Ein Schulkind werden – das ist ein großer Schritt. Leider wurde Julius wegen seines Diabetes an einer Schule abgewiesen. Seine Mutter Anne-Marie Bergfeld erzählt, wie es dann weiterging – und warum sie nicht lockerließ, obwohl Julius längst einen Platz an einer anderen Schule bekommen hatte.

Noch heute schnürt es mir die Kehle zu, wenn ich über die Einschulung unseres Sohnes Julius berichte. Zum Glück ist er ein fröhlicher, selbstbewusster Erstklässler geworden, der seinen Diabetes ganz selbstverständlich erfolgreich managt.

Unsere erste Wahl: die Waldorfschule in der Nähe

Wir leben in Freiburg und haben mehrere Grundschulen im Viertel. Als eine besonders am Individuum interessierte, eine mehrheitlich gesunde Ernährung bietende und zugewandte Schulgemeinschaft präsentierte sich die Freie Waldorfschule in unserer Nähe. Ebenfalls in Betracht zogen wir die Regelschule, die einen guten Ruf genießt.

Im Februar 2017 wurden wir zum Aufnahmegespräch in die Waldorfschule eingeladen. Julius wurde, unter anderem vom Schularzt, der ihn als behandelnder Arzt bereits kannte, als schulreif eingestuft. Auch in der Grundschule, in deren Einzugsgebiet wir wohnen, bekamen wir einen Schulplatz zugeteilt.

Nur Gegenwind – und dann kam die Absage

Jetzt wollten wir die potentiellen Klassenlehrer beider Schulen kennenlernen, denn uns war klar, dass diese im Alltag die Schlüsselpersonen zu einem reibungslosen Diabetes-Management sein würden.
In der Waldorfschule war die designierte Erstklasslehrerin schon bekannt. Und zu unserer Freude hatte sie ein zwölfjähriges Kind mit Diabetes in ihrer derzeitigen Klasse

Zum Treffen erschienen auch die Leiterin des Aufnahmegremiums und der Schularzt. Natürlich hatte ich mich mit Info-Material zum Thema „Diabetes im Schulalltag“ ausgestattet und eine Strategie in der Tasche, wie ich sanft ins Thema einführen und nichts Überforderndes ansprechen wollte.

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Ich bot auch Unterstützung im Schulalltag an, doch erntete nur Gegenwind. Die Klassen mit 36 Schülern seien bei ihnen zu groß für zusätzliche Aufgaben, Julius sei woanders besser aufgehoben. Aber ich hatte doch eine Zusage erhalten! Ich zog meinen Joker: Julius’ Betreuerin, aus Kindergartentagen bestens eingearbeitet, könnte täglich zur Insulinüberwachung vorbeikommen. Aber – Dritte im Unterricht? Das sei unerwünscht. Als der Schularzt empfahl, ich solle bei meinem Diabetologen nachfragen, wo Kinder wie unseres eingeschult würden, habe ich das Gespräch beendet.

Zwei Tage später erreichte uns eine Aufhebung des zugesagten Schulplatzes. „Zu unserem Bedauern müssen wir auf Grund ... der notwendigen gesundheitlichen Betreuung Ihres Sohnes, die wir nicht ausreichend gewährleisten können, unsere Zusage eines Schulplatzes zurücknehmen.“ Ohne jede Rücksicht auf die Tatsache, dass die Anmeldefristen an allen Schulen längst verstrichen waren, hatte man unseren Sohn auf die Straße gesetzt. Wie waren wir froh um unseren Plan B! Aber dazu später mehr, denn wir wollten das nicht hinnehmen.

Verstoß gegen das Gleichstellungsgesetz

Ein befreundeter Jurist schrieb die Schule an. Und besonders die Antidiskriminierungsstelle des Bundes war eine große Hilfe, auch in emotionaler Hinsicht. Sie bescheinigte der Schule, gegen das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) verstoßen zu haben und forderte, die Kündigung des Schulplatzes zurückzunehmen. Zur Lösung der Situation wurde vorgeschlagen, Julius von einem anderen Lehrer unterrichten zu lassen.

Eltern anderer diabetesbetroffener Waldorfschüler baten die Waldorfschule um ein Gespräch. In diesem gab die Schule vor, wegen des rechtlichen Verfahrens nicht über Julius sprechen zu dürfen, bei dem es sich um einen besonderen Fall handle. Sofort kamen Gerüchte auf, unser Sohn habe einen „besonders schweren“ Diabetes, oder er sei zusätzlich anderweitig behindert. Zwischenzeitlich hatte der Südwestrundfunk (SWR) von unserem Fall Wind bekommen und einen Radiobeitrag gesendet.

Warum ist die Schule überfordert?

