Die meisten Diabetes-Journal-Leserinnen und -Leser kennen den Diabetes von sich selbst oder von engen Angehörigen. Für Diabetes-Journal-Chefredakteur Prof. Thomas Haak ist der Diabetes Berufsalltag. In seiner Klinik hat er täglich mit Menschen zu tun, die auch mal gern erzählen von ihrem Leben mit Diabetes – so wie Ingenieurin und Hobby-Fotografin Martina Mader.

Im Frühjahr war Martina Mader im Diabetes Zentrum Mergentheim – und als sie Chefarzt Prof. Dr. Thomas Haak von ihrem Beruf und ihren Hobbys erzählte, wurde dieser hellhörig und bat sie um ein Interview. Hier das Ergebnis:

Diabetes-Journal (DJ): Wie haben Sie die Diagnose Diabetes als 10-jähriges Kind damals empfunden?
Martina Mader:
Ich habe gar nicht verstanden, was los ist. Meine Mutter war niedergeschlagen, und das hat mir Angst gemacht. Ich hatte, wie wohl fast jedes Kind, Angst vor Spritzen und wollte das anfangs nicht selbst machen. Über die Zukunft und darüber, dass der Diabetes für immer bleibt, habe ich mir keine Gedanken gemacht. Da meine Mutter selbst Diabetikerin ist und sie mich entsprechend betreute, war das für mich wohl gar nicht so eine große Sache. Das kam wohl eher in der Pubertät oder sogar erst danach.

DJ: Welche Rolle spielt der Diabetes überhaupt in Ihrem Leben?
Mader:
Eine Rolle kann man dem Diabetes ja eigentlich gar nicht zuweisen. Es gibt mich nun mal nicht ohne. Natürlich geht er mir, wenn es mal wieder nicht richtig läuft, fürchterlich auf die Nerven. Da ist dann auch schon echt viel Frust dabei, wenn er mir den Tag vermiest. Aber insgesamt kann man doch recht gut mit Dia­betes leben, solange man ihn nicht ignoriert. Ich will mich vom Diabetes nicht aufhalten lassen und alles tun, worauf ich Lust habe.

Ich vernachlässigte meinen Diabetes sehr lange und habe Glück, dass ich den Spätfolgen bisher entkommen konnte. Das schlechte Gewissen, das ich in der Phase mir selbst gegenüber hatte, führte dazu, dass ich mir Hilfe suchte. Dabei begann ich, mich positiv damit auseinanderzusetzen und mein Hobby, die Fotografie, mit Diabetes zu verknüpfen.

„Hilfe“: Das Bild soll zeigen, dass man nicht alles allein schaffen muss.

DJ: Gab es negative Erlebnisse mit Diabetes, die Sie nicht loslassen?
Mader:
Sehr negativ ist mir in Erinnerung geblieben, dass sogenannte Freunde nie begriffen haben, dass ich bei gemeinsamen Feiern auch ungezuckerte Getränke brauche. In Sportgruppen haben viele auch nicht verstanden, warum ich jetzt plötzlich doch nicht mitmachen kann. Oder mir wurde mein Traubenzucker weggefuttert, ohne mir etwas zu sagen. Auch dass das Wort behindert als Schimpfwort benutzt wurde, nur weil man jemanden ohne Behinderung nicht mochte, war für mich total schrecklich.

Während meines Studiums half ich beim Deutschen Roten Kreuz mit. Dabei bemerkte ich, dass der Stress beim Auslösen des Melders und die Angst, den Einsatz nicht sicher abarbeiten zu können, meinen Blutzucker stark erhöhen. Das Risiko war mir zu groß. Außerdem hätte ich wohl psychisch die Einsätze nur schwer verarbeitet. Deshalb quittierte ich damals den aktiven Dienst. Für die anderen Ehrenamtlichen war mein Diabetes nie ein Hindernis. Die fanden höchstens spannend, mal von einem Betroffenen zu hören.

DJ: Haben Sie Erlebnisse mit Diabetes, die Sie positiv in Erinnerung haben?
Mader:
Ich habe gute Erinnerungen an verschiedene Erlebnisse, aber dass daran der Diabetes einen Anteil hat, kann ich nicht sagen. Ich habe durch die Fotos versucht, solche Erlebnisse zu schaffen. Dass die Fotos nun Interesse bei Ihnen geweckt haben, werte ich als positives Erlebnis.

Martina Mader: „Manche meiner Fotos sind düster, wirken bedrohlich.“ Stimmt, wie man hier am Beispiel „Angst“ sehen kann.

