Das Echt essen-Gasthaus im September: Traumhafte Lage, stilvoll renoviert, gutes einheimisches Essen: Die „Jagstmühle“ hat alles, was einen edlen Landgasthof ausmacht – bis auf eine große Kleinigkeit.

Eine stille, wenig bekannte Schönheit ist Hohenlohe, die wald- und burgenreiche Gegend um die Flüsse Jagst, Kocher und Tauber. Hier thront das Städtchen Langenburg so traumschön auf einer Anhöhe, als läge es in der Toskana; hier verblüfft Schwäbisch Hall mit einer einmaligen Mischung aus mittelalterlicher Pracht und geschäftiger Neuzeit; hier haben aber auch weltweit erfolgreiche Mittelständler ihre Sitze, die dem Hohenlohe und seinen Bewohnern einen soliden Wohlstand bescheren, wie etwa die Würth-Gruppe.

Auch Gerhard Sturm ist so ein Selfmade-Unternehmer, der aus bescheidenen Verhältnissen EBM-Papst in Mulfingen mit über 12.000 Beschäftigten zu einem der Weltmarktführer für Ventilatoren machte, die in vielen Computern verbaut sind. Aber die ganz große Leidenschaft des inzwischen über 80jährigen Unternehmers ist die Jagstmühle, eine ehemalige Mühle zwischen Künzelsau und Mulfingen, direkt an der Jagst gelegen – an sich einer der saubersten Flüsse Deutschlands, dessen Fische leider durch eine wenig geglückte Brandlöschaktion stark in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Hier lässt sich´s aushalten: Am Ufer der Jagst

Gottseidank ist davon nichts am Ufer dieses idyllischen Flusses zu spüren, wo es sich auf einer Bank entspannt sitzen lässt, und wo die Jagst über ein kleines Stauwehr rauscht. Ringsum grüßen Streuobstwiesen, hinten stehen die beiden alten Gebäude, welche zur ehemaligen Mühle gehören. Diese Gebäude hat Gerhard Sturm stilsicher umbauen lassen, und er hat das Gebäude mit dem Restaurant um einen eleganten Anbau ergänzt. Ebenso ist ein klug in die Landschaft und das alte Haus integriertes Gästehaus mit fast schon zu großzügigen Zimmern entstanden, wo ich übernachtet habe – mit schönem Blick ins Grüne.

Tradition und Moderne: Links das Gasthaus, rechts das Gästehaus

Gefahren bin ich in diese schöne Landschaft aber vor allem wegen dem Essen. Denn auf den nahen Wiesen weidet das gefährdete Limpurger Rind, die älteste Rinderrasse Württembergs. Es gibt feine regionale Käse von Züchtern mit ihren eigenen Ziegen, gutes Bier und an der nahen Tauber wächst auch ein ausgezeichneter Wein. Es sind solche regionalen Produzenten, von denen die Jagstmühle die meisten Waren bezieht – so wird jedenfalls gesagt.

Nachprüfen lässt sich das von außen ja nie wirklich, die Karte listet auch keine Hersteller auf. In diesem Fall wirkt das Versprechen aber glaubhaft durch die beiden Köche Markus Reinauer und Hubert Retzbach. Letzteren kenne ich gut, seit er bis zur Schließung des Restaurants bei Otto Geisel im nahen Bad Mergentheim eine herausragende regionale Küche zubereitet hat. Und Markus Reinauer habe ich oft bei der Slow-Food-Messe in Stuttgart getroffen, der Leitveranstaltung für heimische Vielfalt.

Ländlich gestylter Landadel: Gastraum der Jagstmühle


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Ein fünfgängiges Menü haben wir bestellt, das wir mit einem Glas Pils von Distelhäuser begonnen haben, für mich eines der besten deutschen Biere. Zum Auftakt wurde von der distanziert-freundlichen Bedienung ein Gruß aus der Küche serviert, eine intensive, gut gewürzte und dillsatte Gurkenkaltschale – das wirklich Gute kann so einfach sein. Es folgte als erster Gang eine gebackene Tomate mit Ricotta aus Langenburg, marinierter Zucchini und Rucolapesto. Hört sich gut an, aber die Tomate ist halt nicht wirklich schmackig, die Zucchini etwas zu durch, aber der Ricotta ist ein Gedicht – also eine Drei plus.

