Das Echt essen-Gasthaus im Mai: Im "Wirtshaus Steirereck" tief in den Steirischen Bergen wird eine der besten Landküchen Europas aufgetischt. Spezialitäten: Fleisch von frei laufenden Schweinen und der Einstieg in einen faszinierenden Wanderweg

Seit Jahrzehnten zählt das Steirereck in Wien zu den besten Restaurants der Alpenrepublik. Schon immer wurde im Steirereck großen Wert auf einheimische Produkte gelegt, wurde die kulinarische Tradition Österreichs aufs Beste gepflegt. Ganz besonders stark profiliert hat sich das Restaurant in jüngster Zeit durch einen Fokus auf Gemüse und Kräuter, etwa "Grüner Spargel mit Schafskäse, Zitronen-Taglilien und Bergamotte".

© Hans Lauber
Schlicht der Eingang, prächtig die Stuben: "Wirtshaus Steirereck"

Doch die umtriebige Gastronomenfamilie Reitbauer hat schon vor rund 20 Jahren auch noch einen großartigen "Ableger" geschaffen, das "Wirtshaus Steirereck". Das liegt auf der Strecke von Wien in die Steiermark in der Nähe von Graz, mitten in den Bergen auf dem Pass Pogusch. Es war ein altes bäuerliches Anwesen mit prächtigem Blick in die umliegenden Berge, was zu einem opulenten Wirtshaus mit schönen, holzgeschmückten Gaststuben umgebaut wurde. "Wirtshaus" ist nun leicht untertrieben, es kommt schon eher landadelig daher, was auch gut zur Umgebung passt, wo der reformfreudige Habsburger Erzherzog Johann ein Jagdschloss hatte.

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Unterm Brot liegt die Fleischeslust: Kalbskopf mit Kalbszunge

Herzlich-freundlich der Empfang durch den routinierten Service mit leichten Schmäh-Anklängen. Schnell kommt das „Gedeck“ für 2,80 Euro auf den Tisch, ein herrlicher Wurzelspeck zum selber Runtersäbeln und ein köstliches Landbrot mit Fenchel. Weil wir zu Dritt waren, haben wir bewusst ganz unterschiedliche Dinge bestellt. Ich hatte zum Auftakt mein Lieblingsgericht Kalbskopf mit Kalbszunge auf dem Teller. Die Zunge kam eher wie eine dünne, aber gute Speckscheibe daher, herrlich-schlotzig der Kalbskopf unter einer nicht unbedingt notwendigen Brotscheibe. Ein konzentrierter Klacks eingekochte Rüben, ein paar Salatblättchen, frischer Kren, also Meerrettich, rundeten den feinen Gang für 11,50 Euro ab.

Noch mehr begeistert war ich von der "Klachel-Suppe", die mein niederösterreichischer Freund Heinz bestellte: Das ist eine kulinarische Spezialität der Steiermark, die aus Wurzelgemüse, oft einem Hauch Mehlschwitze und hier aromatischem Oregano zubereitet wird. Schmeckt deftig-intensiv, vor allem wenn sie wie in diesem Wirtshaus mit einer ganzen kleinen Schweinshaxe serviert wird – und das für gastfreundlichste 5,10 Euro. Der Hit war aber die "grüne" Vorspeise: Eine herrliche Sauce aus eigenen Brennesseln und Babyspinat, worin kurz gebratener Spinat schwimmt. Dazu ein Ei aus der alten Rasse Sulmtaler, die auf dem Hof selbst gezüchtet wird – und eine Rösti zum Niederlegen. 7,50 Euro kostet der Spaß, ich hätt´s am liebsten noch mal bestellt.

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Vegetarische Verführung: Wiesenkerbelsuppe mit Spargel

Aber schon dampfte meine wunderbare Wiesenkerbelsuppe auf dem Tisch, ein Kessel Frühling in einem Teller. Perfekt auf dem Punkt der Spargel drinnen, noch knackig die Radieschen. Eine Suppe, wie es sie sonst nur in der Spitzengastronomie gibt, wobei sie dort aber mehr als 4,90 Euro kostet.


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Statt vom Kalb war das Wienerschnitzel vom Lamm – schmeckt noch kräftiger. Vor allem, wenn es genau so korrekt zubereitet wie das in Latschenbuttermilch gebratene Hendl, zu dem es einen ordentlichen Erdäpfel-Krautsalat gab. Schade nur, dass die Preiselbeeren zum Schnitzel so pappsüß waren.

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Lohnt die Reise: Schweinsbraten vom Schwäbisch-Hällischen

Schon von der einladenden Terrasse, auf dem bei gutem Wetter serviert wird, habe ich sie gesehen: Die schwarz-weißen Hällischen Schweine, die hier im Wald wühlen dürfen, die vor Ort geschlachtet werden. Das Ergebnis ist ein Schweinsbraten, wie ich ihn selten so gut gegessen habe. Saftig, intensiv nach Schwein schmeckend, ohne zu "säuelen". Ein Gedicht auch das Fett – eine der schönsten Weisen, Herz-schützende Omega-3-Fette zu genießen. Fein dazu der Serviettenknödel mit gebratenen Blunzen, also Blutwurst. Als sei das alles nicht genug, stand auch noch ein unfassbar schlotziges Sauerkraut auf dem Tisch – pures Glück für unfassbare 10,80 Euro. Wer dieses Gericht gegessen hat, weiß warum die Massen dieses unvergleichliche Gasthaus stürmen.

Schade, dass es die im Freien grasenden Ziegen hier nicht gibt. Da hatte der Senior Reitbauer mir gegenüber eine einleuchtende Erklärung: "Wenn die Kinder die auf der Wiese sehen, und wir servieren die nachher, das geht sich nicht aus. Die gibt es bei uns in Wien im Steirereck". Ein guter Grund, dort einmal vorbei zu schauen.

