Das Echt essen-Event im Juli: Nach Herzenslust ernten, ohne zu säen, ohne zu bezahlen – das geht in Andernach. Ein Modell der Diabetes-Prävention?

„Pflücken erwünscht“ statt „Betreten verboten“

Wie ein kleines Paradies wirkt das sympathische Rheinstädtchen südlich von Bonn: In der ganzen Altstadt wachsen über 100 Sorten essbare Pflanzen. Da gedeihen Salate, sprießen Gemüse wie Fenchel, Kartoffeln, locken Äpfel, Birnen und Beeren. Wo es anderswo heißt „Betreten verboten“, steht hier „Pflücken erwünscht“.

Abb. 1: Gedeiht prächtig – gehört allen: Beeren und Kohl

Das Werk dreier Männer: „Essbare Stadt“

Das weltweit bewunderte Wunder von Andernach ist wesentlich Werk dieser drei Männer: Achim Hütten sitzt seit 20 Jahren als Bürgermeister fest im Sattel. Couragiert und risikobereit zog er deshalb vor vier Jahren das Projekt „Essbare Stadt“ nach dem Motto „Einfach machen“ durch – ohne einen Stadtratsbeschluss. Hütten ist glaubhaft, lebt Gemüse, kauft auf dem Markt ein.

Lutz Kosack arbeitet als Geoökologe bei der Stadtverwaltung – ist ein ausgewiesener Kenner von Pflanzen, Anbaumethoden, Ökologie und weiß alles in einer mitreißenden Weise zu vermitteln. Er ist die Seele des Projekts.

Karl Werf leitet das Sozialamt von Andernach. Er wollte Langzeitarbeitslosen eine Perspektive geben. Ein ungeheuer engagierter Mann, der es tatsächlich geschafft hat über die Arbeit für die Essbare Stadt viele wieder für den Arbeitsmarkt zu qualifizieren.

Abb. 2: Immer in Bewegung: Bürgermeister Hütten, Pflanzenmann Kosack

Inzwischen in Luft aufgelöst: Bedenken

Natürlich gab es Bedenken. Da wurde vor der Wespenplage gewarnt, wurde über Laubabfall diskutiert, kamen vorweggenommene Klagen über „Unkraut, Unordnung“. Inzwischen hat sich alles in Luft aufgelöst. Andernach ist unbeirrt seinen Weg gegangen.

Lutz Kosack zeigte den Leuten, wie die 2.000 Jahre alte Stadt noch vor wenigen Jahrzehnten ausgesehen hat: Überall gab es Bauernhöfe, wuchsen Reben, wurde Wein gekeltert, gab es die unselige Trennung in Stadt und Land nicht.

Gedüngt mit selbstgemachtem Kompost: 7.000 m² Stadtfläche

Geschickt griff Kosack ein Unbehagen vieler Menschen auf, die der herkömmlichen industriellen Landwirtschaft misstrauen – und das zu recht, wie sich gerade wieder zeigt, wo das weitverbreitete Pflanzen"schutz"mittel Glyphosat im Körper Vieler nachweisbar ist. In Andernach wird nur mit selbstgemachtem Kompost gedüngt, wird nicht gespritzt, werden etwa die Kartoffelkäfer von Hand abgelesen. Das ist „Bio“, auch wenn es nicht so heißt.

Rund 7.000 Quadratmeter werden in der 30.000 Einwohner-Stadt mit Essbarem bepflanzt, wobei Lutz Kosack darauf achtet, möglichst alte, vom Verschwinden bedrohte Sorten zu bekommen. „75 Prozent der alten Gemüsesorten sind ausgestorben“, weiß der Ökologe, „durch diese Generosion verlieren wir die Möglichkeit, auf veränderte Klimabedingungen, auf neue Schädlinge angemessen zu reagieren“.

Kein Vandalismus: archaischer Respekt vor Lebensmitteln

Über 100 verschiedene, teilweise längst vergessene Tomatensorten wurden im ersten Jahr angepflanzt, die Andernacher waren fasziniert. In diesem Jahr stehen ganz viele alte Kohlsorten auf dem Programm. Selbst überrascht sind die Macher, dass es praktisch keinen Vandalismus gibt. „Die Menschen scheinen einen archaischen Respekt vor Lebensmitteln zu haben“, freut sich Kosack, „selbst die Hundebesitzer achten sorgfältig darauf, dem Gemüse nicht zu nahe zu kommen“.

Zögerten am Anfang die Menschen zu ernten, hat sich das inzwischen gut eingespielt. Die Leute haben gelernt, dann zu ernten, wenn die Dinge reif sind. Natürlich gab es auch Übertreibungen, wo Busunternehmer Touren zum „Umsonst-Andernach“ organisierten. Aber irgendwie wurde auch das überstanden – und ich habe gestaunt, wie prächtig alles gedeiht.

