Elisabeth Mikulin ist 24 Jahre alt und hat Typ-1-Diabetes, seit sie sieben ist. Damals lebte sie mit ihrer Familie noch in Frankfurt an der Oder. Die Familie zog um nach Baden-Württemberg, und heute arbeitet Elisabeth als Zollbeamtin im Hauptzollamt Stuttgart im Bereich Finanzkontrolle/Schwarzarbeit. Das Besondere: Sie hat den „Eigensicherungs- und Bewaffnungslehrgang“ absolviert und ist Waffenträgerin. Wie es dazu kam, erzählt sie im Interview mit dem Diabetes-Eltern-Journal.

Alles begann mit einer Erkältung mit hohem Fieber. Die siebenjährige Elisabeth kam in die Klinik – dort wurde festgestellt, dass sie Diabetes hat.

Diabetes-Eltern-Journal (DEJ): Frau Mikulin, wie haben Sie und Ihre Eltern auf die Diagnose reagiert?
Elisabeth Mikulin:
Das war ein echter Schock. Meine Eltern wussten nicht, was es bedeutet, Diabetes zu haben. Ihnen wurde gesagt, dass es unheilbar ist. Sie mussten das erst mal annehmen. Aber meine Eltern haben es ganz, ganz toll gemacht und z. B. an Kuscheltieren geübt, wie man Insulin spritzt Die Diagnose kam zur Zeit meiner Einschulung. Ich war die einzige mit Diabetes und dachte: Was passiert hier gerade?

Diese gewisse Regelmäßigkeit, das Spritzen und Messen, das Abwiegen – eben diese gewisse Disziplin, die die Krankheit erfordert, mussten wir uns aneignen. Aber mittlerweile funktioniert es super, und der Diabetes gehört zu mir – und das wird auch in der Familie so gelebt.

DEJ: Wie behandeln Sie Ihren Diabetes?
Elisabeth Mikulin:
Ich bin immer noch beim Pen – da bin ich echt old school. Ich benutze auch noch ein Blutzuckermessgerät. Aber ich differenziere auch: Im Berufsalltag nutze ich den Sensor, aber in Ruhephasen oder im Urlaub wechsle ich gerne wieder zum Blutzuckermessen, weil es mir dann lieber ist, nichts am Körper zu haben. Urlaub bedeutet bei mir tatsächlich auch Urlaub von den Geräten, die an einem kleben.

DEJ: Und wie kam es, dass Sie nach dem Abitur zum Zoll gegangen sind?
Elisabeth Mikulin:
Da hat es mich einfach hingezogen. Ich wusste, dass ich für mich einen außergewöhnlichen Beruf finden möchte, keinen 08/15-Job. Nicht nur im Büro sitzen, nicht nur draußen irgendwas machen. Mir war klar: Zur Polizei kann ich nicht gehen, weil man dort eine Waffe trägt. Aber ich wusste, dass der Zoll eben nicht nur im waffentragenden Bereich aktiv ist, sondern dass man dort auch etwas anderes machen kann. Deshalb ging meine erste Bewerbung an den Zoll – und es hat funktioniert!

DEJ: Jetzt ist es aber so, dass Sie doch eine Waffe tragen – wie kam das denn?
Elisabeth Mikulin:
Beim Bewerbungsgespräch saßen mir fünf Personen vom Zoll aus verschiedenen Bereichen gegenüber. Irgendwann kam die Frage, wie ich denn zu Dienstkleidung und Waffe stehen würde. Ich habe gesagt, dass ich die Dienstkleidung mit Stolz tragen würde. Und dass ich vor der Waffe Respekt habe und mir bewusst ist, dass für mich wegen des Diabetes sowieso nicht die Möglichkeit besteht, eine Waffe zu tragen. Der Vorsitzende hat mich ganz komisch angeschaut und gesagt: „Frau Mikulin, schauen Sie mal bitte auf den Tisch, was sehen Sie da?“ Dort lag ein Blutzuckermessgerät! Er ist aufgestanden, hat seine Waffe gezeigt und gesagt: „Frau Mikulin, es ist ein Trugschluss, dass Sie als Diabetikerin keine Waffe tragen können. Wenn Sie alle Voraussetzungen erfüllen, gut eingestellt sind und sich dafür fit und psychisch bereit fühlen, spricht nichts dagegen. Sie müssen die entsprechende Ausbildung machen, und dann gucken wir, wie es weitergeht.“
Das war für mich eine ganz neue Erkenntnis, denn ich war ja auch zuvor in der Kinderklinik in Tübingen davon überzeugt worden, dass der Diabetes ein Ausschlusskriterium ist, wenn es um das Tragen einer Dienstwaffe geht.

