Hat ein jeder von uns sich alles so vorgestellt, wie es ist? Wohl kaum, das Leben ist voller Wendungen, voller Glück, Traurigkeit und unvorhersehbar. Wer von uns hätte mit dem Diabetes in seinem Leben gerechnet? Gut ist, wenn die Wendungen auch Positives ins Leben bringen – so wie bei Nina.

Ich liege in meinem kuscheligen Bett, schaue an die Decke und überlege mir, was ich mir Leckeres zum Frühstück machen werde. Bin ich vernünftig und esse einen Porridge mit Obst und Nüssen? Oder gönne ich mir heute mal was Süßes? Wie wäre es denn mit Apfelpfannkuchen? Die gab es schon lange nicht mehr. Doch dann kommt mir eine bessere Idee.

Kurzerhand entscheide ich mich für Waffeln und selbst gemachten Apfelbrei. Freudestrahlend hüpfe ich aus dem Bett und schlendere in die Küche. Waffeln und Apfelbrei sind für mich einfach Essen für die Seele. Ich drehe das Radio laut auf, und genau in dem Moment wird mein Lieblingslied gespielt. Welch ein Zufall! Und glücklich fange ich zu singen an, während ich das Frühstück vorbereite.

Autorin Lena Schuster ist Psychologin. Seit 2014 hat sie Typ-1-Diabetes. Ihr Bruder hat seit der Kindheit ebenfalls Typ-1-Diabetes, deshalb ist ihr auch der Einfluss der Stoffwechselerkrankung auf die Familie gut bekannt.

Im Diabetes-Journal bringt sie ihre persönlichen Erfahrungen und Eindrücke in der Kurzgeschichtenreihe „Der kleine Melli und ich“ ein.

Kontakt über nuber@kirchheim-verlag.de

Schließlich ist das Essen fertig, und ich setze mich an den Küchentisch und halte kurz inne. Mit geschlossenen Augen atme ich tief ein. Der Duft warmer Waffeln steigt mir in die Nase. Eine wohlige Wärme umgibt meinen Körper. Glücklicher könnte ich in dem Moment nicht sein! So mache ich die Augen wieder auf und genieße das Frühstück. Heute ist mein freier Tag, und ich kann das tun, worauf ich Lust habe. Gehe ich später zum Sport? Bestelle ich mir heute Abend Sushi und schaue einen Film? Oder bummele ich mit einer Freundin durch die Stadt und den Park?

Plötzlich das Piepsen im Ohr – alles nur geträumt!

Plötzlich höre ich ein Piepsen direkt an meinem Ohr. Ich schrecke hoch und sitze senkrecht im Bett. Was ist passiert? Mein Blick geht in die Richtung, aus der das Piepsen kommt: Mein Wecker ist der Übeltäter! Langsam realisiere ich, dass das alles nur ein Traum war. Die leckeren Waffeln, der Morgen des vollkommenen Glücks waren nicht echt. Ein paar Sekunden bleibe ich einfach nur sitzen. Kurze Zeit später kommt Melli ins Schlafzimmer gestürmt. „Nina, du musst aufstehen. Du musst ganz schnell was essen. Wieso liegst du denn immer noch im Bett?“

Bevor ich reagieren kann, hat er auch schon die Rollläden hochgezogen. Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg ins Zimmer und blenden mich. Da wird mir schmerzlich bewusst, was nicht in meinem Traum vorkam: Melli. Ich konnte in meinem Traum essen, worauf ich Lust hatte, wann und so viel ich wollte. Traurigkeit breitet sich in mir aus. Ich quäle mich endlich aus dem Bett und schlurfe in die Küche. Gedankenverloren spritze ich mich und esse wie jeden Morgen ein Stück Vollkornbrot mit einem gekochten Ei.

Die Diabetes-Kurzgeschichtenreihe „Der kleine Melli und ich“ – der Hintergrund


Melli ist ein kleiner Junge, der mit Nina, einer erwachsenen Frau, zusammenlebt. Die beiden Protagonisten der Diabetes-Kurzgeschichtenreihe geraten im Alltag immer wieder in Konflikt: beim Essen, beim Sport etc.

Autorin Lena Schuster: „Für mich ist der Diabetes vergleichbar mit dem kleinen Melli, den man oft zu gerne ignorieren möchte, doch das geht leider nicht. Denn ignoriert man den Diabetes, ist er wie ein schreiendes Kind, das einen nicht zur Ruhe kommen lässt. Kümmert man sich jedoch um den Diabetes, so macht einen das stark – und man erkennt, dass man bereit ist, auch andere Probleme des Lebens zu bewältigen.“

Melli setzt sich neben mich und fragt: „Was ist denn los? Was hast du denn?“ Doch ich bin so in meinen Gedanken versunken, dass ich ihn gar nicht bemerke. Habe ich mir mein Leben so vorgestellt? Was hatte ich erwartet vom Leben? Was dachte ich denn, wie es verlaufen würde? Es wird deutlich, dass in keiner meiner Vorstellungen Melli vorkam.

Das Telefon klingelt, und ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Ich laufe in den Flur und sehe auf das Display: Anna ruft an. Welch eine schöne Überraschung! Anna und ich haben uns bei einer Diabetesschulung kennengelernt und uns auf Anhieb gut verstanden. Direkt geht es mir deutlich besser. Schnell nehme ich den Hörer ab: „Hallo Anna, es freut mich, von dir zu hören. Wie geht es dir?“

Nach ein paar Minuten lege ich auf und komme freudestrahlend auf Melli zu. „Anna wird uns am Wochenende besuchen kommen. Ich freue mich so sehr, das glaubst du gar nicht!“ Lächelnd sieht mich Melli an und ist froh, dass meine schlechte Laune von vorhin verflogen ist.


Kommentar der Autorin: Ohne Melli gäbe es Freundin Anna nicht

Jeder hat Vorstellungen, wie das eigene Leben verlaufen wird. Ein Teil der Vorstellungen wird vielleicht erfüllt, jedoch wird es Dinge in unserem Leben geben, die wir nicht erwartet haben. So realisiert Nina, dass ihr Leben anders verlaufen ist, als sie dachte. Das stimmt sie zunächst traurig, weil sie durch Melli eingeschränkt ist. Dann wird ihr jedoch bewusst, dass sie ohne Melli ihre gute Freundin Anna nicht kennengelernt hätte.

Auch ich habe durch den Diabetes etwas entdeckt, das ich so einfach nicht erkannt hätte. Ich habe durch den Diabetes zum Schreiben gefunden und durfte die Redaktion des Diabetes-Journals kennenlernen. Dafür bin ich sehr dankbar!


von Lena Schuster
Redaktion Diabetes-Journal, Kirchheim-Verlag,
Wilhelm-Theodor-Römheld-Straße 14, 55130 Mainz,
Tel.: (0 61 31) 9 60 70 0, Fax: (0 61 31) 9 60 70 90,
E-Mail: redaktion@diabetes-journal.de


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2021; 70 (4) Seite 40-41