Ein Menü bestellen, auch wenn es schwieriger einzuschätzen ist als ein Einzelgericht? Nur Mut, meint Béla Bartus und gibt Tipps für die Menüwahl und auch für das höfliche Verhalten am Buffet.

Gerichte lernt man in der Schulung

Kennen Sie aus Diabetesschulungen auch diese runden, flachen Plastikscheiben, auf denen das blasse Bild eines Gerichts oder eines Lebensmittels aufgedruckt ist? Meistens sieht man darauf Nudeln mit einer rötlich-braunen Soße oder ein Schnitzel, garniert mit einer Zitronenscheibe.

Damit pflegen Ernährungsberater und Diätassistentinnen ihre „Gäste“ zu bewirten – allerdings ohne Messer und Gabel. Stattdessen gibt es Papier und Stift, um die Gerichte auf den Bildern einzuschätzen und herauszufinden, wie viele Kohlenhydrate sie enthalten würden, wenn sie denn echt wären.

Das ist eine sicherlich sinnvolle und seit Jahrzehnten bewährte Methode der Ernährungsschulung – vor allem, wenn man zu Beginn der Diabetesbehandlung die Grundlagen dafür erlernen soll. Aber vielleicht hätte man ja auch Lust, statt nur eines Gerichtes ein Menü zu bestellen?

Keine Angst vor Menüs

Bezogen auf die Diabeteseinstellung ist es einfacher, eine einzelne Portion einzuschätzen, zum Beispiel ein Kabeljaufilet mit Petersilienkartoffeln, heller Soße und Salatbeilage, als bei einem Menü die passende Insulindosis vorherzusagen. Und bei einem Menü müssen auch die Pausen zwischen den einzelnen Gängen berücksichtigt werden, die mitunter zwischen 10 und 20 Minuten dauern können.

Hier steht der feierliche Genuss im Vordergrund

Auch völlig unabhängig vom Diabetes ist es eine komplexe Entscheidung, ob man sich ein Menü oder ein Einzelgericht bestellt. Wenn wir so banale Gesichtspunkte wie den Preis (Menüs sind kostspielig) und die Zeit (ein Gericht ist schneller gegessen) außer Acht lassen, kommen interessante Aspekte zutage: So bestellen die Franzosen deutlich häufiger ein Menü als wir in Deutschland.

Warum? Der Genuss steht für sie im Vordergrund. Und: Ein Menü gilt als vornehmer und feierlicher. Und schließlich wird bei Menüs oft das gesamte Besteck-, Teller- und Glas-Arsenal der Gastronomie aufgefahren, was gelegentlich verwirrt.

Menüs haben große Vorteile

All das sollte aber nicht davon abschrecken, auch ab und zu ein Menü zu ordern. Denn Menüs haben große Vorteile: Sie bestehen aus einer meist aufeinander abgestimmten Speisefolge von drei, vier, ja bis zu zehn Gängen. Wenn Ihnen ein Gericht im Menü nicht zusagt, können Sie natürlich den Kellner um eine Alternative bitten. Menüs lohnen sich besonders in wirklich guten Restaurants, denn so können Sie mit einem Besuch mehrere Köstlichkeiten des Hauses genießen.

Auch können Menüs praktisch sein, wenn Sie zu zweit unterwegs sind und nicht so hungrig sind. Bestellen Sie zu zweit ein Menü, auch das ist von der Etikette her völlig in Ordnung. Und wenn der Kellner Sie für einen Geizkragen hält, dann hat er eben keine Manieren.

Teller nur zu zwei Dritteln

Während Menü und Einzelgericht zu den gesetzten Formen des Essens gehören, weil man ja im wahrsten Sinne des Wortes dabei sitzt, ist die dritte Art der Bewirtung, das Buffet, eher eine aktive Angelegenheit: Man steht immer wieder auf, um sich selbst die Speisen aus einer Vielfalt von Angeboten zusammenzustellen. Ob man sich vegetarisch, bunt gemischt oder üppig ernährt – ein gut bestücktes Buffet kann alle geschmacklichen Vorlieben bedienen.

Ins Gespräch kommen

Das Buffet sollte ein Ort sein, an dem man ins Gespräch kommt, Kontakte knüpft. Es ist nicht höflich, sich dem einzelkämpferischen Gebaren mancher Gäste anzuschließen: An einem Buffet ist noch keiner verhungert. Und wenn Scampi, Kaviar oder Obstsalat zu schnell ausgehen, liegt das eher am sparsamen Gastgeber als an Ihren Nahkampffähigkeiten.

Natürlich gibt es immer noch einige Buffetgänger mit übervollen Tellern – aber sie werden weniger, denn es hat sich herumgesprochen, dass der Teller höchstens zu zwei Dritteln beladen werden sollte. So kann man den Teller sicher balancieren und gefährdet nicht die Jacketts und Abendkleider der anderen Gäste.

Dem Anlass entsprechend …

Es gibt keine Regel, die einer der drei Speiseformen den Vorzug geben würde; oft bestimmt der Anlass die Form der Bewirtung. Sowohl das Menü wie auch ein Einzelgericht von der Speisekarte oder das Anstehen am Buffet: jedes hat seine Liebhaber. Und genauso, wie man nicht immer das gleiche Gericht bestellen sollte, lohnt es sich, ab und zu eine andere Form des Speisens auszuprobieren.

Und sollte Ihnen bei Ihrer nächsten Diabetesschulung eine freundliche Diätassistentin wieder einen Plastikteller mit einem Essensbild vorlegen, sagen Sie höflich: „Danke, aber heute nehme ich mal das Menü!“


von Dipl.-Psych. Béla Bartus
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Fachpsychologe Diabetes (DDG), Psychodiabetologie Supervisor (BDP), Klinikum Stuttgart, Olgahospital

Kontakt:
Kirchheim-Verlag, Kaiserstraße 41, 55116 Mainz, Tel.: (0 61 31) 9 60 70 0,
Fax: (0 61 31) 9 60 70 90, E-Mail: redaktion@diabetes-journal.de


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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2010; 59 (3) Seite 58-59