Die Kontrolle über das eigene Leben zu behalten ist für viele Menschen essentiell wichtig. Und auch beim Diabetes-Management geht es ja darum, seine Werte möglichst gut zu kontrollieren. Doch ab wann sollte man auch einmal loslassen dürfen? Darüber hat sich Alex Adabei Gedanken gemacht.

Ein Spaziergang durch unseren Ort. 4.000 Einwohner, viele Einfamilienhäuser. Vorgärten aus Stein – gepflastert, geschottert, mit Kies vollgeschüttet, in der Mitte eine einsame Zypresse. Pflanzen, Vögel, Insekten? Fehlanzeige.

Angst vor dem Kontrollverlust

Um was geht es hier? Ich denke: um Kontrolle. Hier soll nichts wachsen, nichts fliegen, nichts huschen, das nicht die ausdrückliche Erlaubnis dazu hat. Hier herrscht die Angst, die Angst davor, dass "die Natur" nicht mehr zu bändigen ist, nicht mehr beherrscht werden kann. Ein Garten ist nie "wilde", sondern geordnete Natur. Aber warum machen Menschen ihre Umwelt zu einer monotonen Steinwüste? Liegt es daran, dass die Welt für viele immer weniger übersichtlich wird? Kann eine bestens kontrollierbare Kiesfläche die Illusion schaffen, das Leben an sich beherrschen zu können?

Auch ich möchte mein Leben unter Kontrolle haben. Und wenn ich unter Stress stehe, geht mir Unordnung mehr auf die Nerven als sonst. Ich möchte dann aufräumen, die Kontrolle zurückgewinnen. Wie geht es Menschen, die mehrere Variablen in ihrem Leben ständig kontrollieren müssen?

Wie geht es Ihnen, die Sie jeden Tag mehrmals Ihre Zuckerwerte kontrollieren müssen, die Sie in gewissen Grenzen kontrolliert essen müssen und vielleicht auch ihr Maß an Bewegung kontrollieren und an die chronische Krankheit anpassen müssen? Das macht doch etwas mit jedem einzelnen Menschen, der mit Diabetes lebt, diese ständige Kontrolle?

Müssen wir nicht auch einmal loslassen dürfen?

Heute nutzen immer mehr Menschen mit Diabetes die Möglichkeit, mit Hilfe neuer Messsysteme jederzeit einen kontrollierenden Blick auf ihren Zuckerwert werfen und den Verlauf verfolgen zu können. Manche Nutzer kommen nicht damit zurecht, immer Bescheid zu wissen – und doch nicht die vollständige Kontrolle über die Reaktionen ihres Körpers erreichen zu können. Wie ist das: Wünschen sich viele Diabetiker die völlige Beherrschbarkeit ihrer Werte?

Ja, Kontrolle ist wichtig. Aber haben wir nicht die viel größere Kontrolle über unser Leben, wenn wir den Punkt kennen, an dem wir auch einmal loslassen dürfen? Ich denke, es ist wichtig, eine gute Balance zu finden zwischen Kontrolle und langer Leine – und im Garten dem prallen Leben eine Chance zu geben.

von Alex Adabei

Das Team für den guten Schluss: Dr. Hans Langer arbeitet als Arzt in einer Diabetesklinik, Jana Einser hat schon seit Kindertagen Typ-1-Diabetes und Alex Adabei hat viele Bekannte und Verwandte mit Typ-2-Diabetes. Sie schreiben abwechselnd für diese Kolumne.

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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2018; 67 (5) Seite 82