Schließlich antwortete der Anwalt der Schule, dass man der Waldorfschule keine Diskriminierung vorwerfen könne, da es in der Schülerschaft Kinder mit Diabetes gäbe. Unser Diabetologe der Uniklinik Freiburg bekräftigte daraufhin, dass Julius kerngesund sei, nur eben Insulin brauche und eine ganz normale Schule besuchen könne. Der Schularzt hingegen hielt es auf Nachfrage nicht für nötig, eine Begründung abzugeben, weshalb die Aufnahme eines an Diabetes erkrankten Kindes eine Überforderung für „seine“ Schule darstellen solle.

Nach drei Monaten: Vertreter der Schule entschuldigen sich

Es dauerte drei Monate, bis wir endlich vom Vorstand der Schule zu einem Gespräch gebeten wurden. Mein Mann und ich saßen vor drei fremden Menschen, die uns allerdings wohlwollend und verständnisvoll begegneten. Sie entschuldigten sich für das Versagen der Schule, boten uns wieder einen Schulplatz für Julius an und sagten zu, die entstandenen Gerüchte über Juliusʼ Gesundheitszustand ausmerzen zu wollen.

Die Lehrerin, auf deren Betreiben die Ablehnung unseres Sohnes zurückzuführen war, hat die Schule dann verlassen, weitere Konsequenzen sind uns nicht bekannt. Ich habe später die neu benannte Erstklasslehrerin kennengelernt. Sie war aufgeschlossen und hätte Julius vermutlich gut im Blick gehabt. Wir haben uns aber doch für die Regelschule entschieden. Der Schock saß zu tief, und es bleibt uns ein Rätsel, dass selbst nach der eindeutigen Aufforderung durch eine Bundesbehörde so viele Wochen ins Land gehen mussten, bis jemand mit uns sprechen wollte.

Plan B wurde zu Plan A – und Julius ein glücklicher Erstklässler

Und der Plan B, die Regelschule? Wurde schon zu Beginn des Kampfes zum Plan A. Julius hat von dem Ärger so wenig wie möglich mitbekommen. Ich zeigte ihm fortan „seine“ Schule, wir spielten wochenends dort auf dem Pausenhof und er beneidete mich, als ich ihm erzählte, dass ich schon in den Sommerferien seine neue Klassenlehrerin treffen würde, um mit ihr über den Diabetes zu sprechen. Julius hatte ganz frisch einen zweitägigen Kurs „Fit für die Schule“ für Diabetiker mitgemacht und sah der Einschulung recht gelassen entgegen. Er wünschte sich prompt, mit der Lehrerin in der Pause bolen zu dürfen.

Julius bei den Hausaufgaben.

Als ich Frau Stutz mit dem Wunsch konfrontierte, reagierte sie aufgeschlossen. Sie sollte folglich überwachen, dass er es nicht vergisst und sich nicht vertippt. Blutzuckermessen (er misst blutig) und Bolusabgabe kann Julius komplett selbständig. Für extreme Werte gab ich Frau Stutz eine Tabelle, nach der dann gehandelt werden muss. Bevor die Schule begann, wurden die Klassenlehrerin, welche auch Sport unterrichtet, der Französisch- und Religionslehrer sowie alle Betreuer des Schulhorts von einer Diabetesberaterin der Uniklinik Freiburg geschult.

Hier ist niemand überfordert

Die ersten fünf Schultage wurde Julius noch von seiner Betreuerin begleitet, um den Umgang mit der Pumpe und dem Messen zu etablieren. Das war gut, denn die Schüler waren anfänglich sehr durcheinander, weil alles so aufregend ist. Seither misst Julius vor dem Pausenbrot, zeigt Frau Stutz den Wert und bolt mit dem Bolus-Expert sein Essen (ein Vesper mit 2,0 KE). Es klappt so, wie wir es uns immer gewünscht hatten. Bevor er dann in den Hort geht, misst er nochmals. Bei hohen Werten macht er einen „Korrekturbolus“. Was ein hoher Wert ist, sagt ihm Frau Stutz oder die Leiterin des Horts. Und zum Glück überfordert das hier keinen.

Immer wieder die Frage: „Warum habt ihr das alles gemacht?“

„Warum habt ihr das alles gemacht?“ – Das wurden wir oft gefragt. Es stimmt wohl, dass unser Interesse an einem Schulplatz an der Waldorfschule schon nach dem ersten unangenehmen Gespräch erloschen war. Unser Ziel: dass nachfolgenden Kindern und ihren Eltern eine solche Behandlung erspart bleibt. Wir wünschen allen Schulanfängern einen guten und vor allem fairen Start!


von Anne-Marie Bergfeld


Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2018; 10 (3) Seite 20-22