Eine mehrmonatige Reise mit einem Bulli – und einem im Jahr 2019 diagnostizierten Typ-1-Diabetes, und zwar am 14. November, dem Weltdiabetestag: Dieses Experiment haben Hannah Effertz und ihr Freund Christian gewagt. Im Diabetes-Journal 9/2021 gab es den ersten Bericht, aber die Tour war damit noch nicht zu Ende. Hier kommt die Fortsetzung ihres Berichts über diese Reise.

Mit negativem Corona-Test und nach einem langen Stau an der Grenze waren wir endlich in Serbien angekommen. Hier verbrachten wir zunächst ganze zwei Wochen in der Region des Nationalparks Fruška Gora nahe der Stadt Novi Sad.

Auf der Suche nach der Impfung

Direkt nach Grenzübertritt fuhren wir in ein Einkaufszentrum in Novi Sad, da es dort kostenlose und terminfreie Impfungen auch für Nicht-Serben geben sollte. Also versuchten wir unser Glück und nahmen unsere Hündin Tüte in das durch ein Schild als „pet friendly“ gekennzeichnete Shoppingcenter mit. Kurz danach wurden wir von einem hektisch fluchenden Security-Mann in gelber Warnweste gestoppt. Tüte musste das erste Mal in ihrem Leben „fat-shaming“ auf Serbisch über sich ergehen lassen, denn anscheinend wurden hier die Hunde nach ihrem Gewicht beurteilt – und Tüte war mit ihren über 10 kg einfach zu schwer. Shame on her!

© Hannah Effertz

Also wartete ich mit ihr draußen, während Christian sich auf die Suche nach einer Impfung begab. Nach einer Weile kam Christian leider erfolglos wieder, da die Impfung von Menschen aus dem Ausland wohl eingestellt worden war. Ein paar Tage später versuchten wir unser Glück erneut und fuhren zu einer Messehalle in Novi Sad, in der ebenfalls terminfrei geimpft wurde. Leider wurden wir auch hier weggeschickt.

WWOOFing bei den Locals

Nach ein paar entspannten Tagen auf einem menschenleeren Eco-Campingplatz wollte ich für eine Woche bei einer serbischen Familie gegen Essen und Unterkunft auf dem Land arbeiten. Das Prinzip heißt „WWOOFing“ und bedeutet „World Wide Opportunities on Organic Farms“. Dabei geht es um den kulturellen Austausch, bei dem u. a. Fähigkeiten und Ideen geteilt werden und voneinander gelernt wird.

Also machten wir uns an einem regnerischen Tag auf den Weg in die hügelige Landschaft Fruška Goras, die engen und nassen Straßen hinauf. Google Maps versagte und schickte uns Wege entlang, die nicht für unser Auto gemacht waren. Einmal mussten wir eine steile Straße 30 Meter rückwarts zurückfahren, da es keine Wendemöglichkeit gab. Ein andermal war der Weg so steil und rutschig, dass wir gar nicht mehr hochkamen. Zum Schluss blieben wir auch noch im Schlamm stecken, schafften es aber zum Glück wieder heraus und rutschten die Straße wieder hinunter, ohne bremsen zu können.

Irgendwann rief mich unsere Gastgeberin an, holte uns mit ihrem Auto ab und zeigte uns den richtigen Weg. Die ganze Familie und die anderen Freiwilligen begrüßten uns herzlich und warteten mit einem leckeren, veganen Abendessen auf uns. Meiner Gastfamilie erzählte ich sofort vom Diabetes. Zum einen sollten sie im Notfall Bescheid wissen, was zu tun ist. Zum anderen sollten sie verstehen, warum ich bei der Arbeit Pausen machte und mich vor allen spritzte.

Besuch bei der Polizei

Am nächsten Tag wollte uns unsere Gastgeberin bei der Polizei anmelden, da man als Tourist eine Meldepflicht über seinen Aufenthaltsort hat. Dabei stellte sich heraus, dass uns der Campingplatz, bei dem wir zuvor waren, nicht angemeldet hatte. Im schlimmsten Fall drohte eine Geldstrafe oder Ausweisung aus dem Land. Also mussten wir persönlich bei der Polizei in Novi Sad vorstellig werden und unsere Lage erklären.

