Während des Stillstands bedingt durch die Corona-Pandemie hofften viele, es würde sich grundlegend etwas ändern. Dem ist wohl nicht so, resümiert Hans Lauber in seiner Kolumne.

Einen Traum hatte Ende März der Zukunftsforscher Matthias Horx. Er träumte von einer neuen Zeit nach dem Stillstand und schrieb in einem viel beachteten Essay: „In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten. Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?“

Es konnte nicht sein, der Traum ist ein Märchen geblieben. Spätestens klar geworden ist das Mitte Mai, als die Bundesregierung beschlossen hat, der Lufthansa mit rund neun Milliarden Euro unter die Arme zu greifen. Mag sein, dass es richtig ist, die nationale Airline zu unterstützen, aber unfassbare neun Milliarden – und niemand hat sich groß darüber aufgeregt. Im Parlament, das sich seit Wochen eh aus der politischen Diskussion verabschiedet hat, gab es keinen Aufschrei.

Nicht zu vergessen: Noch im vergangenen Jahr war das Wort „Flugscham“ bis in beste Kreise hoffähig, wurde umfassend dargelegt, wie klimaschädlich das massenhafte Fliegen ist. Das alles scheint längst vergessen, es geht weiter wie bisher und die Lufthansa wirbt frohgemut für Flüge nach Mailand und Rom für 99 Euro und selbst ins nahe Prag, was ökologisch besonders bedenklich ist.

Sicher, es gibt immer noch kluge und warnende Stimmen – und äußerst fundierte Analysen kommen ausgerechnet von einem CSU-Mann. Nein, natürlich nicht vom Sonnenkönig Söder, sondern vom Entwicklungsminister Gerd Müller, der am 17. Mai in der Welt am Sonntag schrieb: „Für unseren Planeten ist es fünf nach zwölf“ – und das so begründete: „Die Menschen in den Industrieländern verfügen heute über 60 Prozent des Vermögens, obwohl sie nur 20 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Wir verbrauchen in den Industrieländern 50 Prozent der Ressourcen und sind für etwa die Hälfte der Umweltbelastungen des Planeten verantwortlich“.

Seine Schlussfolgerung: „Wir sind die erste Generation, die den Planeten mit ihrem Konsum und Wirtschaften an den Rand des Abgrundes bringen kann.“

Werden wir uns vom Abgrund wegbewegen? Nach der Konstruktion der gigantischen weltweiten Rettungspakete ist das nicht zu erwarten, denn ökologische Belange spielen nur eine marginale Rolle und plötzlich ist sogar Geld da, um einem miserabel geführten Verein wie Schalke 04 mit Staatsmillionen zu helfen. Wir werden wohl wieder, wer wir waren. Aber können wir uns das leisten, kann sich die Welt das leisten?

Drei echte Denkanstöße

Natürlich nicht – aber als optimistischer Mensch schlage ich deshalb drei konkrete Maßnahmen vor, auf dass wir wenigstens ein wenig weniger in den Abgrund schauen:


1. Mehr echte Bauern

Fast schon leid tun mir die Bauern, wenn sie mit ihren großen Traktoren eindrucksvoll demonstrieren. Schließlich wenden sie sich letztlich oft gegen ihre ureigenen Interessen, wenn sie etwa gegen verschärfte Düngeregeln zum Schutz des Grundwassers protestieren. Denn eine intakte Natur ist auch für die Bauern die Grundvoraussetzung allen Schaffens.

Nur, diese Bauern sind ja längst keine freien Bauern mehr. Sie sind Getriebene, die von ihren Funktionären zu immer größeren Betriebseinheiten verführt wurden und nun trotz immensem Arbeitseinsatz kaum auf einen grünen Zweig kommen. Aber geschaffen hat diese Grundstrukturen die EU-Agrarpolitik, die nur in Quantitäten und nicht in Qualitäten denkt. Bestes Beispiel dafür ist die hochkonzentrierte Fleischindustrie, wo die EU mit ihren Vorgaben dafür gesorgt hat, dass die meisten kleinen Schlachthöfe aufgeben mussten. Insofern ist Clemens Tönnies die konsequente Verwirklichung der EU-Ideologie – und deshalb ist es heuchlerisch, nur auf ihn zu zeigen.

Übrigens: In der Schweiz gibt es in den gottseidank viel kleineren Schlachthöfen kaum Virus-Fälle. Nur da ist das Fleisch auch deutlich teurer. Aber bei uns scheint es ja ein Grundrecht auf tägliches Billigfleisch zu geben.

