Das Leben mit Diabetes hat zusätzlich zur Pandemie seine Tücken, weiß Nina. Zum Glück können wir nun wenigstens wieder bummeln gehen - und auch wieder zumindest ins Freiluft-Café.

„Das macht dann 29,99 Euro. Zahlen Sie in bar oder mit Karte?“ Ich war so in Gedanken, dass ich die Frage fast nicht mitbekommen hätte. Knapp antworte ich: „Mit Karte bitte.“ Kurz danach stecke ich das Kleid in die Tüte und drehe mich zu meiner Freundin Anna um.

Autorin Lena Schuster ist Psychologin. Seit 2014 hat sie Typ-1-Diabetes. Ihr Bruder hat seit der Kindheit ebenfalls Typ-1-Diabetes, deshalb ist ihr auch der Einfluss der Stoffwechselerkrankung auf die Familie gut bekannt.

Im Diabetes-Journal bringt sie ihre persönlichen Erfahrungen und Eindrücke in der Kurzgeschichtenreihe „Der kleine Melli und ich“ ein.

Kontakt über nuber@kirchheim-verlag.de

Freudestrahlend sage ich: „Jetzt habe ich endlich mal wieder ein schönes Sommerkleid.“ Lachend erwidert sie: „Dass du dir irgendwann nochmal ein Kleid kaufst, hätte ich auch nicht mehr für möglich gehalten.“ Ein paar Wochen später wäre das aufgrund des Lockdowns auch nicht mehr möglich gewesen.

Bummeln, ins Café – hoffentlich geht das bald wieder

So verlassen wir das Kaufhaus und steuern auf unser Lieblingscafé zu. Die letzten Tage hat es nur geregnet, doch pünktlich zum Wochenende kam heute die Sonne raus. Dementsprechend viele Menschen sind in der Stadt unterwegs. Familien mit kleinen Kindern schlendern durch die Innenstadt, und Fahrradfahrer versuchen, sich einen Weg durch die Menschen zu bahnen. „Da drüben ist schon unser Lieblingscafé. Wir waren schon so lange nicht mehr da.“

Die Diabetes-Kurzgeschichtenreihe „Der kleine Melli und ich“ – der Hintergrund


Melli ist ein kleiner Junge, der mit Nina, einer erwachsenen Frau, zusammenlebt. Die beiden Protagonisten der Diabetes-Kurzgeschichtenreihe geraten im Alltag immer wieder in Konflikt: beim Essen, beim Sport etc.

Autorin Lena Schuster: „Für mich ist der Diabetes vergleichbar mit dem kleinen Melli, den man oft zu gerne ignorieren möchte, doch das geht leider nicht. Denn ignoriert man den Diabetes, ist er wie ein schreiendes Kind, das einen nicht zur Ruhe kommen lässt. Kümmert man sich jedoch um den Diabetes, so macht einen das stark – und man erkennt, dass man bereit ist, auch andere Probleme des Lebens zu bewältigen.“

Gerade will ich die Straße überqueren, da höre ich ein lautes Quietschen von Fahrradbremsen. Ich schrecke auf und schaue reflexhaft nach rechts. Eine Fahrradfahrerin liegt auf dem Boden und hält sich das Bein. Schnell eile ich zu ihr und knie mich neben sie. „Wie geht es Ihnen? Haben Sie Schmerzen?“ Die Frau ist total unter Schock und murmelt: „Ich wollte doch nur bremsen. Dann bin ich wohl mit dem Vorderreifen in die Schienen geraten.“

Auch ein Mann hat sich zu uns gesellt und fragt, ob er einen Rettungswagen rufen soll. Inzwischen ist der erste Schock verflogen und die Frau antwortet: „Nein, einen Arzt brauche ich nicht. Ich denke, ich komme mit dem Schrecken davon.“ Gemeinsam helfen wir der Frau auf und versichern uns ein letztes Mal, dass alles in Ordnung ist.

Und plötzlich ist alles anders …

Kurze Zeit später sitzen wir im Café. Wir konnten uns den letzten Platz in der Sonne ergattern, doch wir brauchen einen Moment, um das gerade Geschehene zu verarbeiten. Anna bemerkt: „In einem Moment ist noch alles gut und plötzlich sieht die Welt ganz anders aus.“ Ich erwidere: „Da hast du total recht, das kann wirklich schnell gehen.“ Schließlich kommt die Bedienung, und wir bestellen Getränke und leckeren Kuchen.

Wir finden wieder zu uns zurück, und das Geschehene tritt in den Hintergrund. „Das ist echt ein schöner Laden, den wir heute entdeckt haben. Der muss neu aufgemacht haben“, sagt Anna. Kurz darauf kommt auch schon unsere Bestellung. Mit dem Blick zu Melli sage ich: „Das ist ja ein großes Kuchenstück. Wie viele Kohlenhydrate das wohl hat?“ Er antwortet: „Da bleibt dir nur die Möglichkeit, das zu schätzen.“

Anna und ich können stundenlang nur reden und vergessen häufig dabei die Zeit. Als die Sonne hinter den Wolken verschwindet und es kühler wird, beschließen wir, aufzubrechen. Gemütlich schlendern wir zur Bushaltestelle. „In fünf Minuten kommt ein Bus, der in meine Richtung fährt. Das passt ja super“, stellt Anna fest. Melli und ich sind mit dem Fahrrad in die Stadt gefahren. In dem Moment, als ich mich von ihr verabschieden will, wird mir plötzlich ein bisschen schummrig.

„Du bist total blass, Nina. Geht’s dir nicht gut?“, ist Anna besorgt. Melli hakt ein: „Du bist unterzuckert. Du musst sofort was essen, ­Nina.“ In dem Moment fährt Annas Bus ein. Ich krame einen Traubenzucker aus der Tasche und versuche, sie davon zu überzeugen, in ihren Bus zu steigen. „Ich mache mir einfach Sorgen um dich. In dem Zustand lasse ich dich ungern allein.“ Endlich willigt sie doch ein und steigt in den Bus. Lächelnd winke ich ihr zu und esse noch einen Traubenzucker.

Kommentar der Autorin:

Zum einen ist es sehr schön, wenn sich Freunde und Angehörige um uns sorgen und sich kümmern. Das zeigt, wie wichtig wir für sie sind. Zum anderen kann die Sorge des Umfelds auch manchmal erdrückend sein. So ist es Nina unangenehm, als ihre Freundin für sie da sein möchte, als sie unterzuckert – und das, obwohl sie selbst kurz zuvor auch der Fahrradfahrerin ihre Hilfe angeboten hatte. Es ist wichtig, offen mit seinem Umfeld darüber zu sprechen, um für alle das richtige Maß zwischen Unterstützung und Selbstständigkeit zu finden.


von Lena Schuster
Redaktion Diabetes-Journal, Kirchheim-Verlag,
Wilhelm-Theodor-Römheld-Straße 14, 55130 Mainz,
Tel.: (0 61 31) 9 60 70 0, Fax: (0 61 31) 9 60 70 90,
E-Mail: redaktion@diabetes-journal.de


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2021; 70 (6) Seite 46-47