Nach zwei Stunden Warten und Diskutieren wurden wir endlich nachgemeldet und befanden uns legal im Land. Jetzt konnte ich endlich mit der Arbeit bei meiner Gastfamilie beginnen. Vormittags bespaßte ich die zuckersüßen Kinder, nachmittags unternahmen wir alle gemeinsam lange Spaziergänge in dem riesigen Wald oder chillten in einer gemütlichen, sehr hundefreundlichen Hippiebar.

Unwohl in der Rolle der „Schwachen“

Bei einer Wanderung musste die gesamte Truppe einmal auf mich warten, da ich eine leichte Unterzuckerung hatte. Alle waren sehr verständnisvoll, trotzdem fühlte ich mich in der Rolle der „Schwachen“ unwohl. Da meine Werte an dem Tag sehr niedrig waren und ich mit einigen Unterzuckerungen schon in der Nacht zu kämpfen hatte, verzichtete ich das erste Mal seit meiner Diagnose auf eine Aktivität wegen meiner Erkrankung.

Ja, man kann alles machen mit Diabetes, man muss es nur besser vorbereiten … Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich aber nicht gut vorbereitet, nicht sicher genug, in eine 70 Meter lange, dunkle Höhle zu kriechen, die teilweise nur einen Meter hoch und zudem noch sehr schlammig war. Was, wenn ich dort unterzuckerte? Das war mir einfach zu riskant. Das erste Mal verzichtete ich also auf etwas wegen des Diabetes.

Richtig eingestanden habe ich es mir erst ein paar Tage später und den anderen erzählte ich den Grund auch nicht. Warum? Ich möchte nicht noch „schwächer“ wirken, ich möchte nicht, dass alle immer fragen: „Geht es dir gut? Kannst du das auch essen/machen?“ Ich werde jede Minute an meine Krankheit erinnert und brauche nicht noch andere, die das zusätzlich tun, auch wenn es nur gut gemeint ist. Dafür freute ich mich das erste Mal über eine kleine Unterzuckerung, als wir in der Hippiebar eine Pause einlegten und ich mir ohne schlechtes Gewissen einen frisch gepressten Saft gönnen konnte.

Nachts brachten mich das Rascheln der Igel, das Bellen der Hunde, der starke Wind und Regen und die eine oder andere Unterzuckerung im Zelt um den Schlaf. Dafür war es umso schöner, morgens in der Sonne im Garten Yoga zu machen und Tüte einfach so laufen zu lassen. Denn abgesehen von den Katzen, die sich gut vor Tüte versteckten, freundete sie sich mit den beiden Hofhunden schnell an und genoss ihre Freiheit.

Tüte ist lebensbedrohlich erkrankt

Als Tüte nach etwa fünf Tagen bei der Familie nicht mehr von meiner Seite wich, entspannt den ganzen Tag schlief und nicht einmal mehr beim Anblick der Katze und des Tischtennisspielens bellte, dachte ich zunächst: Toll, sie ist endlich angekommen und hat sich an alles gewöhnt. Als sie dann aber am nächsten Morgen nicht mehr aufstehen wollte, wusste ich, dass etwas nicht stimmte.

© Hannah Effertz

Also fuhren wir zum Tierarzt in Novi Sad, der Tüte das Leben rettete. Nach einer Blutuntersuchung stellte er die Dia­gnose Babesiose, eine schnell tödlich verlaufende, von Zecken übertragene Krankheit. Der Tierarzt war zum Glück sehr kompetent und verabreichte ihr ein starkes Medikament, sodass es ihr abends von Minute zu Minute besser ging und sie am nächsten Tag schon fast wieder die alte Knalltüte war.

© Hannah Effertz

Wir verbrachten noch wundervolle Tage bei der Familie mit gutem Essen, viel Tischtennis und tollen Spaziergängen. Abends machte Christian mit den anderen Reisenden Musik. Uns wurde hier so viel Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft entgegengebracht. Auch die anderen Einheimischen, die wir bei alltäglichen Situationen kennenlernten, waren stets hilfsbereit und immer für ein Pläuschchen zu haben.

