Um Typ-2-Diabetes und seinen Komplikationen vorzubeugen, müssen strukturelle Möglichkeiten für einen gesunden Lebensstil vorhanden sein, so fordert es die WHO. Unsere Kolumnistin Jana Einser findet jedoch, dass in unserer Gesellschaft wirtschaftliche Interessen noch immer viel zu häufig Vorrang vor der Gesundheit der Menschen haben.

Seit Wochen komme ich mir vor wie in einer verkehrten Welt. Kein Wunder, werden Sie sagen, das Corona-Virus hat ja alles auf den Kopf gestellt! Das stimmt, aber das allein ist es nicht.

Ein kleines Virus hat es geschafft, die Regierung Deutschlands und vieler anderer Länder dazu zu bringen, nahezu die komplette Wirtschaft lahmzulegen. Ich traue mir keine Beurteilung zu, ob das der einzig gangbare Weg war, um die Infektionsgefahr einzudämmen – aber interessant ist, dass es möglich zu sein scheint, die Interessen der Wirtschaft dem Artikel 2 Absatz 2 des Grundgesetzes „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“ unterzuordnen.

Muss uns das nicht zu denken geben, wenn wir an den von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Epidemie bezeichneten Typ-2-Diabetes denken? Die WHO-Forderungen sind eindeutig: Um Typ-2-Diabetes und seinen Komplikationen vorzubeugen, sind öffentliche und private Einrichtungen aufgefordert, für eine Zunahme des Wissens über die Erkrankung zu sorgen, mehr Möglichkeiten für mehr körperliche Bewegung zu schaffen und die Verfügbarkeit gesunden Essens zu fördern. Hinzu kommt die Forderung, dass Menschen nicht rauchen, um das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht weiter zu erhöhen.

Mit Letzterem beginnend: Warum darf die Zigarettenindustrie in Deutschland noch auf Litfaßsäulen für ihre Produkte werben? Hat hier womöglich die Wirtschaft doch Vorrang vor dem Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit? Warum dauert es so lange, bis Verbraucher auf Nahrungsmittelpackungen direkt erkennen können, ob ein Lebensmittel eher gesund oder eher ungesund ist? Und warum bleibt es den Herstellern weiterhin freigestellt, diese Angabe auf ihre Produkte zu drucken?

Warum werden immer mehr Grünflächen, auf denen sich Menschen bewegen können, bebaut? Warum bekommt „Grünen“-Vorsitzender Robert Habeck sofort von allen Seiten Gegenwind, wenn er einen Mindestpreis für Fleisch fordert – was wahrscheinlich den Verzehr reduzieren und damit das Klima und so auch die Gesundheit schützen würde? Dieser Art gibt es noch viele Fragen, die wir uns stellen müssen, wenn es um die Frage geht, wer Vorrang hat: die Gesundheit – oder doch die Wirtschaft?


von Jana Einser

Das Team für den guten Schluss: Dr. Hans Langer arbeitet als Arzt in einer Diabetesklinik, Jana Einser hat schon seit Kindertagen Typ-1-Diabetes und Alex Adabei hat viele Bekannte und Verwandte mit Typ-2-Diabetes. Sie schreiben abwechselnd für diese Kolumne.

Erschienen in: Diabetes-Journal, 2020; 69 (7) Seite 84