Frühsommer 2010: Niesen Sie hinein ins Stofftaschentuch? Oder hinaus in die Welt? Unser Etiketten-Autor Béla Bartus, Diplom-Psychologe, hat die derzeitigen Standards für Sie. Viel Spaß.

Kitzeln in der Nase

Nach dem langen Winter ist uns die Aussicht auf den Sommer eine erlösende Vorstellung … wären da nicht die Blütenpollen, die Menschen mit Allergien plagen. Auch kann die Temperaturveränderung zu Erkältungen und Schnupfen führen und ebenfalls Husten und Niesen hervorrufen. Ob nun winterliche Erkältung, Frühjahrsschnupfen oder Sommergrippe – alle haben eines gemeinsam: Sie bleiben in der Öffentlichkeit nicht unbemerkt.

Denn spätestens, wenn das Kitzeln in der Nase nicht mehr auszuhalten ist, der Kopf in den Nacken kippt, der Mund nicht mehr geschlossen bleiben kann, kommt es zum erlösenden Niesen! Das geht zum Schluss ganz schnell, der Luftausstoß kann für den Moment Geschwindigkeiten eines Sportwagens erreichen – was erklärt, warum viele in der unmittelbaren Umgebung des Niesenden instinktiv in Deckung gehen.

Heikle Benimmkultur

Die so geplagten Menschen haben noch ein weiteres Problem, denn das Niesen in der Öffentlichkeit gehört zu den heiklen Themen der Benimmkultur. Und der Umgang damit hat sich von Generation zu Generation verändert.

Auch spielen die Empfehlungen der öffentlichen Gesundheitsdienste eine wichtige Rolle, ebenso wie aktuelle Geschehnisse. So reichte beispielsweise in Zeiten der Schweinegrippe einmal Niesen aus, um den ganzen Bus für sich zu haben. Die angemessene Art, sich beim Niesen zu verhalten, muss gelernt und eingeübt werden, und zwar vom Niesenden wie auch von seiner sozialen Umgebung.

Sagt man „Gesundheit“?

Das Niesen bedeutet für Sekundenbruchteile auch einen Verlust der Kontrolle über sich selbst. Vielleicht zeigt es auch eine beginnende Erkrankung an – also hat man früher heilsame Beschwörungsformeln entwickelt, um das im Niesen vermutete Böse zu vertreiben. Rituelle Segenswünsche wie „Gesundheit“ oder „Wohlsein“ sollten Schlimmeres verhindern helfen, also den Niesenden schützen. Dieser war dankbar für die vorauseilenden Genesungswünsche und bedankte sich höflich dafür.

In manchen Ländern hatte das Niesen auch eine magische Bedeutung; da es ein kaum beeinflussbarer Reflex ist, nahm man an, dass das Niesen unbewusst eine Bestätigung für das gerade Gesagte (oder Gedachte) bedeutete. Etwa so: „Morgen wird es bestimmt sonnig.“ Niesen! „So wird’s sein mit Gottes Hilfe.“

Elegant: Niesen überhören

Wenn heutzutage jemand niest und man glaubt, ihm dabei „Gesundheit“ wünschen zu müssen, kann man das tun. Aber es ist nicht unhöflich, wenn man darauf nicht mit „Danke“ antwortet. Am elegantesten ist es, das Niesen der anderen Person zu überhören, ihn nicht nach Allergien oder nach seiner letzten Auslandsreise zu fragen. Wenn man anfällig fürs Niesen ist, sollte man sich darauf rechtzeitig vorbereiten.

Dazu hält die moderne Etikette und die Hygiene praktische und elegante Lösungen parat: Das Taschentuch sollte immer zur Grundausstattung gehören, wenn man das Haus verlässt. Während Stofftaschentücher bei gesellschaftlichen Anlässen ein Muss sind, haben sich Papiertaschentücher im Alltag durchgesetzt und sind für „Laufnasen“ die beste Lösung. Beim Niesen ist ein Schnupftuch die eleganteste Methode: Wenn man es rechtzeitig in die linke Hand nimmt, den Kopf leicht zur Seite dreht und dort hin­einniest, hat man alles richtig gemacht.

Niemals in die rechte Handfläche niesen!

Ein Schnupftuch aus weichem Stoff kann zusätzlich dafür sorgen, dass das Niesen nicht die Wirkung einer Pistole hat. Wenn sich partout kein Taschentuch findet und der Niesreiz obsiegt, sollte man in den Ellenbogen oder vom linken Handrücken verdeckt niesen – niemals in die rechte Handfläche, die wir dann anderen Leuten zum Gruß reichen.

Gebrauchte Taschentücher rechtzeitig zu entsorgen, ist besonders wichtig. Sie sollten auf keinen Fall in der Hosentasche gelagert werden. Das Gleiche gilt übrigens für benutzte Tupfer nach der Blutzuckermessung. Wir sollten also diskret niesen, dabei auf Hygiene achten und möglichst nichts dazu sagen. Oder wie wäre es, wenn bei Ihrer nächsten Blutzuckermessung in der Öffentlichkeit Ihnen jemand „Einen guten Wert!“ wünschen würde?


von Dipl.-Psych. Béla Bartus
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Fachpsychologe Diabetes (DDG), Psychodiabetologie Supervisor (BDP), Klinikum Stuttgart, Olgahospital

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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2010; 59 (6) Seite 54-55