Belgrad zwischen Kriegsspuren und Moderne

In Belgrad verbrachten wir drei Tage in einem Hotel etwas außerhalb, von dem wir eine schöne Skatetour entlang der Fluss­promenade und einen Spaziergang durch die Altstadt unternahmen. Die Kriegsspuren sind noch deutlich zu erkennen, wenngleich viel neu gebaut wird. So bietet die hügelige Stadt, gelegen an der Donau und ihrem Nebenfluss Save, viel zu sehen und zu entdecken. Charmant empfanden wir die vielen Hausboote, die u. a. als Bars und Restaurants dienen. Abends gingen wir lecker essen und endlich mal wieder unter Menschen ein Bier auf der Außenterrasse eines Pubs trinken.

Klemmender Insulinpen

In letzter Zeit hatte ich immer wieder mit achterbahnfahrenden Glukosewerten zu kämpfen. Deswegen nutzte ich einen Regentag, um meine Basaldosis noch einmal zu checken. Meine Werte blieben stabil, an der Basaldosis lag es also nicht. Irgendwann stellte ich jedoch fest, dass sich die Menge des Basalinsulins nicht mehr richtig dosieren ließ, denn das Rädchen zum Herunterdrücken meines Mehrwegpens klemmte.

Also suchte ich eine Apotheke in Belgrad auf, um mir einen neuen Pen zu kaufen. Nach vielen Telefonaten musste mich die sehr hilfsbereite Apothekerin aber leider enttäuschen. Den Insulinpen, welchen ich nutze, gab es in Serbien nicht. Zum Glück hatte ich noch Einweg-Ersatzpens dabei.

Weiter ging es Richtung Süden. Neben den sehr guten Mautstraßen fuhren wir auch hoppelige Wege mit Schlaglöchern, welche das Spritzen während der Fahrt doch recht schwierig machten. Zitat Christian: „Bei den Straßenverhältnissen braucht es keinen Blitzer.“ Für die Nacht fanden wir einen kleinen Campingplatz, der ein traditionelles Restaurant, eine wunderschöne Bar und einen Minizoo hatte. Wir aßen sehr leckeres traditionelles serbisches Essen und genossen es, neben den Restaurantgästen mal wieder die einzigen Touristen zu sein.

Tara-Gebirge

Anschließend verbrachten wir einige Tage im Tara-Gebirge im Westen Serbiens. Wir fanden ein auf einem Hügel mitten im Wald gelegenes Hostel. Da wir erst am Abend ankamen und spontan die Besitzer anriefen, sagten sie uns, wo der Schlüssel versteckt war – und wir hatten das Hostel ganz für uns allein. Bei einer tollen Wanderung durch den Mischwald zu einem Aussichtspunkt konnten wir über den Fluss Drina bis nach Bosnien und Herzegowina schauen und wurden von einem Straßenhund aus dem Ort begleitet, was Tüte sehr freute. Bei einer Mountainbike-Tour schloss sich uns und Tüte wieder ein anderer Hund an.

Bei unseren Touren wollte ich meine Diabetestherapie bezüglich sportlicher Aktivitäten etwas verbessern. Deswegen verringerte ich sowohl die Basalinsulindosis als auch das zum Essen gespritzte Insulin. Die Touren sollten den halben Tag dauern und sehr anstrengend werden. Leider war entweder die Verringerung des Insulins zu stark oder die körperliche Anstrengung doch nicht so extrem wie erwartet, denn beide Tage lief ich mit Werten über 200 mg/dl (11,1 mmol/l) herum.

Bei so hohen Werten hatte ich kaum Energie, sodass die Touren sehr anstrengend für mich wurden. Trotzdem machten uns das Mountainbiken und auch die Wanderungen großen Spaß und wir genossen die wunderschöne Natur um uns herum. Da meine Werte auch abends noch nicht heruntergegangen waren, spritzte ich vorsichtig Korrektur. Leider schoss ich übers Ziel hinaus, sodass ich ziemlich schnell in eine Unterzuckerung rauschte, welche Tüte aber zu meiner Freude anzeigte. Es gab eine große Party!

Gewitter über mir

Nach aktiven Tagen in der wunderschönen Natur und netten Mensch- und Hundebekanntschaften verließen wir das Tara-Gebirge und fuhren weiter nach Zlatibor. Auf dem Weg braute sich dann ein Gewitter über mir zusammen. Das erste Mal seit meiner Diagnose hatte ich das Gefühl, keine Kraft mehr zu haben, um mich um meine Krankheit zu kümmern. Ich war sehr traurig, da meine Werte immer wieder so hoch waren und verrücktspielten.

