Ein angemessenes Verhalten kann allen Beteiligten den Umgang mit einer besonderen Situation erleichtern. Das gilt fürs Aufzugfahren wie für den Kinobesuch. Und es gilt für ein Diabetes-Outing!

Diabetes: keine besonderen Umgangsformen nötig

Ob wir für den Diabetes und seine Behandlung unbedingt besondere Umgangsformen benötigen, kann eindeutig mit Nein beantwortet werden. Ebenso wenig brauchen wir zwingend Benimmregeln für den Einstieg oder den Ausstieg in einen Aufzug: Natürlich ist es einfacher für alle, wenn wir zuerst die Leute aus dem Aufzug aussteigen lassen und danach selbst einsteigen; aber man kann auch versuchen, zuerst hineinzugehen.

Oder umgekehrt: zu warten, bis jemand eingestiegen ist und danach versuchen, den Lift zu verlassen! Außer Kopfschütteln oder genervter Kommentare anderer Leute passiert nichts. Es gibt keine Punkte in Flensburg, wenn man zuerst in den Aufzug drängt – und auch keinen zusätzlichen Steuerbescheid.

Angemessenes Verhalten erleichtert Umgang

Nun ist das Leben mit Diabetes nicht mit Aufzugfahren zu vergleichen, obwohl die Blutzuckerwerte teils ausgeprägt hochfahren, runterrattern, schwanken. Vielleicht kommen einem manchmal auch Gedanken, dass man aus der Behandlung einfach aussteigen möchte, weil sie doch auf die Dauer anstrengend sein kann.

Warum also noch Diabetes-Etikette und angemessenes Benehmen, wenn die Behandlung so schon schwer genug ist? Es ist wie mit dem Aufzug: Ein angemessenes Verhalten kann allen Beteiligten den Umgang mit einer besonderen Situation erleichtern.

Den Diabetes verraten?

Zum Beispiel die Frage, wann oder warum muss man einem Fremden unbedingt verraten, dass man Diabetes hat? Vor einiger Zeit hatte ich eine Gruppe Jugendliche mit Typ-1-Diabetes bei einer Diabetes-Schulung ins Kino begleitet. Bevor es in den Saal ging, wollten sich die Jugendlichen jene Snacks und Getränke kaufen, ohne die heutzutage kein Kinobesuch mehr denkbar ist.

Leider hatte das Kino keine coffeinhaltigen Light-Getränke, und so gingen einige der Jugendlichen schnell in den benachbarten Supermarkt, um dort einzukaufen. Am Einlass dann die böse Überraschung – das Kinopersonal verwies auf ein Schild: Selbst mitgebrachte Getränke und Lebensmittel dürfen nicht in den Kinosaal mitgenommen werden. Ein Jugendlicher sah mich ratlos an und fragte, ob er jetzt auch seinen Traubenzucker draußen lassen müsste.

Kurze sachliche Erklärung löst Konflikt

Ein anderer war verärgert darüber, dass er nun gezwungen werde, zu erklären, dass er Diabetes hat. Das Problem wäre erst gar nicht entstanden, wenn alle sich auf Mineralwasser geeinigt hätten, aber warum soll die Lebensqualität schon im Alltag eingeschränkt werden, nur weil man Diabetes hat? Um das Problem zügig zu lösen und den Film nicht zu verpassen, haben wir uns ausgewiesen und erklärt, warum die Jugendlichen nicht die im Kino vorhandene "normale Limonade" trinken konnten. Eine kurze sachliche Erklärung hat den Konflikt gelöst.

Allerdings gaben sich die Jugendlichen damit nicht zufrieden. Am nächsten Tag wurde das Ereignis bei der Schulung angesprochen. Es kam die Frage auf, ob man sich mit seiner Erkrankung outen, also zu erkennen geben muss, nur um eine bestimmte Limonade im Kino trinken zu dürfen? Oder ob es auch andere Wege gibt, um an ein bestimmtes Ziel zu gelangen?

Aus der Sicht des korrekten Benehmens oder der Etikette wäre dabei wichtig, dass man sich nicht dafür entschuldigt oder verteidigt, dass man Diabetes hat, sondern ohne Unter- und Übertreibung darauf verweist. Bei Bedarf gibt man einige knappe Informationen dazu. Die Betonung liegt dabei auf Information: Es soll auf keinen Fall wie eine Rechtfertigung klingen. Höflich und angemessen zu reagieren bedeutet keine Schwäche. Im Gegenteil:

Höflichkeit ist keine Schwäche

Die beste Kombination, um sich im Alltag durchzusetzen, besteht aus Souveränität, also Selbstsicherheit, und Höflichkeit. Nur souverän zu sein, wirkt oft arrogant. Höflichkeit alleine kann unterwürfig und schwach erscheinen. Für den Kinobesuch bedeutet das, souverän zum Diabetes zu stehen, den Sachverhalt knapp zu schildern und sich dann höflich und bestimmt durchzusetzen.

Übrigens haben die Jugendlichen einen höflichen und deutlichen Brief an den Kinobetreiber geschrieben und erläutert, warum sie den Verkauf von Light-Getränken für sinnvoll hielten; man kann sich auch rückwirkend Gehör verschaffen. Wie beim Aufzugfahren, wo man sich Gedanken machen kann über den Zeitpunkt des Ein- und Ausstiegs.; in dem Fall bestünde die dritte Lösung darin, einfach die Treppe zu nehmen.


von Dipl.-Psych. Béla Bartus
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Fachpsychologe Diabetes (DDG), Psychodiabetologie Supervisor (BDP), Klinikum Stuttgart, Olgahospital

Kontakt:
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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2010; 59 (10) Seite 60-61