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Begehbar: Die "Weinkarte"

"Eine Weinkarte haben wir nicht", wurde mir gesagt – und der Weg zum Weinkeller gewiesen, wo großartige Weine zu äußerst günstigen Tarifen zum selbst Aussuchen feilgehalten werden. Es sind große Franzosen, große Italiener dabei, gerne auch als Magnum. Aber ich hielt mich an die Österreicher, wählte einen 2013er "Steirischer Satz" von der Firma Scheucher. "Satz" steht in Österreich für unterschiedliche Rebsorten, die ineinander gepflanzt und gemeinsam gekeltert werden – also nicht hinterher als Cuvée verschnitten werden. Es war ein leichter, 11-prozentiger Wein für 19 Euro. Schon mehr "Dampf" hatte ein 2012er Blaufränkisch vom renommierten Gut Triebaumer. Ein runder Tropfen, der sich gerade langsam öffnet und 31 Euro kostet.

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Signalisiert, alles ist im blauen Bereich: "FreeStyle Libre"

Gut gegessen, gut getrunken – und was sagt der Blutzucker? Auch der nickt zufrieden, was ich an der aktuellen Kurve ablesen konnte – und zwar auf dem großartigen "FreeStyle Libre", eine "technische Revolution", wie die Diabetes-Autorin Angela Monecke schreibt. Denn dieses handykleine Gerät der Firma Abbott, das die aktuellen Glukosewerte anzeigt, die ein Sensor am Oberarm erfasst, signalisierte mir nach dem Essen: Alles ist gut, lediglich ein kleiner Anstieg in Richtung leicht über 100 mg/dl war zu konstatieren – viel geringer als die starke Steigung nach dem üppigen Frühstück am späten Morgen. Es wäre also sogar noch eine der herrlichen Mehlspeisen "gegangen", aber ich wollte es ja nicht übertreiben.


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Über das "FreeStyle Libre" werde ich demnächst einen großen Erfahrungsbericht verfassen, wenn ich noch einen zweiten Sensor, der auch wieder 14 Tage misst, ausprobiert habe. Mit ihm will ich testen, wie der Zuckeranstieg bei einigen meiner Rezepte für das neue Buch "Heimatküche für Diabetiker" ist.

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Kern eines kleinen Gastroreiches: "Wirtshaus Steirereck"


Preiswert und Blutzucker-freundlich ist also die Küche des Wirtshauses. Teurer, aber der Qualität angemessen, sind die Preise für die großartigen Zimmer in den diversen Häusern und Hütten rund um das Steirereck – vor allem die kleinen hölzernen Chalets oberhalb am Berg, die in dem zuerst im Bregenzerwald entwickelten subtil-eleganten Stil errichtet wurden und von rund 200 Euro bis zu 350 Euro für Zwei kosten, einschließlich eines tollen Frühstücks. Wer weniger betucht ist, wie etwa schlecht honorierte Schriftsteller, für den gibt es eine Liste mit preiswerten Pensionen in der Umgebung.

Alles stimmig also im Steirereck? Fast. Störend der riesige Parkplatz, aber irgendwo müssen die Leute ja parken, denn öffentlich ist das Gasthaus kaum erreichbar. Was aber gar nicht mehr in die Zeit passt, ist der Hubschrauberlandeplatz, sind die Offerten für Rundflüge. Aber irgendwie scheint den Steirern das Fliegen im Blut zu liegen, hat doch auch der allgegenwärtige Steirer Johann Lafer (ja, ja, der mit dem Ahornsirup früher immer, der heute gerne den Gesundkoch gibt) ein Faible für Helikopter. Aber egal, die Gastfreundschaft ist echt und wenn der Senior seine Runden bei den Gästen dreht, fühlen sich alle aufgehoben, die Schlichten wie die Schickis aus Wien.

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Geborener Gastgeber: Heinz Reitbauer Senior

Was mich neben dem Essen noch einmal an Pogusch locken würde, ist der "Bründlweg", der beim Wirtshaus startet. Ihn hegen und pflegen die Bauern, und er führt über saftige Almwiesen mit duftenden Blumen und vorbei an Höfen, die zu einer handfesten Jause einladen. Ein Barfußweg ist es – und Barfußlaufen ist schon seit Kneipp als eine Art "Ur-Laufen" bekannt, das ganz natürlich die Fußreflexe massiert, die Abwehrkräfte stärkt. Nur, ob ich das Laufen auf "bläcke Föß" wagen würde, weiß ich nicht – zu stark ist die Furcht vor den Zecken, schließlich hat mir eines der Biester vor Jahren einige Borrelien in den Körper gepflanzt.

Allein der Bründlweg lohnt schon den Weg ins Gebirge. Wer sich Lust auf den Weg machen will, schaue unbedingt auf
www.bruendlweg.at

Fazit: Das "Wirtshaus Steirereck" ist eine einzigartige Melange aus trendiger Sylter "Sansibar" und gutbürgerlicher Düsseldorfer "Dorfstuben": Authentische Produkte, sauber zubereitet – und alles mit einer wohldosierten Prise Promi gewürzt. Also, auf zum Pogusch!

"Wirtshaus Steirereck", Pogusch 21, A 8625 Turnau, 0043 3863/ 2000. Küche Donnerstag bis Sonntag von 11 Uhr 30 bis 22 Uhr. www.steirereck-pogusch.at

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Wunderbar wanderbar: Landschaft am Pogusch


von Hans Lauber
E-Mail: aktiv@lauber-methode.de , Internet: www.lauber-methode.de


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