Es machte mir Sorgen, es machte mir Angst, es kostete so viel Energie. Es ist ein 24-Stunden-Job. Ich muss realisieren, dass ich einfach nicht mehr gesund bin – das habe ich die ganze Zeit ein bisschen versucht, zu ignorieren. Aber es werden wieder bessere Tage mit mehr Motiva­tion und besseren Werten kommen.

Länger als geplant verbrachten wir fast eine Woche im Skiort Zlatibor, der weder durch den Baustellenlärm noch durch die vielen Touristen-Stände besticht. Eigentlich wollten wir hier nur die nächsten angekündigten Regentage in einem Luxushotel verbringen – mit superschönem Apartment, Sauna und Pool fast für uns allein, Restaurant mit leckerem Essen um die Ecke und umgeben von einer schönen Landschaft. Wir hätten es wirklich schlimmer treffen können …

Doch nach einem eigentlich leckeren Essen im Hotelrestaurant hatte Christian sich eine leichte Lebensmittelvergiftung eingefangen. Während er sich im Bett erholte, unternahm ich mit Tüte ausgedehnte Spaziergänge über die blumige Hügellandschaft, wurde neun Kilometer mit der längsten Gondel der Welt auf einen 1500 Meter hohen Berg transportiert und verbrachte die Abende in der gemütlichen Sauna mit riesigem Pool.

Unterzuckerung zur Unzeit

Bei einem Spaziergang mit Tüte zog sehr plötzlich ein richtiges Gewitter heran, Donner und Blitze waren direkt über uns. Das Hotel war eigentlich nicht weit, aber da mein Blutzucker gerade fiel und sich eine Unterzuckerung anbahnte, traute ich mir nicht mehr zu, die zehn Minuten zum Hotel zu rennen. Eine Unterzuckerung kommt natürlich immer dann, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann! Zum Glück befand sich ein Café in der Nähe, wo ich mir schnell eine Cola bestellte und Tüte und ich das Gewitter abwarten konnten.

Ich gönnte mir einen Pfannkuchen, der meine Werte natürlich in die Höhe schießen ließ (ja, ich weiß, eigentlich ist es sinnvoller, so etwas vor der körperlichen Aktivität zu essen). Auch Stunden später und trotz Korrekturspritzens sanken meine Werte nicht unter 250 mg/dl (13,9 mmol/l).

In Foren hatte ich gelesen, dass die Insulinempfindlichkeit und somit auch die Wirkung des Insulins bei hohen Werten reduziert sind, dieser Effekt aber durch körperliche Betätigung wieder umgekehrt werden kann. Also hieß es: im Hotel zehn Minuten die Treppen hinauf in den dritten Stock laufen und wieder herunter. Und siehe da, es funktionierte: Mein Blutzucker sank endlich nach Stunden wieder.

Zdravo (oder: Hallo) Montenegro!

Christian ging es zum Glück nach wenigen Tagen besser, sodass wir Zlatibor verlassen und weiter Richtung Süden fahren konnten. Der ursprüngliche Plan war eigentlich, Bosnien und Herzegowina zu bereisen. Da wir aber für die Einreise einen PCR-Test benötigten, was in Serbien wieder sehr viel Aufwand bedeutet und ca. 100 Euro pro Person gekostet hätte, entschieden wir uns, als nächstes Montenegro zu besuchen. Hier konnten Ausländer und Ausländerinnen, die mindestens die letzten 14 Tage in Serbien oder anderen Nachbarländern verbracht hatten, ohne Test einreisen.

Auf dem Weg zur Grenze besuchten wir eine riesige Tropfsteinhöhle, in die Tüte sogar mitdurfte, und ein Freilichtmuseum in Sirogojno, welches serbische Dörfer und das Leben der Leute im 19. Jahrhundert zeigt. Ein kleiner Spaziergang zu einem Aussichtspunkt am Canyon des Zlatarsees, bei dem wir jagende Greifvögel in der Luft beobachten konnten, rundeten den erlebnisreichen Reisetag ab.

Für die Nacht hatten wir ein Zimmer für 16 Euro über einem Restaurant auf dem Weg zur Grenze gefunden. Der Betreiber war wie alle Menschen, die wir kennenlernen durften, sehr freundlich und servierte uns leckeres Abendessen, wenngleich es hier als Vegetarier schwer ist, etwas anderes als Pommes und Salat zu finden – abgesehen natürlich von den leckeren Palatschinken.