DEJ: Was für ein Zufall, dass da gerade jemand saß, der auch Diabetes hat ...
Elisabeth Mikulin:
Ja, und er hat gesagt, bei Diabetes spürt man ja, was in einem passiert. Wenn man wirklich gut eingestellt ist, kann man rechtzeitig reagieren. Hinzu kommt, dass Zöllner ihre Waffe nur bei sich führen, um diese im Fall eines Angriffs zur Selbstverteidigung einzusetzen.

DEJ: Wie lief die Ausbildung beim Zoll ab?
Elisabeth Mikulin:
Insgesamt bin ich jetzt drei Jahre dabei. Die Ausbildung ging über zwei Jahre, und seit einem Jahr arbeite ich in Stuttgart im Hauptzollamt und bin inzwischen Beamtin.
Wenn man die Ausbildung antritt, startet man mit einer Informationswoche, bevor es in eine der Ausbildungsstätten geht – ich war ein halbes Jahr in Sigmaringen. Das waren für mich eine tolle und auch eine spannende Zeit, da ich das erste Mal offiziell von meinen Eltern weg und auf mich selbst gestellt war. Dieser Theorieteil schließt mit der Zwischenprüfung ab, und man kommt dann an verschiedene Dienststellen und Dienstorte – Grenze, Flughafen, Zollämter und auch zum Bereich Finanzkontrolle/Schwarzarbeit. So konnte ich mir alles anschauen. Danach folgen ein weiterer Theorieblock und die Abschlussprüfung. Das ist der Ablauf für den mittleren Dienst. Die Ausbildung im gehobenen Dienst ist mit einem Studium verbunden und dauert drei Jahre.

Und mit der Pumpe ist es so: Ich schlafe recht aktiv, dusche sehr lange und bin generell sehr aktiv im Leben. Da fühle ich mich bei dem Gedanken an eine Pumpe ein bisschen eingeschränkt, mit der Kanüle und dem Kabel und so. Vielleicht will ich irgendwann mal eine Pumpe, aber noch ist es mir lieber ohne.

DEJ: Und die Ausbildung an der Waffe?
Elisabeth Mikulin:
Dafür habe ich nach der normalen Ausbildung noch eine Waffenausbildung absolviert. In diesen acht Wochen hatte ich jeden Tag von morgens bis ca. 16 Uhr Schießtraining, Einsatztraining und WSV – also Waffenlose Selbstverteidigung. Beim Einsatztraining übt man z. B. in Rollenspielen, wie eine Kontrolle ablaufen soll und wie man deeskalierend wirken kann.

Auch der Umgang mit Extremsituationen ist ein Thema. Wir hatten außerdem Boxen, Selbstverteidigung, Bodenkampf – die acht Wochen waren echt hart und alle Teilnehmer sind mit blauen Flecken und Muskelkater zurückgekommen. Diese Zeit war sehr intensiv, aber auch absolut notwendig, weil man tatsächlich lernt, mit der Waffe umzugehen, sie auseinanderzunehmen, wieder zusammenzubauen, zu reinigen – und natürlich, damit zu schießen, im Stand, im Gehen, im Kriechen, beim Rückwärtslaufen. Und jetzt habe ich die Pflicht, sechs Mal im Jahr zum Schießen zu gehen und einmal im Monat zum Dienstsport.

DEJ: Was sagen die Eltern zu Ihrem Beruf?
Elisabeth Mikulin:
Anfangs dachte meine Mutter, dass der Beruf gefährlich sei, mittlerweile ist sie, genauso wie mein Papa, stolz auf mich. Bedenken wegen des Diabetes haben sie beide nicht. Der Diabetes gehört einfach zu mir, und ich bin irgendwann zu dem Punkt gekommen zu sagen: Ich bin auch dankbar, dass ich die Krankheit habe, weil man einen ganz anderen Bezug zu sich bekommt als ein gesunder Mensch. Ich fühle direkt, wenn etwas mit mir nicht stimmt, ich kann mich gut einschätzen. Ich denke, ich horche auch ganz anders in mich hinein – und das ist etwas, was mir allgemein im Alltag hilft und was auch im waffentragenden Bereich wichtig ist.

