Als Isabel Lotz 1980 als Zehnjährige Diabetes bekam, war es für sie nicht einfach, mit der strikten Therapie zurechtzukommen. Hinzu kam, dass nicht sehr feinfühlig mit ihr umgegangen wurde und man ihr Vorwürfe machte, wenn mit dem Diabetes einmal etwas nicht so gut lief. Diese Kindheitserfahrungen hat sie in dem starken Song „Zucker ist Liebe“ verarbeitet.

Seit 40 Jahren lebt Isabel Lotz mit Typ-1-Diabetes. Mit der Erkrankung zurechtzukommen, war nicht leicht. Nun hat sie über den Diabetes den Song „Zucker ist Liebe“ geschrieben. Im Diabetes-Journal erzählt sie von ihrem Diabetes, ihrer Musik – und dem Videodreh für „Zucker ist Liebe“.

Das Video zum Lied „Zucker ist Liebe“ von „Les Choipûres“

Wie ich Diabetes bekam

Ich war 10 Jahre alt und hatte meine Quench-Periode. Diese Zuckerplörre habe ich damals mit Vorliebe getrunken. Natürlich hatte ich die üblichen Symptome. Ich war schlapp, musste ständig aufs Klo und hatte Durst. Aber erst, als ich zu meiner Mutter sagte, dass ich nicht zum Reitunterricht könne, wusste sie, dass ich ernsthaft krank war.

Sie ging mit mir aber nicht zum Arzt, sondern zu Fräulein Riebling, wohl so etwas wie eine Heilpraktikerin. Fräulein Riebling fragte, wie oft ich denn auf die Toilette gehen müsse. Nach kurzem Überlegen sagte ich: „ Naja, so 24- bis 26-mal am Tag.“ Alle Anwesenden waren ganz entsetzt – und ein Besuch beim Hausarzt dann doch eindeutig angesagt. Nach einem Blutzuckertest stand die Diagnose fest, und als ich mein Lieblingsgetränk wegließ, ging es mir sofort besser.

Einige Tage später kam ich ins Krankenhaus. Bei allem Negativen, was dort wie ein Tsunami über mich hereinbrach, kann ich mich noch gut daran erinnern, wie stolz ich war, als ich mich zum ersten Mal selbst spritzen durfte. (Ich hatte vorher an einer Orange geübt.) Ich denke, jeder, der die Diagnose Diabetes bekommt, wird mitgerissen vom Strom der Ereignisse und hat keine andere Chance, als zu schwimmen. Sich einfach treiben lassen – das geht auf Dauer nicht.

Das war zu Beginn der 80er-Jahre – Telefone gab es nur mit Kabel, und das Internet war noch Science-Fiction. Zum Glück konnte schon damals Diabetes mit Insulingaben per Spritze behandelt werden. Aber ich musste eine strikte Diät einhalten, und es war für mich als Kind schwer einzusehen, dass bei Kindergeburtstagen alle Kinder Kuchen essen durften und nur ich selbst mit Wackelpudding und Knäckebrot vorliebnehmen musste. Und wenn dann diese zum Teil ja lebenswichtigen Maßnahmen noch mit wenig Feingefühl oder gar Vorwürfen vermittelt werden, reißt das Wunden in die Kinderpsyche.

Ich und die Musik

Ich kann keine Noten lesen. Ich sehe nur, dass die Töne hoch- oder runtergehen, schneller oder langsamer werden. Wenn ich zur Flöte greife, rauft sich mein Mann die Haare. Ich kann nur ein paar Akkorde auf der Gitarre spielen. Ich habe auch keine tolle Gesangsstimme. Aber ich liebe Musik und habe im Lauf meines Lebens schon viele Lieder getextet und komponiert.

Mithilfe der Mitglieder unserer Band Les Choipûres wurden einige dieser Lieder aufgepeppt. Es ist auch schon vorgekommen, dass mein Mann sich eine Melodie ausdachte, mir vorspielte, und ich befand mich gedanklich sofort im Wald oder in einem Luftschutzbunker. So sind die Lieder „Das Moor“ und „Dresden“ entstanden.

Oben: „Les Choipûres“ – Dieter Lotz, Klaus Gleichmann, Isabel Lotz, Daniel Kilanowski (von links).

Alle unsere Lieder haben eine Geschichte und sind nicht nur einfach Text, Melodie und Rhythmus. Im Moment können wir wegen Corona aber nicht als Band zusammenspielen; seit März 2020 gab es für uns weder Proben noch Konzerte. Auch wenn die Mitglieder der Band nicht hauptberuflich Musik machen und so keine finanziellen Einbußen haben, leiden auch wir unter den bestehenden Regelungen – wie andere gemeinsam Musizierende auch. Die Band hofft auf bessere Zeiten für alle.

Wie „Zucker ist Liebe“ entstanden ist

An meine Kindheit mit Diabetes habe ich eigentlich schon lange einen Haken gemacht. Aber ich war längere Zeit in Therapie, hatte Depressionen, Alpträume und Essstörungen. Das war eine harte Zeit, und meine Ärzte waren mit meinen Werten nie zufrieden. Um so dankbarer bin ich heute für Dinge und Erkenntnisse, die mir das Leben erleichtern.

