Tage dauert, ist das immer: Wie es sich fürs genussfreudige Markgräflerland gehört, mit viel Essen, Trinken und Weinproben. Ich komme erst so eine Stunde vor dem Start, lasse mich von der Atmosphäre animieren, bewundere die ausdrücklich erwünschten phantasievollen Kostüme und trabe zum Start. Ohrenbetäubend der Knall einer renovierten historischen Kanone – und los geht's ohne Gedränge. Alles ist wie immer, denke ich. Oder doch nicht so ganz?

Verzückt die Genussläufer mit Musette: Gisella

Gehörte ich vor 15 Jahren immer zu denen, die weit vorne liefen, so merke ich doch schon nach dem ersten steilen Anstieg in die Reben oberhalb von Müllheim, dass ich plötzlich schon ganz hinten liege. Auf den Schreck hin beginne ich erst einmal einen kleinen Plausch mit der Stimmungsmusikerin Gisella, die kürzlich noch auf einem Familienfest fulminant aufspielte. Aber jetzt weiter und schon denke ich: Wie tollkühn, hier mitzumischen, wo ich doch im heimischen Köln zwar viel laufe, aber eben keine fordernden Berge habe.

Weiche von mir, Versuchung! Genusswein

Aber erst einmal geht es einigermaßen eben durch die Weinberge mit herrlichen Blicken ins Rheintal und ins benachbarte Elsaß. Schon bei Kilometer 3 die erste Stärkungsstation „Dolce Vita mit Anita“, wo ein ungemein höflich-charmanter Bub einen Wasserbecher reicht. Hier ist halt die Welt noch einigermaßen in Ordnung – und gern abstrakt diskutierte Begriffe wie Respekt sind gelebte Wirklichkeit. Schon drei Kilometer weiter wartet Cordula mit Isostar, aber auch mit spritzigem Weißburgunder meines Freundes Hermann Dörflinger, dessen elegant-trockene Weine mich durchs Leben begleitet haben. Schon habe ich ein Glas (toll, dass aus Gläsern ausgeschenkt wird!) in der Hand, stelle es aber schweren Herzens wieder zurück – es warten ja noch ein paar Kilometer.

Kreuzweg: Links leicht, rechts schwer

Kurz nach der schönen Einkehr die nächste Versuchung: Links weist die gelbe Sau auf den „Viertelemarathon“, der mit zehn Kilometern eine verlockende Alternative bietet: Von der Streckenkarte weiß ich, den Berg runter, noch mal kurz steil hoch, Rotwein trinken – und dann gemütlich bergab ins Ziel traben. Einen kurzen Augenblick zögere ich, schaue auf die Säue, geb meinem Schweinehund einen Tritt – und folge der roten Sau. Puh, schon wieder geht's bergan und mir schwant, das wird heute hart.

Blasen den Läufern den Marsch: Alphörner

Sicher, dass ich noch mal unter zwei Stunden laufe wie bei den ersten drei Starts, hatte ich mir abgeschminkt, schließlich hatte ich damals acht volle Marathons, etwa in Berlin, London, New York, sehr erfolgreich absolviert. So an die zweieinhalb Stunden müssten aber zu schaffen sein, denke ich. Es sollte anders kommen. Aber erst einmal erinnere ich mich an die aufmunternden Klänge der „Schneckentäler Alphornbläser“ aus dem nahen Pfaffenweiler, die vor dem über Nacht Schnee-verzuckerten Aussichtsberg Blauen aufspielen. Wehmütig schaue ich ins Winzerdorf Feldberg und denke an den „Ochsen“, in dessen legendär schönem Garten ich so manche schöne Stunde verbracht habe.

Motiviert mich zum Weitermachen: Martin

Oh je, jetzt werden mir schon nach einer guten Stunde die Beine schlapp. Was tun? Da kommt gottseidank Martin, einer der Organisatoren. Mit ihm rede ich. Reden? Ja, klar, das stellt sicher, dass wir „Sprechtempo“ gehen, also immer den Körper ausreichend mit Sauerstoff versorgen (aerob laufen, nennen das die Fachleute). Er erklärt mir, dass der Lauf so beliebt ist, dass bei etwa 1300 Teilnehmern ein Limit gesetzt wird, damit der intime Charakter erhalten bleibt. Wobei rund 300 den halben und der Rest den Viertelemarathon laufen.