Carpaccio vom Limpurger Rind mit Ziegenpecorino

Wer aber kritisiert, sollte selbst nicht im Glashaus sitzen. Genau so ist es mir aber ergangen. Da habe ich nun extra die hochwertige Lumix-Kamera mitgenommen – und blöderweise den Regler auf „P“ statt auf Automatik gestellt. Mit Programm hätte ich aber das Bild selbst einstellen müssen, was ich vergessen habe, weshalb die Fotos so grottenschlecht sind. Jedenfalls ist das Rötliche ganz unten das herrlich zart schmelzende Carpaccio vom Limpurger Rind. Ausgezeichnet auch der einheimische Ziegenpecorino. Nicht unbedingt gebraucht hätte ich den sehr intensiven Rucola zu diesem feinen Gericht, die würzige Shiso-Kresse hätte gereicht.

Brust und Schenkel von der Wachtel mit fein säuerlichen Alblinsen

Ein Gedicht die auf den saftigen Punkt gebratene Brust und der Schenkel von der Wachtel. Perfekt säuerlich dazu die Alblinsen – und alles auf einer herrlichen Apfelbalsamico-Sauce. Ideal passend der 2014er Silvaner vom Würzburger Juliusspital für angenehme 30 Euro. Ab Gut kostet er 12 Euro – also ein vernünftiger Aufschlag. Ich bin begeistert, wie filigran (trotz 13,5 Prozent Alkohol) und doch konzentriert die Franken den Silvaner immer wieder hinbekommen, große Klasse!

Lohnt die Reise: Reh mit Holunderbeersauce

Butterzart das Reh in geschmacksdichter Holunderbeersauce mit streifigem Spitzkraut und ein tolles Petersilienwurzelpüree – der Hauptgang löst das kulinarische Versprechen der beiden ambitionierten Köche großartig ein, eine starke Zwei plus. Ob sie da waren, ich weiß es nicht, gefragt habe ich nicht, die Servicekräfte sahen auch nicht so aus, als wenn sie mit vielen Fragen belästigt werden wollten. Jedenfalls hatten wir auch hier einen ausgezeichneten Wein von der kleinen, aber fein ausgesuchten Karte: Einen 2011er Lemberger vom Heilbronner Gut Drautz-Able. Ein tiefgründig-eleganter Wein trotz seiner mächtigen 14 Prozent Alkohol, der herrlich zum Essen passt und seine 31 Euro allemal wert ist .

Den Abschluss des Menüs bildete eine ausgezeichnete Wildzwetschgenterrine mit etwas ganz Besonderem: Eine Kugel raffiniertes Pfeffereis.

Fazit: Ein gutes Menü mit einem großartigen Preis-Leistungs-Verhältnis.

Wo bleibt die Seele?

Alles in Butter also in der Jagstmühle? Fast. Es fehlt noch eine große Kleinigkeit: Es fehlt die Gastgeberschaft, es fehlt die Seele. Jemand, der dafür sorgt, dass Gäste wie wir, die übernachten, die sich unterhalten wollen, nicht direkt an den Katzentisch neben schwäbische Feierbiester gesetzt werden – und sich mühsam einen passablen Ecktisch in dem gut besetzten, aber nicht übervollen Restaurant erkämpfen müssen; jemand, der ein Ansprechpartner für Gäste ist, die etwas über die auf der Karte so liebevoll beschworene Regionalität wissen wollen; jemand, der die Gäste nach dem Essen verabschiedet.

Aber wir wollen nicht verzagen. Gerhard Sturm ist ja gerade mal 80 – kein Alter für einen tatkräftigen schwäbischen Unternehmer. Ich bin sicher, das mit dem Gastgeber wird er auch noch hinkriegen.

Mitten im Grünen: Das neue Gästehaus

„Jagstmühle“
Jagstmühlenweg 10, 74673 Mulfingen, Ortsteil Heimhausen, Telefon: 0 79 38 / 9 03 00.

Das Restaurant ist mittags und abends geöffnet. Prächtige, moderne, fast zu große Zimmer für 95 Euro pro Person mit einem guten Frühstück, tolle Wurst!

www.jagstmuehle.de

von Hans Lauber
E-Mail: aktiv@lauber-methode.de , Internet: www.lauber-methode.de


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