Turnen ist anstrengend, erst recht, wenn man es auf einem sehr hohen Niveau betreibt - so wie Ann-Fabienne Walz. Um Diabetes und Leistungssport unter einen Hut zu bekommen, müssen sie und ihre Eltern, Irena und Thomas Walz, viel ausprobieren.

Sie ist 9 Jahre alt und zählt zu den Landesbesten ihrer Disziplin: Ann-Fabienne Walz ist im Landeskader des Bayerischen Turnverbandes und belegte im April vordere Plätze bei regionalen und Landesmeisterschaften. Das ist eine Meisterleistung, auch, weil hartes Training die Gefahr einer Unterzuckerung bergen kann. Ann-Fabiennes Geschichte erreichte das Diabetes-Eltern-Journal über das Institut für Diabetesforschung Helmholtz Zentrum München.

Erste Anzeichen ...

Seit drei Jahren ist die neunjährige Ann-Fabienne Walz aus dem bayerischen Markt Indersdorf bei jeder Regional- oder Landesmeisterschaft im Geräteturnen dabei und räumt Medaillen ab. Bis auf die Bayerische Mannschaftsmeisterschaft vor fast zwei Jahren – da lag sie gerade in der Kinderklinik, Diagnose: Typ-1-Diabetes.

Schon zuvor gab es erste Anzeichen. "Ich hab’ in der Schule immer ganz viel getrunken, hatte oft Bauchweh", erinnert sich die Viertklässlerin. Beim Training war sie unkonzentriert und müde. Auch während der Oberbayerischen Mannschaftsmeisterschaften gab es – wie den Eltern später klar wurde – Alarmsignale:

"Sie stand am Schwebebalken und musste vor der Übung dreimal auf die Toilette gehen. Sie hätte fast ihre Übung verpasst", erzählt ihre Mutter Irena Walz. "Wir haben gedacht, wir haben es mit dem Training übertrieben und machen mal eine Pause, gehen aufs Oktoberfest. Auf dem Karussell war sie so blass, dass ich Panik hatte: Hält sie sich fest?"

... dann die Diagnose

Drei Tage später fuhren die Eltern mit ihr in die Klinik. Gegen Mitternacht hatten sie Gewissheit. Aber es dauerte noch ein paar Tage, bis der Familie die volle Tragweite der Diagnose bewusst wurde. "Wir haben noch mit der Ärztin diskutiert, dass sie auf alle Fälle an den bevorstehenden Bayerischen Mannschaftsmeisterschaften teilnehmen möchte. Erst nach ein paar Tagen ist uns klar geworden: Wir suchten eigentlich nur nach einer Bestätigung, dass das nicht wahr ist!", so Irena Walz.

"Noch im Krankenhaus haben wir unserer Tochter gesagt, dass wir alles dafür tun werden – soweit es in unserer Macht steht – dass sie ihren Sport betreiben kann."

Allen wird viel abverlangt

Dieses Versprechen haben die Eltern gehalten, auch wenn es allen viel abverlangt. Sieben- oder achtmal Blutzuckermessen – teilweise dreimal in der Nacht – zählt dazu. Fast ebenso häufig musste anfangs Insulin gespritzt werden.

Heute trägt Ann-Fabienne eine Insulinpumpe, die sie ganz alleine bedient. Doch das häufige Blutzuckermessen ist geblieben. Da durch sportliche Betätigung der Körper Energie in Form von Glukose verbraucht, wird weniger Insulin benötigt. Andererseits steigt der Adrenalinspiegel, was den Zuckergehalt im Blut wiederum ansteigen lässt.

Zur Sicherheit: Messungen vor jeder Geräteübung

Während eines Wettkampfes misst Ann-Fabienne deshalb ihren Blutzucker vor jeder Geräteübung und am Ende des Wettkampfes, nicht nur um den Leistungsanforderungen gerecht zu werden, sondern auch aus Sicherheitsgründen, da sie Übungen in großer Höhe oder kopfüber bewältigen muss. Je nach Tagesform und Trainingseinheit reagiert der Körper – insbesondere während des Wachstums – unterschiedlich, so dass der Insulinbedarf variiert.

"Die Herausforderung beim Leistungsturnen ist, dass die Belastung nicht gleichförmig bleibt", erläutert ihre behandelnde Ärztin, Dr. Katharina Warncke. Neben ihrer Tätigkeit in der Kinderklinik München Schwabing, die als Einrichtung zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes mellitus von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) zertifiziert ist, engagiert sich die Diabetologin bei der Forschergruppe Diabetes der TU München.

Der Insulinbedarf variiert

"Trainingseinheiten mit Ausdauertraining führen eher dazu, dass der Blutzuckerspiegel sinkt und man weniger Insulin benötigt, während beim Krafttraining der Blutzuckerspiegel eher ein bisschen ansteigt und mehr Insulin benötigt wird", ergänzt die Kinderärztin.

Nach einem anstrengenden Training kann der Blutzuckerspiegel vor allem in der Nacht kurzfristig rapide sinken, so dass die Gefahr einer gefährlichen Unterzuckerung besteht. Die kontinuierliche Glukosemessung (CGM) kommt für Ann-Fabienne noch nicht in Frage, weil ein weiterer Katheter im Training momentan zu sehr stören würde.

"Wir sind ein logistisches Unternehmen geworden"

Mitte des Jahres ist Ann-Fabienne zum TSV Unterföhring in ihren Landesstützpunkt gewechselt. Die Eltern haben auch dort die Trainer mit ins Boot geholt – diese sind gegenüber den besonderen Anforderungen sehr offen, verständnisvoll und engagiert. Somit muss Irena Walz nicht mehr beim Training dabei sein, da die Tochter mittlerweile sehr selbständig ist.