Blühende Stauden, wo kein Gemüseanbau möglich ist

„Ohne Schönheit geht gar nichts“, ruft Lutz Kosack beim Rundgang. Er kennt natürlich die alten Bauerngärten, wo immer auch Blumen wuchsen. Deshalb pflanzt Andernach auf einer Fläche von rund 1.000 Quadratmeter an Straßenrändern, auf Verkehrsinseln, die sich für Gemüse nicht eignen, blühende Stauden an. So werden auch Bürger für das Projekt begeistert, die dem Gemüseanbau skeptisch gegenüberstehen.

Abb. 3: Wie früher im Bauerngarten: schöne Stauden

Als sparsame Stadt wurde ein Konzept realisiert, bei dem sich die einmal angepflanzten Beete weitestgehend selbst regulieren. Entwickelt hat dieses Konzept Prof. Cassian Schmidt, der die Beete so bepflanzt, dass sie praktisch von April bis Ende Oktober blühen – was aber nur funktioniert, wenn auch trockenresistente Sorten aus der nordamerikanischen Steppe und der russischen Taiga verwendet werden.

Rund sechs Bürgerarbeiter arbeiten für das Projekt mit dem Essbaren und den Stauden. Sie werden teilweise über 1-Euro-Job ähnliche Strukturen bezahlt, teilweise von EU-Fonds. Geschmeidig reagiert Kosack auf Kritik: Als sich Bürger über die scheinbare Unordnung einer Wildwiese beschwerten, ließ er einfach einen Ein-Meter breiten Streifen mähen. Schon war das Wilde hübsch gezähmt – und akzeptiert.

Lernen, wie Gemüse wächst: jungen Leute

Schüler sind ein wichtiger Teil der Essbaren Stadt. Es gibt zusätzliche Schulgärten, es gibt Projektgruppen. So habe ich auf dem Rundgang beispielsweise gesehen, dass einzelne Schüler sich ganz besonders um einzelne Pflanzen kümmern, etwa einen Beerenstrauch. Das begeistert mich, denn wenn die jungen Leute lernen, wie Gemüse wächst, wie gut es frisch schmeckt, dann sind sie gegenüber den süß-fetten Junk-Verlockungen genuss-gestählt. So muss Diabetes-Prävention sein!

Abb. 4 | links: Von Niklas gepflanzt - Beeren; rechts: zurück in die Stadt - Rebe

Schön, dass auch wieder Reben gepflanzt werden, wobei die Trauben nicht für Wein gedacht sind, sondern sie sollen einfach schmecken. Mich haben auch die vielen Kräuter begeistert, eine ganze Wiese mit vitalen Wildkräutern wie Spitzwegerich und Löwenzahn, aber auch bewährte Küchenkräuter, wie der Gurkenliebling Borretsch.

Abb. 5: Adelt jeden Gurkensalat: Borretsch aus dem Schlossgarten

Erster Kongress zur Essbaren Stadt

Ein weltweit bewundertes Erfolgsmodell ist Andernach. Das zeigte ein kürzlich abgehaltener Kongress, zu dem über 130 Teilnehmer aus ganz Europa kamen, meist aus den „Grünämtern“ der Städte. Denn essbare Städte, das Gärtnern in den Städten (Stichwort: Urban Gardening) ist ein Megatrend: In New York, in London, in Hongkong, in Singapur, in Berlin, überall entstehen Initiativen. So plant Zürich beispielsweise gemeinsame Bürgergärten einzurichten.

Vielfältig sind die Modelle. Das kann sein wie in Andernach, wo die Initiative von oben, von der Stadt, ausgeht. Häufig sind es aber auch die Einwohner selbst, die solche Aktivitäten starten, weil die Menschen einfach wieder eine lebenswerte Stadt haben wollen – und eine Stadt, die sich dem allein seligmachenden Trend zum individuellen Besitz wenigstens teilweise widersetzt, etwas, was sich auch in der zunehmenden Verbreitung von Carsharing zeigt.

Eine Weide als Gemeineigentum: Allmende

Es war die Allmende, wörtlich übersetzt die „Gemeindeweide“, die früher eine wichtige Rolle bei uns spielte. Das waren Flächen, die von allen genutzt werden konnten. Ein wenig erinnert mich das in Andernach an die Rückkehr dieses Gemeineigentums. Künftig will Andernach viel stärker die Bürger einbinden. Jetzt, wo das Projekt läuft, wo die meisten stolz darauf sind, wollen immer mehr Menschen aktiv mitmachen. Das gefällt mir – denn Gärtnern heißt bewegen und Bewegung ist die aktivste Diabetes-Prävention.

Den ökologischen Fußabdruck des Kongresses (etwa die CO­2-Belastung durch die Anreisen) gleicht die Stadt sehr nachhaltig aus: Es wird ein Auenwald angepflanzt und jeder Teilnehmer bekam eine Rebe zum heimischen Anpflanzen.

Mischung aus intensiv und extensiv: Permakultur

Karl Werf ist ein zupackender Mann. Der Leiter des Sozialamts leitet auch die „Perspektive“, die Menschen wieder für den ersten Arbeitsmarkt qualifizieren will – und das mit gutem Erfolg: Bis zu 25 Prozent der Leute, die hier in gärtnerischen Berufen geschult werden, schaffen den Absprung.