Warnung vor der „Wand“ Martin, mit dem ich mich duze, wobei die meisten Läufer sich so ansprechen, erläutert mir noch einmal die Strecke, nämlich dass es jetzt einige Kilometer lang bergauf geht, bevor es so ab Kilometer zwölf wieder runter geht. Aber dann wartet der härteste Teil des Laufs: Die „Wand“, ein ungemein stark ansteigendes Stück, nämlich von Kilometer 15 bis 17. Einen kleinen Besen hat Martin in der Hand, Zeichen für den Schluss. „Seid ihr der Besen“? fragen die Anfeuernden. „Nicht ganz, der Vorbesen“, seine Antwort. Also Hoffnung, noch nicht die Allerletzten.

Gottseidank nur selten Laufstrecke: Straße

Jetzt weiß ich Bescheid, das Gespräch hat Kraft gegeben. Jetzt habe ich meinen Rhythmus, den ich auch nicht verlasse, wenn mich jemand überholt. Wobei ich mich wundere, wie keuchend manche unterwegs sind, wie Lokomotiven kurz vor dem Verschrotten. Passt so gar nicht zu diesem heiteren Event, das ansonsten zeigt, Sport ist auch Spaß. Für kurze Zeit geht es mal über Straßen, wobei der größte Teil Feld- und Waldwege sind, was den Gelenken gut tut. Vorbildlich abgesperrt sind die Strecken von Feuerwehr, von freundlichen Freiwilligen. Ohne diesen großen, ehrenamtlichen Einsatz wäre der Lauf nicht möglich, denn von dem 25-Euro-Teilnehmerbeitrag ließe sich diese Veranstaltung nicht finanzieren.

Verweile doch, du bist so schön: Blauenblick

Plötzlich ein traumhafter Moment: Eine surreal sonnige Wiese vor dunklen Wolken. Ich fotografiere, dann kommt auch schon die nächste Einkehr. Gottseidank, da stehen noch Leute, ich bin nicht letzter. Großzügig schlage ich „Wundertee mit Zauberfee“ aus, gebe Gas, es geht leicht abwärts, die Temperaturen sind perfekt. Da überholt mich ein Mittvierziger im Häschenkostüm, grüßt aufmunternd. Ich ihm nach, wundere mich, dass es so lange abwärts geht. Noch mehr wundere ich mich, dass da plötzlich Häuser sind – das wird doch nicht Niederweiler sein? Ist es leider.

Auch Häschen wundert sich, bleibt stehen, sagt „Ich bin geschockt, wir haben die Abzweigung verpasst“. Was jetzt? „Zurück natürlich“, meint er. Was ein Mist, zum ersten Mal denke ich „Was soll das“? Wahnsinnig schwer fallen mir die Schritte, aber vorne winkt Häschen, ruft „da musch lang“. Jetzt sehe ich auf dem schlammigen Boden das weiße Band, was wir vorher übersehen haben. Ärgere mich über die runde Viertelstunde, die ich verloren habe. Der Mitvierziger mit seinen Wippeohren ist längst über alle Berge. Ich bin allein, der alte Mann und der Wald. Was tun? Jetzt ist der Triumph des Wollens gefragt, um eine vergiftete Formulierung abzuwandeln.

Steil, steiler, brutal: Die „Wand“

„Lauf, Lauber, lauf“, murmle ich erst. Dann immer lauter, irgendwann schreie ich „Lauf, Lauber, lauf“. Jetzt steh ich vor der Wand, vor der mich Martin vorher schon gewarnt hat. Brachial steil geht's hoch, jeden Stein spüre ich. Längst renne ich nicht mehr, quäle mich jeden Schritt, zwei Kilometer lang geht das so. Aufgeben? Nein, ich denke an den London-Marathon, wo ich mit einer Bauchzerrung hinkend durch die Stadt trottete, aber da haben mich Tausende auch frenetisch angefeuert: „Jack, you make it“!

