Diabetes-Journal-Leser aufgepasst: Der folgende Artikel ist unbedingt geeignet zur Weitergabe an Ihre Lieben. Und unbedingt vor dem Fest der Liebe – bzw. vor den diesjährigen Weihnachtseinkäufen!

Noch vor einiger Zeit dachten viele daran, wie und wo sie die Sommerferien am schönsten genießen können, wie die Kinder die Einschulung oder das neue Schuljahr beginnen und welche Gegend sich im Herbst am besten zum Wandern eignet.

Und plötzlich steht man verwundert im Supermarkt – und Berge von Spekulatius, Lebkuchenherzen und Glühwein erinnern uns an das Fest der Feste: Weihnachten! Die Wettbüros nehmen laufend die Wetten entgegen, ob uns nun weiße oder graue Weihnachten bevorstehen; die Quoten sind noch ziemlich schwankend.

"Stilvoll" = teuer! Nicht?

Schwankend sind auch noch einige, was ihre Geschenkideen angeht. Damit bietet sich hier die Gelegenheit, das Thema stilsicheres Schenken aufzugreifen: Aufmerksame Leserinnen und Leser werden gemerkt haben, dass nicht von stilvollen Geschenken die Rede ist, sonder von Stilsicherheit beim Schenken.

Der Unterschied ist denkbar einfach: Stilvoll ist meist das, was uns die Werbung als solches anpreist und meist auch seinen Preis hat. Das stilvolle Geschenk findet man mit einem vollen Geldbeutel. Und diese Geschenke haben den Vorteil, dass wir damit kaum etwas falsch machen können. So sind die teure Flasche Rotwein oder das Parfüm in der opulenten Verpackung meist Treffer – nicht immer ins Schwarze, aber zumindest haben wir die Zielscheibe nicht verfehlt.

Stilsicheres Schenken

Dagegen steht das Konzept des stilsicheren Schenkens: Das ist, wenn unser Geschenk unabhängig von seiner Kreditkartenbelastung ins Schwarze trifft. Also wirklich den Beschenkten, oder noch schwieriger: die Beschenkte (!), direkt anspricht und dabei Freude und Überraschung auslöst. Dazu muss man natürlich etwas Charakterkunde betreiben und die Vorlieben der Zielperson kennenlernen.

Gleichzeitig ist auch wichtig, sich selbst im Schenken einzubringen, allerdings nur in Maßen. Denn die eigene Begeisterung über eine Geschenkidee darf den Blick nicht dafür trüben, wie dieses Geschenk bei den Empfängern ankommen würde. Konkret wäre die Frage zu beantworten, ob Menschen mit Diabetes sich über Geschenke freuen würden, die in irgendeiner Form mit der Erkrankung bzw. ihrer Behandlung zu tun haben.

Diabetikerbedarf verschenken?

In dem Zusammenhang wäre auch zu klären, ob es höflich ist, ein Geschenk aus der Warengruppe Diabetikerbedarf (Achtung: politisch unkorrekter Ausdruck!) auszuwählen und zu verschenken. Wenn jemand Diabetes hat und an Heiligabend unter dem Tannenbaum ein neues Blutzuckermessgerät findet oder eine sportliche Gürteltasche für die Insulinpumpe oder einen schicken Behälter mit Applikationen für den Traubenzucker – was dann?

Ganz abgesehen von den Diabetiker-Lebensmitteln, die in Form überteuerter Diabetiker-Schokolade oder Diabetiker-Pralinen schon mal als Geschenk aufgetaucht sind und bald glücklicherweise der Vergangenheit angehören werden.

Unhöfliche Geschenke?

Ist so ein Geschenk unhöflich, gar unangemessen? Verstoßen wir damit gegen die Etikette? Wenn wir die Frage in Anlehnung an Knigge beantworten, dann sollten Geschenke in erster Linie unsere Wertschätzung ausdrücken und zu Freude und positiver Rührung bei dem Beschenkten führen. Praktische Geschenke – und das wären alle in Zusammenhang mit dem Diabetes – sollten nur dann getätigt werden, wenn man sich ganz sicher ist, dass die betreffende Person sich das ganz besonders wünscht.

Ansonsten haben gerade Geschenke den Vorteil, dass man auch anscheinend unnütze Dinge auswählen kann, die auch mal frei von rationalen Überlegungen und Abwägungen des praktischen Aspektes einfach der Freude wegen verschenkt werden. Damit wären solche Geschenke die erste Wahl.

Der Vater zweifelte …

Letztes Jahr vor Weihnachten zeigte mir der Vater eines 14-jährigen Mädchens den Wunschzettel seiner Tochter, auf dem ganz oben ein Notebook stand und in Klammern dahinter der Vermerk: "Damit ich meine Blutzuckerwerte einfacher aufschreiben kann." Der Vater zweifelte zwar etwas, aber die Tochter bekam das Notebook.

Und tatsächlich kam das Mädchen öfter mit dem Ausdruck der gespeicherten Blutzuckerwerte in die Ambulanz. Mittlerweile führt sie wieder ein ganz normales Blutzuckertagebuch, aber ihr Geschenk vom letzten Jahr findet sie immer noch ganz toll. Dass sich ein praktisches Geschenk auch ohne seine eigentliche Bestimmung als ganz nützlich erweist, konnte ja Herr Knigge damals noch nicht wissen.


von Dipl.-Psych. Béla Bartus
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Fachpsychologe Diabetes (DDG), Psychodiabetologie Supervisor (BDP), Klinikum Stuttgart, Olgahospital

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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2010; 59 (12) Seite 54-55