Es muss nicht immer am Diabetes liegen, wenn es komisch wird um Dich herum. So oder so: Gut, wenn Dir dann jemand Hilfe anbietet … oder? Ein neuer Teil der Diabetes-Kurzgeschichtenreihe mit dem kleinen Melli und Nina.

Melli und ich – der Hintergrund
Melli ist ein kleiner Junge, der mit Nina, einer erwachsenen Frau, zusammenlebt. Die beiden geraten im Alltag immer wieder in Konflikt: beim Essen, beim Sport etc. Lena Schuster: "Für mich ist der Diabetes vergleichbar mit dem kleinen Melli, den man oft zu gerne ignorieren möchte, doch das geht leider nicht. Denn ignoriert man den Diabetes, ist er wie ein schreiendes Kind, das einen nicht zur Ruhe kommen lässt. Kümmert man sich jedoch um den Diabetes, so macht einen das stark – und man erkennt, dass man bereit ist, auch andere Probleme des Lebens zu bewältigen."

Ich schaue aus dem Fenster und sehe in den strahlend blauen Himmel. Ein paar Wolken sind zu sehen, trotzdem scheint die Sonne. Das perfekte Wetter, um etwas zu unternehmen. Und schon kommt mir eine Idee: Melli und ich könnten einen Ausflug machen! Kaum ist der Gedanke in meinem Kopf, stürme ich zu Melli, der im Wohnzimmer gemütlich auf der Couch liegt und ein Buch liest.

„Melli, was hältst du davon, wenn wir bei dem schönen Wetter ein bisschen rausgehen?“, sage ich und sehe ihn erwartungsvoll an. Er schaut auf und nickt. Hastig füge ich hinzu: „Wir könnten unsere neu gekauften Fahrräder einweihen, was meinst du?“

Es dauert keine halbe Stunde, da stehen Melli und ich mit einem gepackten Picknickkorb im Keller und holen unsere Fahrräder hoch. Ich kann es kaum abwarten, endlich das neue Fahrrad auszutesten. Das wird ein toller Frühlingstag!

Pause an einer kleinen Quelle

Die Strecke führt direkt am Main entlang und ist wunderschön. Auf der einen Seite fahren Schiffe mit winkenden Passagieren vorbei, auf der anderen Seite blickt man direkt ins Grüne. So eine Idylle, und das nicht einmal fünf Minuten von unserer Haustür entfernt! Schließlich kommen wir an einer kleinen Quelle vorbei, und Melli schlägt vor, hier eine Pause einzulegen. Vögel zwitschern in den Baumkronen und machen die Idylle perfekt. Im weichen Gras breiten wir dann unsere Decke aus.

„Na, mal sehen, was wir alles Leckeres dabeihaben“, sage ich zu Melli mit einem Grinsen, denn schließlich war ich diejenige, die den Korb gepackt hat. Ich greife in den Korb und hole Laugenbrezeln, geschnittenes Obst und selbst gebackene Himbeermuffins heraus. Melli schaut auf den Berg an Essen und lacht: „Ach, herrje! Nina, du packst immer so viel ein. Wenn wir davon nicht satt werden, dann weiß ich auch nicht.“ Ich brauche nichts zu sagen, denn wir wissen beide, dass das stimmt. Aber lieber zu viel Essen dabei als zu wenig, denke ich immer.

Nur wenige Sekunden später wird mir schwindelig. Vor meinen Augen dreht sich alles. Ich bin so überrumpelt, dass ich einen Moment brauche, um es zu realisieren. Melli entgeht dies nicht und misst mir direkt den Blutzucker. Irritiert sieht er mich an und sagt: „Der Wert ist im guten Bereich. Am Diabetes kann es auf jeden Fall nicht liegen.“

Mein Wert ist im guten Bereich? Das verstehe ich nicht. Was ist denn bloß los mit mir? In Gedanken versunken beiße ich in die Laugenstange in der Hoffnung, etwas Energie zu tanken. Minute um Minute vergeht, doch es ändert sich nichts. Jedes Mal, wenn ich versuche aufzustehen, wird mir schwindelig und ich muss mich wieder setzen.

Hilfe annehmen ist keine Schwäche

Plötzlich kommt ein Pärchen vorbei und bleibt vor uns stehen. Der Mann spricht uns an: „Entschuldigen Sie, wir haben die Szene gerade beobachtet und fragen uns, ob Sie Hilfe brauchen.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, redet er direkt weiter: „Wir haben einen Spaziergang gemacht. Unser Auto steht um die Ecke. Wenn Sie möchten, könnten wir Sie heimfahren.“ Sofort bemerkt er meinen Ärger, deutet ihn jedoch als Zeichen dafür, dass ich mich überrumpelt fühle. So fügt seine Frau hinzu: „Das ist wirklich kein Problem für uns. Wo wohnen Sie denn?“

Schließlich finde ich meine Stimme wieder und antworte etwas schnippisch und entschlossen: „Ich kann sehr wohl für mich selbst sorgen. Aber danke für Ihr Angebot.“ Für mich ist das Gespräch nun beendet. Was bilden die zwei sich denn ein? Denken sie, ich könne nicht auf mich aufpassen? Das kommt gar nicht infrage, dass ich heimgefahren werde. Was soll das denn? Ich soll mein neues Fahrrad hier stehen lassen?

So drehe ich mich zu Melli und sage: „Lass uns gehen, Melli.“ Um überzeugender zu wirken, füge ich hinzu: „Mir geht es schon wieder viel besser. Wir können weiterfahren.“ Mit diesen Worten richte ich mich auf, werde jedoch sofort eines Besseren belehrt, denn mich packt direkt wieder der Schwindel. Melli sieht mich streng an. „Dir geht es eben nicht wieder besser. Mach mir doch nichts vor, Nina! Komm, wir nehmen das Angebot von dem netten Paar an.“

Etwas liebevoller fügt er noch hinzu: „Sei doch bitte vernünftig. Das bringt doch sonst nichts.“ Zähneknirschend stimme ich schließlich doch zu, dass die zwei uns nach Hause bringen und ich das Fahrrad später abhole.


Es gibt Momente im Leben, da streikt unser Körper. Leider kann keiner planen, wann das passiert. So ergeht es auch Nina, die einen schönen Frühlingstag im Grünen mit Melli verbringen möchte, doch urplötzlich wird ihr schwindelig. Wichtig ist, dass es nicht schlimm ist, die Hilfe von anderen anzunehmen oder ärztlichen Rat einzuholen. Denn Hilfe anzunehmen, ist keine Schwäche, sondern es zeigt mir, dass ich die Grenzen des Körpers akzeptiere und verantwortungsvoll damit umgehe.


von Lena Schuster
E-Mail: redaktion@diabetes-online.de


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (5) Seite 46-47