DEJ: Wie gehen Sie während der Arbeit mit dem Diabetes um?
Elisabeth Mikulin:
Ich gehe auf jeden Fall offen damit um und spüre keine Einschränkungen. Ich kann mich beim Zoll frei entfalten, was mir sehr gefällt. Und ich bin auch nicht die einzige Zöllnerin mit Diabetes: Als ich das erste Mal nach meiner Ausbildung zu meinem Bereich kam, habe ich so viele Sensoren gesehen! Ein Mann mit Diabetes ist mir auf dem Gang entgegengekommen, mit einem anderen habe ich beim Kaffeetrinken gesprochen – und es gibt noch einige mehr.

Alle Kollegen wissen um die Erkrankung, wissen, was Diabetes bedeutet und was im Notfall zu tun ist. Wir werden nicht ausgeschlossen, sondern gehören komplett dazu. Das gilt für alle: Viele Kollegen haben Einschränkungen und sind super integriert. Das finde ich ganz toll.

DEJ: Was machen Sie bei Diensten außerhalb der normalen Zeiten?
Elisabeth Mikulin:
Meine normale Arbeitszeit ist von 8 bis 16.30 oder 17 Uhr; durch den Schwerbehindertenausweis arbeite ich nur 40 statt 41 Stunden.
Bundesweite Kontrollen finden manchmal nachts statt, da bin ich dann z. B. ab 2 Uhr im Dienst. Dafür kann man sich melden, muss aber nicht. Wenn ich nachts arbeite, stimme ich mein Basalinsulin darauf ab, und natürlich habe ich immer Traubenzucker dabei.

Während der Kontrolle fahren wir von Objekt zu Objekt, und ich habe im Auto meist genug Zeit, noch einmal den Zucker zu prüfen und wenn nötig eine Kleinigkeit zu essen – das funktioniert schon. Auch in den einzelnen Kontrollsituationen ist Zeit, sich kurz rauszunehmen, denn wir sind ja bei solchen Sondereinsätzen in einer Gruppe von mindestens zehn Personen unterwegs.

Was ich sehr schätze ist, dass ich mir die Arbeit auch selbst einteilen kann. Als Waffenträgerin bin ich voll einsatzfähig und kann entscheiden, ob ich ein interessantes Objekt prüfen möchte. Ich hole mir dann mit einem Kollegen ein Dienstfahrzeug, wir prüfen vor Ort, und zurück im Innendienst prüfe ich die mitgebrachten Unterlagen. Das ist echt spannend. Man sitzt nicht nur im Büro, ist aber auch nicht nur draußen – eine gute Mischung. Eine gewisse Selbständigkeit im Beruf ist mir ganz wichtig. Dabei sind mir als Berufsanfängerin mit erst einem Stern auf der Schulter – mein Rangabzeichen als Zollsekretärin – aber auch gewisse Grenzen gesetzt.

DEJ: Aber es können mit der Zeit ja auch noch Sterne hinzukommen, oder?
Elisabeth Mikulin:
Definitiv! Ich möchte nicht stehen bleiben. Ich möchte meinen Horizont erweitern und mich auf jeder Ebene weiterentwickeln.

DEJ: Und den Diabetes sehen Sie nicht als Hindernis, oder?
Elisabeth Mikulin:
Genau. Ich möchte den Leuten sagen, dass sie offen für alles sein sollen. Wenn ich auf etwas Lust habe, mache ich das und höre nicht auf jemanden, der sagt: „Nein, das kannst du nicht, das schaffst du nicht.“ Diabetes ist kein Hindernis, wir sind nicht eingeschränkt! Wenn wir gut eingestellt sind, können wir ein ganz normales Leben führen.

Das möchte ich auch anderen Menschen mit Diabetes mit auf den Weg geben, dass sie ausprobieren sollen, auf was sie Lust haben. Ich empfinde es so, dass die Krankheit auch ein Vorteil sein kann, weil man sich automatisch intensiver mit sich auseinandersetzen muss und man so bewusster lebt. Das Wichtigste ist: Man soll sich nie aufgeben!


Interview: Nicole Finkenauer
Redaktion Diabetes-Eltern-Journal, Kirchheim-Verlag,
Wilhelm-Theodor-Römheld-Straße 14, 55130 Mainz,
Tel.: (0 61 31) 9 60 70 0, Fax: (0 61 31) 9 60 70 90,
E-Mail: redaktion@diabetes-journal.de


Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2019; 11 (3) Seite 20-22