Wo liegt die Grenze zwischen Lüge und Wahrheit? Und soll man in Sachen Blutzuckerwerte ruhig auch einmal lügen, wenn ansonsten das Wohl des Belogenen gefährdet ist? Dipl.-Psych. Béla Bartus antwortet.

Ist das geflunkert oder nicht?

Ein guter Freund und Kollege von mir ist bekannt dafür, dass er einen ausgezeichneten Orangensaft zubereiten kann. Wenn ich bei ihm zu Besuch bin, dann ist es immer ein Highlight, zum Frühstück seinen berühmten und besonders fruchtigen Orangensaft serviert zu bekommen.

Als ich mich bei meinem letzten Besuch in seiner Küche umschaute, entdeckte ich eine angebrochene Flasche handelsüblichen Orangensaft gleich neben der Saftpresse. Auf meine irritierte Frage, ob er denn den Saft nicht frisch pressen würde, antwortete er bereitwillig: „Natürlich, aber die andere Hälfte gieße ich aus der Flasche dazu – die Mischung macht den richtigen Geschmack.“ Und alle dachten, bei ihm gäbe es den leckersten frischgepressten Saft.

Hier stellt sich die Frage: Hat der Freund nun geflunkert beziehungsweise geschummelt und so sein Image als Saft-Sommelier erschwindelt? Oder haben wir einfach nicht genau nachgefragt? Denn direkt behauptet hat er ja nie, dass er jeden Tropfen selbst ausgepresst hätte.

Verschiedene Formen der Unwahrheit

Damit sind wir schon bei einem Thema, das in der Gesellschaft sehr kontrovers diskutiert wird: nämlich die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge. Und so wie es viele Wahrheiten gibt, haben wir auch verschiedene Formen der Unwahrheit – wie etwa das Flunkern, Schummeln, Schwindeln oder die oft bemühte Notlüge.

Auch das Weglassen von Informationen kann eine Form der Lüge sein, wenn dadurch der eigentliche Sachverhalt verfälscht wird. Im gesellschaftlichen Umgang ist die Ehrlichkeit seit langem schon zu einem dehnbaren Begriff geworden.

Kompliment: die kleine Schwester der Lüge

Das trifft besonders auf Komplimente zu, die manche Leute auch als die „kleine Schwester der Lüge“ bezeichnen: Wenn jemand aus dem Urlaub zurückkommt, bestätigen wir meistens, wie gut und erholt er oder sie aussehen würde – auch wenn das nicht immer zutrifft. Und wenn man beim Einkaufen die Frau eines Arbeitskollegen trifft, sagt man ebenfalls eher „Sie haben aber reizende und aufgeweckte Kinder“, selbst wenn die Kleinen dabei sind, das Mobiliar zu zerlegen.

Komplimente dienen mehr der Konversation; und daher kann ihr Wahrheitsgehalt starken Schwankungen unterliegen. Ein Kompliment ist umso glaubwürdiger, je spontaner es ausgesprochen wird, je mehr man die Person, von der es stammt, kennt – und je ähnlicher das soziale Verhältnis zueinander ist. Bei der Diabetesbehandlung gibt es ebenfalls eine Grauzone, in der die Wahrheit nicht immer der Wirklichkeit entspricht.

Die Diabetes-Grauzone

Vor allem bei jugendlichen Patienten kommt es häufig vor, dass die Blutzuckerwerte in den Tagebüchern nicht immer den tatsächlichen Messungen entsprechen. Ein Jugendlicher, der an den Wochenenden meist „tolle“ Blutzuckerwerte in sein Tagebuch schrieb, obwohl diese in Wirklichkeit eher hoch waren, begründete dies damit, dass er seinen Eltern und sich das Wochenende nicht verderben wollte.

Auch Erwachsene nehmen es mit ihren Messwerten nicht immer so genau: Niederländische Forscher haben in einer Studie herausgefunden, dass Patienten bei der Selbstmessung ihrer Blutdruck- und Blutzuckerwerte ebenfalls häufig mogeln. Viele der befragten Patienten schrieben falsche Werte auf oder erfanden sogar welche, ohne gemessen zu haben.

Bezogen auf die Blutzuckerwerte ist es keine Frage der Höflichkeit, sondern der eigenen Verantwortung, dass man seinen Arzt richtig informiert. Die zuverlässige Dokumentation von Messwerten wie Blutdruck oder Blutzucker ist die Grundlage für eine optimale Behandlung.

„Wie war dein Wert?“

Auch im zwischenmenschlichen Bereich kann es passieren, dass man den eigenen Blutzuckerwert gelegentlich verschweigt oder falsch wiedergibt: etwa dann, wenn man dem Ehemann oder der Partnerin auf die Frage „Schatz, wie war dein Blutzucker?“ mit einem besseren als dem gemessenen Wert antwortet.

Im Gegensatz zum Arztbesuch, bei dem man immer bei der Wahrheit bleiben sollte, stellt sich im privaten Bereich die Frage, ob eine falsche Antwort als Lüge oder zum „Wohl“ der Belogenen als Notlüge und zur Erhaltung der Harmonie gesehen wird. Da aber Blut kein Orangensaft, sondern, wie Goethe schon schrieb, „ein besonderer Saft“ ist, sollte man eher bei der Wahrheit bleiben – auch wenn eine Mischung zunächst bekömmlicher erscheint.


von Dipl.-Psych. Béla Bartus
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Fachpsychologe Diabetes (DDG), Psychodiabetologie Supervisor (BDP), Klinikum Stuttgart, Olgahospital

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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2010; 59 (5) Seite 60-61