Bei regnerischem Wetter fuhren wir am nächsten Morgen zur montenegrinischen Grenze, wo uns der Grenzbeamte nach einem kurzen Blick auf unsere Personalausweise freundlich mit „Hallo Christian, hallo Hannah“ begrüßte und uns passieren ließ. Wir fragten uns, warum die Polizei denn Quads benutzte, welches uns nach Grenzübertritt aber sofort klar wurde. Die Straße war ein mit Schlaglöchern versehener Schotterweg, mit unzähligen dürftig abgesperrten Baustellen. Und dann kamen auch noch die Nebelwand, der Regen und die kurvigen Bergstraßen hinzu, sodass wir uns langsam in Schritttempo zum nächsten Campingplatz wagten.

Deswegen soll man also nicht nachts in Serbien und Montenegro auf unbekannten Straßen fahren. Ein aufregender Start in ein neues Land!

Tara-Schlucht und Durmitor-Nationalpark

Wir fanden einen wunderschönen Campingplatz in den Bergen, von dem wir eine tolle Sicht auf die Schlucht mit dem Fluss Tara und auf die 1941 fertiggestellte Brücke (Đurđevića Tara) hatten. Die Brücke zu Fuß zu überqueren, war für uns schon aufregend genug, sodass wir eine angebotene Zip-Line-Fahrt über die Schlucht dankend ablehnten. Und – man wird es kaum glauben – wir trafen das erste Mal auf deutsche Touristen.

Am nächsten Tag fuhren wir weiter eine aussichtsreiche Panoramastraße entlang bis zu einem Campingplatz am Rand des Durmitor-Gebirges in der Nähe des Orts Zabljak. Auch hier wurden wir freundlich mit einem Sliwowitz begrüßt. Die Wanderungen, die wir hier unternahmen, boten uns atemberaubende Aussichten auf die noch schneebedeckten Berge und tiefen Täler: wunderschöne felsige Landschaften, durchzogen von Blumenwiesen, Seen und Nadelbäumen.

Auch hier durfte eine Mountainbiketour nicht fehlen. Diesmal reduzierte ich nur mein Bolusinsulin um 50 Prozent und startete mit einem steigenden Wert von 185 mg/dl (10,3 mmol/l). Nach gut einer Stunde Fahrt trank ich bei einem Wert von 120 mg/dl (6,7 mmol/l) ein paar Schlucke aus meiner Isolight-Flasche. Bis hierher hatte also alles gut funktioniert.

Die Tour schloss ich allerdings mit einem Wert von 285 mg/dl (15,8 mmol/l) ab. Ich war deutlich übers Ziel hinausgeschossen, da die Rückfahrt nicht besonders anstrengend war und ich wohl zu viel Zucker getrunken hatte. Also spritzte ich Insulin zur Korrektur, was mich anschließend in eine ordentliche Unterzuckerung rutschen ließ, welche mir Tüte aber zu meiner Freude wieder anzeigte. Wieder was dazugelernt.

Wir umfuhren das traumhafte Durmitor-Gebirge auf einer wunderschönen Panoramastraße und drangen immer weiter ins Landesinnere vor. Die Distanzen sind eigentlich nicht weit, aber durch die kurvenreichen Straßen und vielen Berge benötigten wir ein bisschen mehr Zeit, um das Land per Auto zu bereisen. Wir übernachteten mitten auf dem Land auf einem kleinen Campingplatz mit Restaurant, wo Christian, mutig, wie er nach seiner Lebensmittelvergiftung war, eine frisch aus dem Bach gefangene Forelle aß. Sie schmeckte fantastisch.

Zittrig bei normalem Wert

Weiter ging es die aussichtsreiche Küstenstraße bei der Bucht von Kotor entlang, wo wir die sehr alten Städte Perast und Kotor besuchten. Unter der Woche konnten wir entspannt durch die schmalen, schattigen Gässchen schlendern, am Wochende quetschen sich wohl ganze Touristenbusse durch die Orte. Schwitzend und bei über 30 °C erkundeten wir gerade Kotor, als ich feststellte, dass ich mich trotz eines stabilen Werts von 85 mg/dl (4,7 mmol/l) auf meinem Glukosesensor doch sehr zittrig fühlte.