DJ: Wie kamen Sie auf die Idee, Umwelt­technik zu studieren?
Mader:
Ich hatte in der Schulzeit schon viel Interesse an Naturwissenschaften, konnte mich nur nicht für eine entscheiden. Also suchte ich ein Studium, das alles verbindet. Dabei auch noch am Umweltschutz zu arbeiten, hat mir gefallen.

DJ: Ihr Beruf ist teilweise auch Ihr Hobby, weil Sie sich auf Dampfdruck­anlagen spezialisiert haben, oder?
Mader:
Ich bin Sachverständige für Dampf und Druck beim TÜV Nord. Die Arbeit ist für mich eine Herausforderung, weil ich mich immer wieder auf neue Aufgaben, Anlagen und Kunden einstellen muss. Der Diabetes muss entsprechend eingestellt werden, damit keine gefährlichen Situationen entstehen. Das klappt sehr gut.

Ich könnte mir nicht vorstellen, einen Bürojob zu machen. Ich darf als Sachverständige auch historische dampfbetriebene Fahrzeuge, z. B. Lokomotiven, Dampftraktoren, prüfen. Das machen nur wenige Sachverständige. Es ist toll, wie die alte Technik heute noch funktioniert und oft viel eleganter als die neue Technik ist. Und wer darf schon regelmäßig direkt neben dem Lokführer eine Probefahrt machen :)

Kaffee, Kekse ... und ein CGM-Sensor.

DJ: Sie haben interessante Hobbys: Wie kommt man auf Jonglieren?
Mader:
Zufall! Ich übte mal in der Schulzeit, mit drei Bällen zu jonglieren, hatte es aber nie weiterverfolgt. An der Uni habe ich dann mal mit einem Studenten gemeinsam gegessen, und wir unterhielten uns über unsere Hobbys. Durch ihn erfuhr ich von der Unisportgruppe „Jonglieren und Artistik“ und bin dabeigeblieben. Es gibt für mich keinen besseren Ausgleich. Sogar in der Diabetesklinik hatte ich meine Jongliersachen dabei. Ich trete nicht auf, für mich ist das Medi­ta­tion und Sport.

DJ: Ihre Fotos beeindrucken sehr. Seit wann fotografieren Sie?
Mader:
Vielen Dank! Ich kaufte mir 2015 meine erste Spiegelreflexkamera. Bis dahin hatte ich überhaupt keinen Schimmer, was man alles einstellen kann und wie damit die Bilder beeinflusst werden. Ich arbeitete dann erst mal ein Buch zur Kamera durch und machte dann verschiedene Kurse und Workshops. Vieles kann man sich über Videos im Internet aneignen. Wenn ich etwas Spannendes sehe, probiere ich so lange rum, bis ich ein gutes Foto habe, das meistens ganz anders aussieht als auf der Vorlage.

Selbstbewusst auf dem Pen durchs Weltall: „Der Flieger“ – beim Shooting sehr oft abgestürzt.

DJ: Was möchten Sie mit Ihren Bildern ausdrücken und den Menschen sagen?
Mader:
Eigentlich wollte ich bisher gar nichts ausdrücken, sondern hatte einfach nur Spaß am Fotografieren und daran, mir meine Bilder und die anderer anzusehen. Die gezielte Bildaussage fing erst in Verbindung mit dem Diabetes an. Eigentlich war das auch nur für mich gedacht. Aber ich habe beim Klinikaufenthalt gemerkt, dass ich mit meinen Gefühlen rund um den Diabetes nicht allein bin.

Bei dem Bild „Sweets“ war es mir wichtig, dass man auf den ersten Blick gar nicht sieht, dass es sich um Diabetes dreht. Einem Dia­betiker sieht man es ja auch nicht an. Das Shooting war einem guten Blutzuckerwert nicht sehr zuträglich, da die Modelle am Ende vernichtet wurden. Das Bild „Hilfe“ mit den zwei Figuren und dem Pen soll zeigen, dass man nicht alles allein schaffen muss. Dazu gehört das Bild „Allein“ (siehe großes Bild oben).

Diese Bilder sind nach einem guten Gespräch bei meiner Diabetologin entstanden. Der „Flieger“, der selbstbewusst seinen Pen durchs Weltall reitet, soll motivieren. Der ist beim Shooting allerdings sehr oft abgestürzt.

„Einfach nur Spaß gemacht“: Bild „Pen“.


Interview: Prof. Dr. Thomas Haak
Chefarzt Diabetes Zentrum Mergentheim
Theodor-Klotzbücher-Straße 12
97980 Bad Mergentheim


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2020; 69 (9) Seite 40-42