Will schneller werden, aber da zwickt es in den Waden, also Vorsicht: Krampfalarm. Tief einatmen, unfassbar, wie würzig-harzig der Wald duftet – und da die Erlösung: Kilometer 18. Das schlimmste ist geschafft. Es naht die letzte Station, „habt ihr noch Wein“? frage ich. „Sekt ist noch da“, auch recht – und Rosinen, tun richtig gut. Auf einmal der Anruf: „Doch, doch, ich komme, verlaufen, warte“, rufe ich – und trabe los. Nun geht's fast nur noch bergab.

Im Elsaß regnet's schon: Kurz vor dem Ziel

Köstlich, wie schnell der Sekt wirkt, oder sind es die Rosinen, egal, so langsam kehren die Lebensgeister wieder. Endlich wird aus dem Traben wieder ein flottes Joggen. Wanderer kommen entgegen, grüßen respektvoll. Ach, jetzt regnet's auch noch, spielt keine Rolle, weil ich weiß, ich komme auf jeden Fall ins Ziel. Immer lauter höre ich die Ansage im Stadion, wo die Sieger ausgerufen und gefeiert werden.

Großes Gefühlskino Da sehe ich das Stadion auch schon – und da sehe ich vor allem die Herzensfrau, ganz allein, mitten auf der Straße, völlig durchnässt. Sie klatscht, feuert an „toll, toll, es ist nicht mehr weit“. Tränen, großes Gefühlskino. „Rechts, rechts“, ruft sie, zeigt mir den Weg auf die Aschenbahn, läuft nebenher – es sind die schönsten 200 Meter des ganzen Rennens, die Beine sind schwer und leicht zugleich. Jetzt fällt alle Last ab, jetzt weiß ich wieder, warum ich diese Strapazen auf mich nehme. Rein in den Zieleinlauf, ein kleines Begrüßungskomitee klatscht anerkennend. Foto von Matthias Pflumm. Geschafft! Letzter, denke ich, nicht ganz, einer, der Heiko, kommt noch.

Erschöpft und glücklich: Im Ziel

Sacken lassen, langsam laufen, auf einmal melden sich die Knochen, jeder einzelne persönlich. Aber dann: „Willst ein Glas Pinot-Sekt“, ruft es. Gerne! Er ist gut – und wenn er es nicht wäre, wär's auch gut. Noch eine heiße Suppe, mit Grandezza kredenzt. Unfassbar wie freundlich die hier alle sind. Deutschlands schönster Halbmarathon ist auch der herzlichste! Es wartet noch das Sieger-T-Shirt – und es wartet noch eine Flasche Rotwein. Natürlich entscheide ich mich für den von meinem Freund Hermann Dörflinger. Auch hier, herzliche Umarmung. Lasse mich durch die fröhliche Menge treiben, fotografiere die schrägen Vögel, die gut drauf sind.

Gehören zur Genusslauf-Magie: Mummenschanz und Wein

Ich schwebe, trotz müder Beine, will dieses Gefühl noch ein wenig genießen. Fahre also nicht mit dem Bus, sondern schlendere gemütlich den Klemmbach entlang die zwei Kilometer zum Bahnhof, vorbei am Weingut Dörflinger, das gottseidank zu ist – sonst hätte ich sicher von dem auf der Strecke glücklicherweise nicht angerührten Weißburgunder getrunken. Langsam klärt sich der Kopf – und ich danke meinem Körper, dass er so gut durchgehalten hat. Nichts ist geschwollen, nichts gescheuert, ein Ziehen im Bauch, das war's auch schon – und mit einem Mal denke ich: Immer noch bin ich „Fit wie ein Diabetiker“

Lohn der Mühe: Sieger-Shirt und Siegerwein

Wunderbar, dass die Euphorie auch die nächsten Tage anhält. Begünstigt sicher dadurch, dass es nicht einmal einen Muskelkater gibt. Begünstigt aber auch dadurch, dass ich nun meine offizielle Zielzeit kenne, nämlich 2:59:52. Um 8 Sekunden unter den drei Stunden – und das trotz meines unfreiwilligen „Ausflugs“. Bin begeistert, fange an zu träumen: Nächstes Jahr noch mal? Es ist die 20. Auflage dieses animierenden Laufs. Notiere mir auf jeden schon einmal das Datum: 26. April 2020!

Mein erster Genusslauf: Damals eine Stunde schneller


von Hans Lauber
E-Mail: aktiv@lauber-methode.de
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