Wie begegnet man unhöflichen Menschen zum Beispiel in Bus und Bahn? Man soll ruhig auch mal „energisch werden mit entschiedener Höflichkeit“, sagt unser Autor Diplom-Psychologe Béla Bartus.

Bei einer Diabetesschulung für Jugendliche mit Typ-1-Diabetes wurde über den Behindertenausweis gesprochen; für junge Leute, die viel unterwegs sind, kann der Ausweis Ersparnisse bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel bringen.

Schwerbehinderten-Ausweis: vorzeigen? - oder lieber nicht?

Ein Teil der Jugendlichen argumentierte, dass sie ja durch den Diabetes nicht wirklich behindert seien und dass sie den Begriff Schwerbehinderten-Ausweis nicht gut finden: „Was würden denn meine Mitschüler sagen, wenn ich in den Bus steige und so einen Behindertenausweis vorzeige. Lieber bezahle ich, anstatt mich vor den anderen lächerlich zu machen.“

Andere Jugendliche fanden das gar nicht schlimm und meinten, das würde ihnen als Erleichterung zustehen; ein sportlicher 14-jähriger Junge fügte hinzu: „Letztens bin ich nach der Schule in einen vollen Bus eingestiegen und habe meinen Ausweis einfach einem älteren Mann unter die Nase gehalten, damit er mir seinen Sitz freigibt.“ Ob das der richtige Weg zu einem Sitzplatz war?

Fehlende Hilfsbereitschaft: „unangenehm, unhöflich und störend“

Tatsächlich beklagen immer mehr Menschen, dass in Bussen und Bahnen die Rücksichtnahme zurückgeht, obwohl gerade die hilfreichen Gesten im Alltag zu den geachteten sozialen Tugenden unserer Gesellschaft gehören.

Das wurde auch in einer Umfrage des Emnid-Institutes zum Thema Umgangsformen deutlich:  Fehlende Hilfsbereitschaft wird als sehr unangenehm, unhöflich und störend empfunden. Dazu zählen: einer Frau mit Kinderwagen beim Einsteigen in den Bus nicht zu helfen, einer vollbepackten Person die Tür nicht aufzuhalten oder älteren, gebrechlicheren oder bedürftigeren Menschen in der Bahn oder im Bus keinen Platz anzubieten.

Sitzplatz freigeben!

Wenn alle Sitzplätze vergeben sind, sollten rüstige Passagiere ihren Sitzplatz freigeben für Schwerbehinderte, in der Gehfähigkeit Beeinträchtigte, ältere oder gebrechliche Personen – aber auch werdenden Müttern und Fahrgästen mit kleinen Kindern.

Bei vielen Menschen, die ihren Diabetes schon längere Zeit haben, können sich gesundheitliche Folgeprobleme einstellen, die langes Stehen oder den sicheren Halt in einem fahrenden Bus erschweren. Aus der Sicht der sozial korrekten Etikette gilt, dass Fahrgäste, die das Stehen ohne Probleme ertragen, anderen, die damit Mühe haben, ihren Sitzplatz anbieten.

Wenn ein Herr einer netten Dame seinen Sitz offeriert, dann ist er ein Kavalier alter Schule oder zum Flirten aufgelegt. Steht er aber für eine Person auf, die Schwierigkeiten hat oder die ihn aus diesem Grund darum bittet, ist er nicht nur höflich, sondern handelt sozial angemessen.

Die interessante Frage ist ...

... was tun, wenn alle Sitzplätze besetzt sind, einschließlich die für bedürftige Fahrgäste? Auch hier gilt es, höflich zu bleiben: Nicht jeder, der sitzen bleibt, ist unsozial. Manchmal ist es schlicht Unaufmerksamkeit, Vergesslichkeit, oder man traut sich nicht, seinen Sitz anzubieten.Also gilt es, für sich selber zu sorgen und die nächstsitzende Person anzusprechen. Nicht aggressiv, auch nicht unterwürfig, sondern sachbezogen: „Entschuldigen Sie, ich müsste mich für die Fahrt hinsetzen.“

Niemand muss im vollen Bus seine Diagnosen und Erkrankungen laut preisgeben, denn die meisten so angesprochenen werden selbstverständlich aufstehen. Sollte das einmal nicht der Fall sein, kann man mit dem Behindertenausweis winken, damit es auch ein Tölpel begreift. Da Hilfsbereitschaft in unsrer Gesellschaft hoch angesehen ist, werden die meisten Menschen sich entsprechend verhalten.

War zu viel Höflichkeit auf der Titanic tödlich?

Zuviel an Höflichkeit kann aber auch Nachteile haben wie der schweizer Forscher Bruno Fey herausfand: Er untersuchte, welche Nationalität an Bord der 1912 untergegangen Titanic die besten Überlebenschancen hatte. Es zeigte sich, dass Briten eine 10 Prozent schlechtere Überlebensrate als etwa Amerikaner hatten.

Der Forscher nimmt an, dass die Engländer sich in ihrer typisch höflichen Art in einer Schlange anstellten und auch eher andere Passagiere in die Rettungsboote vorließen ... also darauf warteten, bis sie an die Reihe kamen. Amerikanische Passagiere waren nicht zimperlich, was sich in ihrer höheren Überlebensrate niederschlug.

Aber gegenüber Frauen und Kindern benahmen sich alle Passagiere an Bord des sinkenden Schiffs tadellos: Frauen hatten eine 50 Prozent bessere Überlebenschance als Männer, Frauen mit Kindern sogar eine 70 Prozent bessere.

Fazit: Wenn andere unhöflich sind, müssen wir in gewissen Situationen einfach energischer werden. Und das geht auch mit entschiedener Höflichkeit.


von Dipl.-Psych. Béla Bartus
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Fachpsychologe Diabetes (DDG), Psychodiabetologie Supervisor (BDP), Klinikum Stuttgart, Olgahospital

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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2010; 59 (2) Seite 56-57