Beim Diabetesmanagement hängt viel vom eigenen Zutun der Patienten ab. Doch was sagt das Diabetesteam wenn man mit einem nicht ganz so idealen Zuckerverlauf in die Praxis kommt? Reagiert es mit Vorwürfe und Schuldzuweisungen oder zeigt es Empathie und Verständnis? Alex Adabei findet, dass nur letzteres zu einem positiven Ergebnis führt.

Fehler- und Krisenmanagement – puh, davon habe ich in letzter Zeit beruflich viel gehört. Und natürlich hoffe ich, dass ein solches Management nicht allzu oft nötig ist. Trotzdem ist es schlau, für den Notfall eine Struktur aufzubauen. Wer macht dann was? Welche Strategie ist die richtige?

Empathie? Oder Vorwürfe und Schuldzuweisungen?

Parallel dazu fällt mir auf, dass im letzten Diabetes-Journal viel über die Stoffwechselentgleisung und die Diabetes-Krise Ketoazidose geschrieben worden ist. Ganz schön praktisch, dass es genaue Fahrpläne für den Fall gibt, dass sich eine Ketoazidose anbahnt oder schon entwickelt hat.

Gut, dass die Werte selten so hoch steigen, dass diese Fahrpläne gebraucht werden. Aber zu „Fehlern“, zu Höhen und Tiefen, kommt es schon, oder? Was sagt der Diabetesberater, was die Ärztin, wenn Sie mit einem nicht ganz so idealen Zuckerverlauf in die Praxis kommen? Reagiert das Diabetesteam einfühlsam, oder gibt es Vorwürfe und Schuldzuweisungen?

Schlechtes Gewissen bringt keine positive Motivation hervor

Manche Ärztinnen wie die Kinderdiabetologin Dr. Simone von Sengbusch sind sich bewusst, dass ein schlechtes Gewissen keine positive Motivation hervorbringen kann. Im Projekt ViDiKi bietet sie Videosprechstunden für Familien an. Das spart Zeit – und hat weitere Vorteile: Die Familie hat, so von Sengbusch, ein „Heimspiel“, weil sie im geschützten Rahmen des eigenen Zuhauses mit der Diabetologin sprechen kann.

Außerdem werden die CGM-Daten schon vor dem Video-Termin an die Ärztin geschickt. Sie kann sich vorbereiten, und gerade wenn die Werte Grund zu Besorgnis geben, fördert das einen positiven Dialog.

Gemeinsam nach einer konstruktiven Lösung suchen

Der Grund dafür ist verblüffend, wie ich finde: Wie das Gespräch verläuft, hängt auch von der Mikromimik ab, also kleinsten Bewegungen im Gesicht. Erkennt die Familie einen Schreckmoment oder Ärger im Gesicht der Ärztin, wenn sie z. B. zu hohe Werte zum ersten Mal sieht, ist die Situation sofort angespannt.

Ist die Diabetologin vorbereitet, entgleisen die Gesichtsmuskeln nicht, und die Familie wird durch den Gesichtsausdruck nicht „beschämt“, so von Sengbusch. Das ist wichtig, weil Schuldgefühle nur selten Positives bewirken. So aber kann gemeinsam nach einer konstruktiven Lösung gesucht werden. Noch auf die allerkleinsten Bewegungen zu achten – das ist Fehlermanagement auf höchstem Niveau!


von Alex Adabei

Das Team für den guten Schluss: Dr. Hans Langer arbeitet als Arzt in einer Diabetesklinik, Jana Einser hat schon seit Kindertagen Typ-1-Diabetes und Alex Adabei hat viele Bekannte und Verwandte mit Typ-2-Diabetes. Sie schreiben abwechselnd für diese Kolumne.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (5) Seite 90