Eine Sendung über Permakultur begeisterte ihn so, dass er beschloss zusammen mit Lutz Kosack, der jeden Meter genau vermaß, oberhalb von Andernach auf einem städtischen Grundstück einen Garten nach dieser Mischung aus intensiver und extensiver Landwirtschaft anzulegen.

Hier pflanzen die Mitarbeiter der Perspektive auf rund 10 Hektar (etwas mehr als ein Fußballfeld) alte Gemüsesorten, es wachsen Blumen – und es werden vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen gehalten: Etwa das Schwäbisch-Hällische Schwein mit seinem wohlschmeckenden Fleisch, die Hühner vom Roten Sperberhahn – und bald auch das früher in der Gegend heimische Glanrind. Auch wachsen hier über 150 Streuobstbäume.

Die Keimzelle für die Essbare Stadt Andernach ist diese Permakultur. Hier wird das Wissen erarbeitet, das dann quasi in der Stadt „gepflanzt“ wird, etwa die alten Obstbäume, wie der Speierling, die inzwischen seltene Mispel, deren Früchte früher bei Magenerkrankungen genutzt werden.

Auch ohne Siegel: ökologisch

Ökologisch wird dieses einzigartige Biotop bewirtschaftet, auch wenn die Siegel fehlen. Und es wird damit jeden Tag ein Menü für einen Euro gekocht, „damit sich auch benachteiligte Menschen endlich einmal die hochwertige Biokost leisten können“, so Karl Werf. Ein Teil des Angebauten wird auch in der Stadt in dem Laden „FaiRegio“ verkauft. „Speziell für Diabetiker haben wir die Topinambur mit ihrem Inulin im Angebot“, erzählt mir Werf stolz.

Abb. 7: Selten und medizinisch nutzbar: Mispelbaum

Diabetes-Prävention der genussvollen Art

Ein großes Potential für eine nachhaltige Diabetes-Prävention sehe ich in der Essbaren Stadt – vor allem, wenn die Bürger künftig noch viel stärker selbst mitgärtnern. Das sind die Vorteile:

Vielfalt wird schmeckbar

Viele alte Gemüse- und Obstsorten schmecken besser, haben mehr Vitalstoffe. Durch die Essbare Stadt erleben die Menschen, was es alles gibt – und lernen wieder, wie Frisches schmeckt. Das macht „Lust auf Gemüse“, die optimale Ernährung bei Diabetes und für die Liebhaber der schlanken Linie.

Bio für alle

Für viele ist „bio“ immer noch ein rotes Tuch. In Andernach wird biologisch gearbeitet, ohne dass groß darüber geredet wird. Das schafft eine breite Akzeptanz für diese Ernährungsform der Zukunft, die weitgehend ohne Spritzmittel und künstliche Dünger auskommt.

Schüler zu Bauern

Die meisten Stadtkinder sind der Natur entfremdet. In ihren Schulgärten in Andernach lernen sie einen spielerischen Umgang mit Gemüse und Beeren – im Kochunterricht lernen sie, wie das Ganze schmackhaft zubereitet wird. Die nachhaltigste Prävention gegen die dick machende Junk-Sucht.

„Gründusche statt Ritalin“

„Zwanzig Minuten im Grünen ersetzen eine Ritalin-Tablette“, weiß die Böblinger Biologin Bärbel Oftring. „Grün baut Stress ab, schafft Platz im Gehirn, macht friedfertiger – und heilt“, so die Expertin. So kann die „Gründusche“ aus Zappelphilippen aufmerksame Schüler machen.

Bewegen – aber natürlich!

Alle wissen es, die wenigsten tun es gern: Bei Diabetes ist regelmäßige Bewegung der Königsweg der Prävention. Nur sehen viele nicht ein, warum sie aktiv werden sollen. Ein eigener Garten schafft hier einen natürlichen Anreiz – sei es als klassischer Schrebergarten, sei es als Urban Gardening wie in Andernach.

Diabetes wirklich stoppen werden keine noch so gut gemachten Kampagnen, keine noch so gut gemeinten Appelle. Sondern konkrete Aktionen, wie etwa in der sympathischen Stadt am Rhein. Andernach, bitte übernehmen!

Andernach ...
... ist gut mit dem Zug erreichbar. Vom Bahnhof Richtung Rhein laufen, wo im Schlossgarten, beim Mariendom und beim Helmwartsturm die meisten Beete mit essbaren Pflanzen wachsen. Der FaiRegio-Laden ist in der Hochstraße 23.

Unbedingt zu empfehlen ist auch ein Besuch des Projekts Permakultur, einige Kilometer oberhalb von Andernach im Stadtteil Eich, wo alte Obst- und Gemüsesorten gedeihen, alte Haustierrassen gehalten werden. Sehr einladend ist die Rheinpromenade, wo einzelne Staudenbeete den Wellenrhythmus des Flusses abbilden.

von Hans Lauber
E-Mail: aktiv@lauber-methode.de , Internet: www.lauber-methode.de


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