Durch irgendeinen Auslöser (ich weiß nicht mehr, was es war) musste ich wieder an meine Kindheit mit Diabetes denken – und hatte das Bedürfnis, darüber zu schreiben. So entstand der Text zu „Zucker ist Liebe“. Das Wort „Zucker“ habe ich mit Absicht gewählt, denn man hört ja immer mal wieder: „Hey, du hast doch Zucker, oder?“ Außerdem lässt es sich besser singen als „Diabetes“. Mein Mann komponierte eine Melodie zum Text, und gemeinsam mit unseren Bandkollegen Klaus Gleichmann und Daniel Kilanowski haben wir den Song arrangiert.

Choipûres-Sängerin Isabel Lotz, Typ-1-Diabetes seit 1980.

„Zucker ist Liebe“ landete auf der Hitliste von Les Choipûres, aber durch die Corona-Pandemie konnten wir das Lied erst einmal auf einem Konzert spielen. Betroffene Gesichter sind wir bei unseren Liedern gewöhnt. Da setzt der Applaus schon mal erst nach einer kurzen Denkpause ein. Aber ich wurde direkt nach dem Konzert von einer Diabetikerin angesprochen und konnte sogar ein paar Tipps geben.

Wir – also die Band – schauten nach unseren Finanzen und waren der Meinung, wir könnten uns eine Aufnahme im Tonstudio leisten. Zu dem fertig abgemischten Lied fehlte dann noch ein Video. Die Suche nach Drehmöglichkeiten in einem Krankenzimmer gestaltete sich schwierig – im normalen Krankenhausbetrieb war das nicht möglich. Zum Glück fanden wir eine Krankenhauskulisse nahe Köln, wo wir für wenig Geld einen Tag drehen konnten.

Dabei machten wir die Erfahrung, dass ein Regisseur und ein Maskenbildner beim Filmen durchaus sinnvoll sind. Viele Szenen konnten einfach in die Tonne, weil meine Frisur nicht saß oder ich die Stirn in Falten legte.

Der Trick mit dem Traktor: Das Krankenbett wurde gezogen, der Traktor ist aber später im „Zucker ist Liebe“-Video nicht zu sehen.

Für die nächsten Szenen erstanden wir für den Wahnsinnspreis von 10 Euro ein Krankenbett. Wir planten eine Aufnahme in der Fußgängerzone. Aber dann kam der Shutdown, und wir mussten uns etwas anderes überlegen. Ein Reit­unfall, bei dem ich mir den Knöchel gebrochen hatte, verzögerte den Dreh noch einmal bis zum Sommer. Nach meiner Genesung suchten wir nach Orten, wo man nicht auf zu viele Menschen mit Masken trifft.

Der lustigste Dreh war mit Sicherheit auf einem Wirtschaftsweg zwischen den Feldern: Das Bett hing an einem Anhänger, der von einem Traktor gezogen wurde – aber im fertigen Video sieht es so aus, als ob ich das Bett schieben würde.

Meine Überlegungen zum Thema Zucker

Es gibt noch einen weiteren Grund für den Songtitel „Zucker ist Liebe“: Zum einen habe ich eine Vorliebe für Schokolade, Kuchen und Eis. Das gehört für mich einfach dazu, auch wenn in den meisten Fällen ein Stück Obst angebrachter wäre. In den Medien wird das Thema „Zucker“ und vor allem „versteckte Zucker“ ausgiebig behandelt. Aber ist es nicht eine Beleidigung unserer Intelligenz, wenn eine „Ampel“ uns sagen soll, dass Chips und Schokolade nicht die gesündesten Lebensmittel sind?

Da wir Diabetiker tagtäglich mit Nahrungstabellen arbeiten, wissen wir auch mit Kohlenhydrat-Angaben umzugehen und sind so im Vorteil gegenüber gesunden Menschen. Wir wissen, wie viel Zucker in Ketchup steckt. Aber mal im Ernst: Wer trinkt schon eine Flasche Ketchup auf ex? Ich jedenfalls bin dankbar, dass es Zucker gibt. Er hat mir schon oft genug aus der Klemme geholfen. Ich habe immer Traubenzucker einstecken, wenn ich unterwegs bin. Unsinnig finde ich es, gesunden Kindern das Obst zu „verbieten“, weil es Zucker enthält.

Ich und das Diabetes-Journal

Als ich mit 10 Jahren Diabetes bekam, las meine Mutter alles darüber, was sie finden konnte. Unter anderem abonnierte sie das Diabetes-Journal. Als Kind habe ich keinen Blick hineingeworfen. Seit ein paar Jahren beglückt mich meine Mutter mit ihren abgelegten Zeitschriften.

Etwas lustlos blätterte ich im Diabetes-Journal, und siehe da: Da sind ja total interessante und informative Artikel drin! Ich dachte immer, darin gehe es hauptsächlich um Typ-2-Diabetes. Ich habe auch geglaubt, dass die Informationen angestaubt seien und immer nur gejammert werde. Da wurde ich eines Besseren belehrt – und so auch bekehrt!


von Isabel Lotz
E-Mail: isabel.lotz@web.de


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2021; 70 (2) Seite 38-40