Also kontrollierte ich meinen Blutzucker, der tatsächlich bei 59 mg/dl (3,3 mmol/l) lag. Die heißen Temperaturen schienen die Messgenauigkeit meines Sensors wohl zu beeinträchtigen. Dafür konnte ich mit Tüte unter Ablenkung trainieren und das anschließende Eis genießen.

Sonne, Strand und Schnorcheln

Wir fanden einen kleinen Campingplatz in der Bucht von Kotor, auf dem wir die nächsten Tage unter Feigen- und Olivenbäumen und den nun auch endlich hier eingetroffenen Sommer genossen. Direkt am Meer gelegen und mit eigenem Restaurant konnten wir uns mehrmals täglich abkühlen, schnorcheln gehen und abends lecker essen sowie mit Einheimischen und anderen Campern und Camperinnen Fußball gucken.

Das erste Mal auf unserer Reise schlich sich ein entspanntes Gefühl von Urlaub ein. Rumhängen und nichts tun, schnorchelnd im kühlen Meer treiben. Denn da es so warm und die Straße so heiß war, konnten wir keine Ausflüge mit Tüte machen, was uns nach der erlebnisreichen Zeit aber auch mal ganz recht war. Doch von dem Gefühl von Urlaub darf man sich als Mensch mit Diabetes bekanntlich nicht täuschen lassen. Als ich das erste Mal schnorcheln war, kam ich aus dem Wasser und prompt piepste mein Sensor. Nur eine leichte Unterzuckerung, aber mal wieder hatte ich eine körperliche Aktivität, die ich zum ersten Mal mit Diabetes machte, unterschätzt.

Früher ging es eben, spontan 20 Minuten ins Wasser zu springen und schwimmen zu gehen, ohne sich vorher bis auf den Sonnenschutz irgendwelche Gedanken zu machen oder Vorbereitungen zu treffen. Ab da checkte ich vor und regelmäßig während des Schnorchelns meinen Wert. Geht nicht, gibt’s nicht. Den Sensor musste ich nun zusätzlich mit einem Halter fixieren, da sich der Kleber nicht so gut mit Schweiß, Sonne, Salzwasser, Sonnenschutz und Mückenspray vertrug, was ich ihm nicht verübeln kann.

Zwischen Spinnen und Schlangen

Nach den entspannten Strandtagen machten wir uns auf den Weg zu einem alternativen, mitten in der Wildnis gelegenen Eco-Campinplatz in den Bergen in der Nähe des Ortes Bigova, wo ich eine Woche als Volunteer helfen und Christian an seiner Musik arbeiten wollte. Wer Angst vor Spinnen, Schlangen und sonstigem Kleinvieh hat, ist hier definitiv falsch. Es kreuchte und fleuchte überall, nachts heulten die wilden Schakale und morgens musste ich mir den Weg durch die neu gesponnenen Spinnennetze schlagen. Nirgendwo ging ich ohne meinen Stock hin. Beim Rascheln im Gebüsch war ich erleichtert, wenn es nur eine süße Landschildkröte und keine Schlange war.

Morgens weckte uns der Esel Trotro mit einem lauten „iah, iah“. Vormittags nutzten wir die warmen Stunden, um zu arbeiten. Danach verbrachten wir den heißen Nachmittag am Meer und erkundeten verschiedene Buchten. Während Tüte versuchte, die beiden Katzenbabys zu fressen, versuchte der Esel, Tüte zu attackieren – Karma eben. Aber auch auf mich war er nicht so gut zu sprechen. Als ich ihm einen Apfel und Wasser brachte und mich schon wieder von ihm entfernt hatte, nahm er Anlauf und attackierte mich mit zurückgelegten Ohren.

Mist, dachte ich, seine Leine ist 10 Meter lang und ich stehe vielleicht 5 Meter von ihm entfernt und habe keinen Stock in der Hand, mit dem ich mich hätte verteidigen können. In meiner Hand befand sich nur eine dicke Zwiebel, die ich gleich zum Kochen verwenden wollte. Entschlossen pfefferte ich Trotro die Zwiebel aus mittlerweile 2 Meter Entfernung gegen seinen Kopf. Volltreffer! Er blieb prompt stehen und schaute mich verdutzt an. Darüber musste er erst einmal nachdenken und ich kochte mein Essen ohne Zwiebel.

