Direkt nach der Typ-1-Diabetes-­Diagnose – und jetzt müssen alle, auch Du, herausfinden, was Dir guttut. Nina, die Protagonistin der Diabetes-Kurzgeschichtenreihe „Der kleine Melli und ich“ erinnert sich, wie es ihr damit ging.

Autorin Lena Schuster ist Psychologin. Seit 2014 hat sie Typ-1-Diabetes. Ihr Bruder hat seit der Kindheit ebenfalls Typ-1-Diabetes, deshalb ist ihr auch der Einfluss der Stoffwechselerkrankung auf die Familie gut bekannt.

Im Diabetes-Journal bringt sie ihre persönlichen Erfahrungen und Eindrücke in der Kurzgeschichtenreihe „Der kleine Melli und ich“ ein.

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Ich stehe am Fenster und schaue in den Garten. Es ist Frühling und viele Blumen fangen gerade so richtig schön an zu blühen. Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch die dichten Bäume. Eigentlich das perfekte Wetter, um einen Spaziergang zu machen. Doch mir ist nicht danach. Der heutige Morgen hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt.

Es sollte ein kurzer Besuch beim Hausarzt sein, um die Blutwerte überprüfen zu lassen. Einen Moment – und alles ist anders. So drehe ich mich um und werfe einen Blick auf den kleinen Melli, der gemütlich auf dem Sofa sitzt. Ab heute wird er mich überallhin begleiten und ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Das Ausmaß des Ganzen habe ich noch nicht realisiert, aber ich spüre, dass ab heute einiges anders wird.

„Melli, wir müssen uns fertig machen und zu Nico fahren. Chris, Lisa und Ben kommen auch.“ Eigentlich habe ich gerade nicht das Bedürfnis rauszugehen, aber zu Hause zu bleiben kann auch nicht die Lösung sein. Kurze Zeit später brechen wir auf.

„Ab heute ist Melli Teil meines ­Lebens“

Als wir zu Nico in die Wohnung kommen, sind schon alle da. Durch das Wohnzimmer hört man lautes Gelächter. Ben hat wohl wieder einen seiner Witze gerissen, die jeden der Runde stets zum Lachen bringen. Lisa dreht sich um und sagt: „Ach Nina, schön, dass du auch da bist.“ Ich antworte: „Hey Lisa, freut mich auch, dich zu sehen“, und lasse mich auf dem Sofa nieder. Einen Moment später kommt Melli durch die Tür und setzt sich neben mich. Plötzlich verstummen alle.

Ben hat als Erster seine Stimme wieder zurück: „Nina, wer ist das?“ Ich blicke in vier fragende Gesichter. Zögernd antworte ich: „Ich war heute bei meinem Hausarzt, weil ich in letzter Zeit so müde und abgespannt war.“ Ich brauche ein paar Sekunden, um den Rest, der mir auf dem Herzen liegt, aussprechen zu können: „Er hat meine Blutwerte angesehen und mir gesagt, dass ich Dia­betes mellitus habe. Ab heute ist Melli Teil meines Lebens.“

Die Diabetes-Kurzgeschichtenreihe „Der kleine Melli und ich“ – der Hintergrund


Melli ist ein kleiner Junge, der mit Nina, einer erwachsenen Frau, zusammenlebt. Die beiden Protagonisten der Diabetes-Kurzgeschichtenreihe geraten im Alltag immer wieder in Konflikt: beim Essen, beim Sport etc.

Autorin Lena Schuster: „Für mich ist der Diabetes vergleichbar mit dem kleinen Melli, den man oft zu gerne ignorieren möchte, doch das geht leider nicht. Denn ignoriert man den Diabetes, ist er wie ein schreiendes Kind, das einen nicht zur Ruhe kommen lässt. Kümmert man sich jedoch um den Diabetes, so macht einen das stark – und man erkennt, dass man bereit ist, auch andere Probleme des Lebens zu bewältigen.“

Stille. Seit fast zehn Jahren kenne ich die vier schon, doch diese Stimmung herrschte noch nie unter uns. Eine Mischung aus Überraschung, Schock und Traurigkeit liegt in der Luft. Da ergreift Chris das Wort: „Nina, das ist nicht schlimm. Meine Oma hat auch Diabetes, und die schluckt nur ein paar Tabletten.“ Bevor ich darauf reagieren kann, hat sich Lisa eingeschaltet: „Wie kannst du sagen, dass das nicht schlimm ist?“ Wütend blickt Lisa Chris an. Da mischt sich plötzlich Ben ein: „Ja, Chris, wie kannst du nur? Es gibt doch unterschiedliche Typen von Diabetes. Das kann man doch so allgemein gar nicht sagen.“

Ehe ich mich versehe, ist eine hitzige Debatte entstanden, was Diabetes ist und wie gut oder nicht gut die Krankheit therapiert werden kann. Ich sinke immer mehr in die Couch und hätte mich am liebsten vergraben. Ich habe keine Ahnung, was Diabetes ist, geschweige denn, wie gut er behandelt werden kann und was ich tun muss. Woher soll ich das auch wissen? Bis heute morgen hatte ich noch nie etwas davon gehört.

Nico merkt, dass ich immer mehr im Sofa versinke. Die anderen diskutieren immer noch wie verrückt. Schließlich unterbricht Nico Chris und sagt: „Jetzt hört doch bitte mal auf zu diskutieren, das bringt Nina doch auch nicht weiter.“ Da dreht sich Lisa mitfühlend um und bemerkt: „Tut mir leid, Nina. Was brauchst du denn jetzt? Möchtest du darüber reden oder lieber zur Ablenkung einen Film schauen?“ Leise antworte ich: „Keine Ahnung, was ich brauche.“ Lisa nimmt mich liebevoll in den Arm und bemerkt: „Das ist nicht schlimm. Wir werden schon noch rausfinden, was dir guttut, und dir helfen.“


Kommentar der Autorin:

Die Diagnose Diabetes mellitus Typ 1 kommt ganz plötzlich, ohne dass man sich darauf vorbereiten kann. So erging es auch Nina, die von heute auf morgen mit Melli durchs Leben gehen musste. Für Nina war es schwer, damit umzugehen, und auch für ihr Umfeld war es nicht leicht.

Die Frage, was sich ein Diabetiker nach der Dia­gnose von seinem Umfeld wünscht oder was er erwarten kann, ist fast nicht zu beantworten. Menschen verarbeiten Dinge sehr unterschiedlich und schlagen verschiedene Wege ein nach so einem prägenden Ereignis. Wichtig ist für uns Diabetiker, uns selbst Zeit zu geben, um Melli zu akzeptieren und um ihn in unser Leben zu integrieren!


von Lena Schuster
Redaktion Diabetes-Journal, Kirchheim-Verlag,
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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2020; 69 (5) Seite xx