Lässt sich das EU-System ändern? Nicht wirklich, weil vor allem Frankreich, aber auch Deutschland ein ungebrochenes Interesse an dieser Natur-frevlerischen Landwirtschaft haben. Dennoch, ein Systembruch ist möglich, aber nur außerhalb der EU: Das habe ich in meiner Kolumne vom 10. März 2020 erläutert, wo England nach dem Brexit nur noch die Bauern fördern will, die im Einklang mit der Natur arbeiten – und so wieder echte Bauern werden können.


2. Mehr echte Verkehrswege

Immer noch sind in Deutschland Verkehrswege leider vor allem Autostraßen. Ein besonders krasses Beispiel dafür ist im dicht besiedelten Raum südlich von Köln die Planung einer Verbindungsautobahn (Rheinspange 553) zwischen Wesseling und der Flughafenautobahn. Führen würde diese Autobahn durch eines der wenigen noch halbwegs erhaltenen Naturgebiete – und es damit unweigerlich zerstören.

Anstatt dem Autowahn weiter zu frönen, wäre es höchst notwendig, endlich einmal das marode Schienennetz der Bahn auszubauen; wäre es höchst notwendig, die vielen herunter gekommenen Bahnhöfe zu sanieren, von denen viel zu viele immer noch nicht barrierefrei sind. Auch sind die Radwege in den meisten Großstädten in einem miserablen Zustand. Wer etwa in der Millionenmetropole Köln mit dem Rad unterwegs ist, erlebt seinen täglichen Horrortrip. Naht Besserung? Es sieht nicht danach aus. Denn die 2019 großspurig angekündigten, zusätzlichen Gelder im Rahmen der Fahrradoffensive der Bundesregierung können immer noch nicht von den Kommunen abgerufen werden, wie der Kölner Stadtanzeiger am 22. Juni berichtete.

Seltsam: Die Fahrradläden sind ausverkauft, die Leute wollen aufs Rad, aber die Regierung tut kaum was für diese ökologische Fortbewegung.


3. Mehr echte Nationalparks

Fassungslos macht mich diese Zahl: Nur mickrige 0,6 Prozent der deutschen Landfläche sind als Nationalpark ausgewiesen, wie ich dem großartigen Buch „Die deutschen Nationalparks“ entnehme. Wobei es meist keine wirklich großen zusammen hängenden Flächen sind, sondern vieles gestückelt ist, wie etwa der bis heute heftig umstrittene Nationalpark Schwarzwald, der aus zwei getrennten Nationalpärkchen besteht. Mit solchen Teillösungen kann aber ein wichtiges Ziel nicht erreicht werden: Endlich der Natur im großen Stil gestatten, sich zu regenerieren, die Vielfalt der Arten wieder herzustellen.

Gerne erteilen wir anderen Ländern Ratschläge, wie wichtig es ist, Wildes zu schützen. Selbst schaffen wir aber kaum etwas, wie etwa Bayern zeigt, wo es Horst Seehofer auch in zehn Jahren als Ministerpräsident nicht gelungen ist, im Steigerwald südlich von Würzburg den lange geforderten Park durchzusetzen. Natürlich gibt es immer heftigen Widerstand gegen diese Pläne, meistens von der Forstwirtschaft. Doch während der Pandemie hat der Staat machtvoll demonstriert, dass er handeln kann. Warum tut er es dann nicht, wo es um den Schutz unserer künftigen Lebensbedingungen geht?

Ja, warum wird das so Notwendige nicht endlich in Angriff genommen? Sicher natürlich auch, weil die Menschen in den nächsten Monaten verständlicherweise scheinbar Wichtigeres zu tun haben, als sich über Nationalparks Gedanken zu machen. Denn was kommt, wird wenig erbaulich sein – weshalb meine Maßnahmen wohl ebenso Märchen bleiben werden wie der Horx-Traum.


Wie es weitergeht? Das entscheidet sich im Herbst, wenn sich die dramatischen Folgen des monströsen und wohl überzogenen („Die Reaktion der Politik hat den Rahmen gesprengt“, so Pneumologie-Professor Santiago Ewig am 6. Mai 2020 im „Spiegel“) Lockdowns in aller Schärfe zeigen: Wenn viele Existenzen vernichtet sind, vor allem im Gastgewerbe, in der Kultur; wenn es sehr viele Arbeitslose gibt; wenn es heftigen Streit darüber gibt, wie mit den massiven Schulden umgegangen wird.

Spätestens dann könnte wahr werden, was schon Mitte Mai der visionäre Romancier Michel Houellebecq prophezeite: „Wir werden nach der Ausgangssperre nicht in einer neuen Welt aufwachen. Es wird dieselbe sein, nur etwas schlimmer.“


von Hans Lauber
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