An einem Abend lernten wir, als wir gerade in der Bucht schwimmen waren, eine sehr freundliche Frau aus der Türkei kennen, die hier ihre Ferienwohnung hatte. Spontan lud sie uns auf Raki und Snacks zu sich ein, sodass wir den ganzen Abend zusammen tranken und den Sonnenuntergang über der Bucht von ihrem Balkon aus beobachten konnten. Das sind die schönen, spontanen Erlebnisse, die das Reisen ausmachen.

Ein alter Seefahrer

Wir verließen den Eco-Campingplatz und unsere neuen Bekanntschaften nach einem feucht-fröhlichen Abend in einem Fischrestaurant, wo wir den besten Fisch aller Zeiten aßen und bis spät in die Nacht mit dem Besitzer und dem Musiker selbstgebrannten Schnaps tranken. Es war wunderbar, das erste Mal nach über einem Jahr Live-Musik zu hören. Der Fisch war am selben Tag vom Besitzer gefangen worden, einem alten und so herzlichen Mann, dem man seine über 40 Jahre Seefahrt an jeder Stelle seines Körpers ansah.

Seine 12 Zentimeter lange Narbe von der Mitte seines Halses bis zum rechten Ohr lenkte von seinen einzigen zwei Zähnen ab, die er hin und wieder beim Lächeln zeigte, wenn Christian das von der Frau des Seefahrers fantastisch zubereitete Essen abermals zum Himmel lobte. Wir bekamen sogar zwei Stücke Kuchen, Zigaretten und eine Flasche Schnaps während des Abends geschenkt. Die Flasche war zum Glück noch nicht ganz leer, als uns der Besitzer anbot, in unserem Bulli vor seinem Restaurant auf dem Parkplatz zu übernachten.

Ein toller Abend, an dem ich aufgrund des vielen Alkohols brav mit einem späten Snack und einem hohen Wert von 300 mg/dl (16,7 mmol/l) ins Bett ging, um eine nächtliche Unterzuckerung zu verhindern. Am nächsten Morgen wachte ich mit einem ähnlich hohen Wert, dafür aber nicht verkatert, auf. Wasser und guter Schnaps, sage ich nur.

It’s getting hot in here …

Am nächsten Tag fanden wir einen sehr schönen und ruhigen Campingplatz etwas südlicher am Strand Buljarica. Bei Temperaturen über 38 °C mieteten wir uns Liegen und einen Schirm am Strand und fühlten uns mit der Aussicht auf das türkisblaue Meer wie in der Karibik. Die Hitze machte aber sowohl uns als auch natürlich Tüte zu schaffen, morgens um 7 Uhr waren es schon schwüle 30 °C und nachts kühlte es nicht mehr ab. Deswegen entschieden wir uns kurzerhand, statt weiter in den noch heißeren Süden wieder Richtung Norden zu fahren.

Das ist das Freiheitsgefühl, welches ich am Campingleben und Reisen mit dem Bulli liebe. Routen und Pläne können sich spontan ändern, wir fahren einfach dorthin, wo es uns hinzieht. Spontanität und Diabetes? Das widerspricht sich eigentlich. Um als Mensch mit Diabetes spontan sein zu können, muss man im Vorhinein mehr Aufwand und Zeit in seine Planungen investieren. Man ist „geplant spontan“, würde ich sagen. Dank der Kühlbox und guten Organisation können wir jederzeit mit dem Bulli hinfahren und stehen bleiben, wo wir möchten. Ich habe mir trotz Diabetes meine Spontanität – auch auf Reisen – zurückerobert.

Nach einem negativen Schnelltest und unproblematischen Grenzübergängen waren wir zurück in Kroatien und verbrachten ganze fünf Tage in Omiš, wo wir es aufgrund einer frischen Brise gut aushalten konnten. Wir unternahmen eine Bootstour auf dem Fluss durch den Cetina-Canyon und kühlten uns im glasklaren Wasser ab. Der Windsurf-Unterricht, welchen wir von der Campingplatz-eigenen Windsurf-Schule erhielten, machte uns riesigen Spaß. Bei leichtem Wind war es recht einfach, auf dem Board voranzukommen, was uns schnelle Erfolgserlebnisse brachte. Bei stärkerem Wind war es jedoch schon etwas schwerer, das Segel zu drehen und zu lenken.

