Der Schulmedizin wird nachgesagt, dass bei ihr das Zwischenmenschliche manchmal zu kurz kommt – insbesondere das Arzt-Patienten-Gespräch. Alex Adabei hat aber festgestellt, dass es auch Mediziner gibt, die gar nicht mehr aufhören, zu reden ... und zwar über Gott und die Welt.

„Es wird ja gar nichts mehr bezahlt“, nuschelt er. „Alle 10 Jahre zur Darmkrebsvorsorge, das bringt gar nichts. Ich zahle auch die Messung des Augeninnendrucks selbst.“ Kurze Pause. „Es ist egal, ob eine Parklücke einen halben oder zwei Meter zu kurz ist – das Auto passt nicht rein. Aber die Kasse bezahlt erst ab einem Platzmangel von über drei Millimetern. Die wollen halt sparen. Und bald wird es sowieso zu wenige Fachärzte geben … hm, Sie haben keine Zusatzversicherung?“

Ja, Sie haben es erraten, ich bin mit meinem Kind beim Kieferorthopäden – zu wenig Platz im Kiefer für die bleibenden Zähne … Außer der Untersuchung und der fachlichen Erklärung bekommen wir noch eine Einschätzung der gesundheitspolitischen Lage geliefert, und ich muss verdammt gut aufpassen, um wichtige medizinische Informationen zum Zahnstand zu unterscheiden von in diesem Moment nicht so relevanten Meinungsäußerungen. Hinzu kommt: Der Zahn-Fachmann bekommt selbst die Zähne einfach nicht auseinander, was es noch schwieriger macht, Wichtiges aus seinem nuscheligen Redefluss herauszufiltern.

Wenn Ärzte „sprechende Medizin“ fehlinterpretieren...

Kennen Sie das auch? Sie wollen eine fachliche Einschätzung des Arztes und bekommen seine Meinung zu nichtdiabetologischen Themen ungefragt dazu. Das kann interessant sein und den Horizont erweitern. Oft ist es aber nicht gewünscht, dass der Patient sich nach dem langen Sermon des Arztes auch einmal äußert. Zur Gegenrede kann man schon allein deshalb nicht ansetzen, weil man einfach nicht zu Wort kommt. Da passt es gut, dass das Wort Patient sich vom Lateinischen patiens ableitet, denn das bedeutet geduldig, aushaltend, ertragend.

Oder sind Diabetologen da anders? Die treffen ja viel öfter auf einen Experten für die eigene Erkrankung – nämlich auf Leute wie Sie, die ihren Zuckerstoffwechsel im Alltag allein und kompetent managen, genau wissen, wie ihr Körper reagiert, und aus dieser Position heraus gut argumentieren können. Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall, dass der Arzt, der Sie in Sachen Diabetes betreut, unter sprechender Medizin nicht nur den pausenlos sprechenden Mediziner versteht, sondern genau weiß, wie gut einem Patienten die richtigen Worte tun – und dass Worte so mächtig sind, dass sie manchmal sogar heilend wirken können.


von Alex Adabei

Das Team für den guten Schluss: Dr. Hans Langer arbeitet als Arzt in einer Diabetesklinik, Jana Einser hat schon seit Kindertagen Typ-1-Diabetes und Alex Adabei hat viele Bekannte und Verwandte mit Typ-2-Diabetes. Sie schreiben abwechselnd für diese Kolumne.

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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (2) Seite 82