"Wir sind ein logistisches Unternehmen geworden", so die Mutter. "Wir planen genau: Wann und was darf Ann-Fabienne vor dem Training essen? Wie viel? Wann kann sie die Hausaufgaben erledigen, wann an die frische Luft gehen? Wann muss sie im Training eine Pause machen? Das ist alles genau durchdacht."


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Viermal pro Woche drei Stunden Training

Viermal in der Woche absolviert Ann-Fabienne ein dreistündiges Training, während dem sie ihre Pumpe ablegt, um sich nicht zu verletzen. Nach eineinhalb Stunden muss sie eine Pause machen und erneut messen. Sie legt die Pumpe kurz an, um etwas Insulin abzugeben. Obwohl Ann-Fabienne erst neun Jahre alt ist, weiß sie genau, bei welchem Blutzuckerwert sie welche Insulindosis abgeben beziehungsweise wann sie zusätzliche Kohlenhydrate zuführen muss.

So viel Disziplin ist nicht immer leicht durchzuhalten. "Wir sind irgendwann mal an einen Punkt geraten, wo wir so müde waren, dass wir gesagt haben: So geht es nicht weiter", erzählt Irena Walz. "Wir haben die Pumpentherapie mittlerweile optimiert, arbeiten viel mit den temporären Basalraten und der Fernsteuerung der Accu Chek Combo und versuchen, unsere ‚Dienste’ abzuwechseln, etwas lockerer mit der gesamten Situation umzugehen und somit unsere familiäre Belastung zu reduzieren."

Sport aufgeben oder kürzertreten? Niemals!

Trotz der zusätzlichen Anforderungen, die ihr Diabetes an sie stellt, hätte sich Ann-Fabienne nicht eine Minute vorstellen können, ihren Sport aufzugeben oder kürzerzutreten. Im Gegenteil: "Kinderturnen, Ballett und Schwimmen – das war mir zu einfach und zu langweilig", sagt sie.

Mit Beginn der Therapie begann dann auch ihr Höhenflug. "Von den körperlichen Leistungen her war für uns überraschend, dass sie sich innerhalb von eineinhalb Jahren extrem gesteigert und ihre Leistung kontinuierlich gehalten hat", berichtet die Mutter. So gewann Ann-Fabienne zusammen mit ihrem Team die Oberbayerischen Mannschaftsmeisterschaften 2011 und 2012 sowie die Bayerische Mannschaftsmeisterschaft 2012. Im selben Jahr belegte sie bei den Oberbayerischen Einzelmeisterschaften den 3. Platz, wie auch in diesem Jahr.

Bei der Bayerischen Einzelmeisterschaft 2013 wurde sie Vierte. Aufgrund ihrer Erfolge wurde sie in diesem Jahr zu den Landesbesten ihres Jahrgangs in den Landeskader des Bayerischen Turnerverbandes berufen.

Sport birgt zwar Unterzuckerungsgefahr ...

Während Mediziner für Typ-2-Diabetes sportliche Betätigung uneingeschränkt sogar als Therapie empfehlen, besteht bei Typ-1-Dia-
betes bei größerer Anstrengung eher die Gefahr einer Unterzuckerung. Wie man diese Gefahr wirkungsvoll umgehen kann, zeigt das Beispiel von Ann-Fabienne, deren Krankengeschichte im DiMelli-Register dokumentiert ist.

In dem vom Helmholtz Zentrum München und dem Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) geförderten Projekt werden bayernweit die Neuerkrankungen aller Diabetestypen bei Kindern und Jugendlichen bis zum 20. Lebensjahr erfasst. Mittels Laboranalysen werden die Betazellrestfunktion und der Autoantikörper-Status der Patienten untersucht, um den Diabetestyp genau klassifizieren und auch die Therapie optimieren zu können.

... doch Kinder, die Sport treiben, sind strukturierter

Sport scheint nach Ansicht von Ann-Fabiennes Ärztin dabei eine positive Rolle zu spielen: "Kinder, die viel Sport treiben, machen in der Regel die ganze Therapie besser mit und integrieren den Diabetes besser in ihr Leben", so Warncke. "Sie sind nicht nur ausgeglichener, sondern auch strukturierter. Außerdem wird die Insulinsensitivität durch den Aufbau von Muskelmasse verbessert, so dass sich das positiv auf die Blutzuckerwerte auswirkt und meist weniger Insulin benötigt wird."

Infos zu DiMelli und anderen Studien

Wer weitere Informationen zum bayernweiten Diabetesregister DiMelli oder zu einer Typ-1-Diabetes-Studie wünscht, kann sich unverbindlich informieren bei:

Institut für Diabetesforschung, Helmholtz Zentrum München, Direktorin: Univ.-Prof. Dr. med. Anette-Gabriele Ziegler, Kostenlose Info-Hotline: 0 800/82 84 86 8, E-Mail: prevent.diabetes@lrz.uni-muenchen.de , Internet: http://www.diabetes-studien.de

Diabetes und Sport – das ist ein Paket

Das sieht Familie Walz ähnlich. Irena Walz: "Diabetes und Sport – das ist für mich ein Paket. Der Körper läuft gleichmäßiger. Das Kind muss ja nicht gleich Leistungssport betreiben, das geht nur, wenn es Spaß macht und die komplette Familie dahintersteht. Bei uns wird deshalb jedenfalls viel über Sport gesprochen, nicht nur über Diabetes."

Mehr zu Ann-Fabienne...
und wie die Familie mit dem Diabetes umgeht, lesen Sie im Interview mit Irena Walz auf diabetes-eltern-journal.de

von Nicole Finkenauer-Ganz
Redaktion Diabetes-Eltern-Journal

Kontakt:
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Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2013; 6 (3) Seite 16-18