Da auch dies eine neue Sportart für mich mit Diabetes war, aß ich ihm Vorhinein eine Sport-KE (Kohlenhydrateinheit) und kontrollierte meine Glukosewerte regelmäßig. Als es nach der zweiten Unterrichtsstunde hieß, dass wir weiter hinaus aufs Meer fahren, checkte ich noch einmal meinen Wert und trank ein paar schnelle Kohlen­hy­drate, damit ich auch ja nicht mitten auf dem Meer unterzuckerte. Alles funktionierte diesmal problemlos.

Meine Welt sind die Berge!

Nach insgesamt fast einem Monat am Meer, den wir sehr genossen hatten, verließen wir unseren letzten Stopp in Kroatien, die Halbinsel Murter mit ihren wunderschönen Buchten, und fuhren nach Slowenien in die Berge. In Bled auf einem großen, aber trotzdem ruhigen Familiencampingplatz verbrachten wir eine wunderschöne Zeit mit Christians Schwester und Neffen sowie Freunden. Wir bauten uns ein gemütliches Camp und gingen verschiedenen Aktivitäten nach wie Stand-up-Paddling auf dem Bleder See, im Pool Ball spielen, Lagerfeuer am Fluss machen, Grillen und vor allem die leckere Spezialität Kremesnita (ähnelt ein bisschen unserem Bienenstich) essen.

Wir genossen den Rasen unter unseren Füßen, das sonnige Wetter mit kühlen Temperaturen in der Nacht, den nahe gelegenen Fluss und vor allem die tolle Gesellschaft! Gemeinsam unternahmen wir viele verschiedene wunderschöne Wanderungen zu einer Hütte, zu einem Aussichtspunkt und durch Schluchten hindurch.

Bei der Wanderung zum Aussichtspunkt – wir legten ca. 500 Höhenmeter zurück – musste ich durchgängig Apfelschorle trinken und Gummibärchen essen, da nicht nur die Wanderung sehr anstrengend war, sondern ich auch meine Periode bekommen hatte. Ab dem ersten Tag meiner Periode ist mein Insulinbedarf viel geringer, sodass ich das Basal- und Bolusinsulin verringern muss und mit niedrigen Werten sowie einigen Unterzuckerungen zu kämpfen habe.

Die folgende Nacht verlief ähnlich, sodass ich mich am nächsten Morgen sehr schlapp fühlte. Die anderen hatten eine Mountain­bike­tour geplant, der ich mich sehr gern angeschlossen hätte. Da ich mich aber so energielos fühlte und nicht wollte, dass die anderen ständig meinetwegen Pausen einlegen mussten, verzichtete ich auf die Tour. Das ist ein blödes Gefühl, welches ich aber wahrscheinlich noch öfter erleben werde und womit ich lernen muss, umzugehen.

Weiter ging es mit einem Autozug durch die Berge nach Bovec ins Soča-Tal. Auf verschiedenen direkt am Fluss Soča gelegenen Campingplätzen verbrachten wir entspannte Wochen mit vielen Wanderungen entlang des Soča-Alpine-Trails und zu verschiedenen Wasserfällen. Der Fluss zählt nicht umsonst zu den schönsten Europas. Das türkisblaue, glasklare Wasser erfrischte sowohl uns als auch Tüte während der Wanderungen und ist ein Paradies für Wassersportler. Hier konnten wir unsere erlebnisreiche Reise ausklingen lassen.

Ein überwältigendes Gefühl

Mit einem Pflaster auf dem Arm sind wir nun zurück in Deutschland. Die Suche nach der Impfung hat uns schließlich wieder in unsere Heimat geführt. Ein überwältigendes Gefühl überkommt mich. Unsere gemeinsame Reise ist jetzt zu Ende – eine Zeit, in der wir aufregende, wunderschöne, anstrengende, emotionale und lustige Momente erlebt haben. Wir haben tolle Menschen kennengelernt und viele Herausforderungen zusammen gemeistert.

Während der Reise schien die Welt um uns herum stehen geblieben zu sein. Kein Alltag, keine Termine, keine Routine. Eine Zeit, die uns weder Diabetes noch Corona nehmen konnten. Etwas reisemüde freue ich mich aber auch auf unser Leben in Deutschland, ein Leben mit Diabetes, mit vielen neuen Abenteuern.

© Hannah Effertz

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von Hannah Effertz
Blog: diezuckertueten.blogspot.com
E-Mail: effertzhannah@­gmail.com


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2021; 70 (11) Seite 38-41