Ramona (27) reist sehr gern und sehr viel. Im Internet hat sie sogar einen eigenen Blog, in dem sie immer wieder über ihre Reisen (und auch über ihren Typ-1-Diabetes) berichtet. Und genau in dem Zusammenhang ist sie diskriminiert worden: Als sie auf der Pflichtexkursion zum Abschluss ihres Studiums in Marokko erkrankte, warf man ihr wüste Behauptungen an den Kopf.

Zum ersten Mal Erfahrungen mit Diabetes und Diskriminierung musste ich beim Sportunterricht in der siebten Klasse machen. Sicher, vorher war man mal auf dem einen oder anderen Kindergeburtstag nicht eingeladen, weil die Eltern des Geburtstagskindes dachten, man dürfe keinen Kuchen essen.

Geballtes Unwissen der Sportlehrerin

Doch bei besagtem Sportunterricht wurde ich zum ersten Mal mit geballtem Unwissen, gepaart mit absoluter Beratungsresistenz, konfrontiert: Die Sportlehrerin, nicht mehr ganz die Jüngste, war felsenfest der Überzeugung, Sport wäre gut bei Diabetes. Punkt. Was ja auch grundsätzlich der Fall ist – allerdings wollte die Lehrerin mich auch bei viel zu hohen oder viel zu niedrigen Werten zwingen, am Sportunterricht teilzunehmen. Denn Sport ist ja gut bei Diabetes.

Dass es da einen Unterschied gibt zwischen Typ 1 und Typ 2, dass Stoffwechselentgleisungen in beide Richtungen gar gefährlich sein können – sowohl meine Eltern als auch ich stießen auf taube Ohren. Bis zum Direktor ging es, selbst auf diesen wollte sie nicht hören, und ich wurde schließlich für das komplette Schuljahr vom Sportunterricht befreit.

Die Jahre gingen ins Land: Schule, Berufsausbildung, Studium – ich machte die Erfahrung, dass das Verständnis für den Diabetes und seine Auswirkungen auf den Alltag mit den Jahren eher wuchs und hatte eigentlich nie Probleme. Jedenfalls nicht bis zum Ende meines Studiums.

Studium: die Pflichtexkursion nach ­Marokko …

Ich entschloss mich für Geographie als Studienfach. Eine Pflichtexkursion am Ende des Studiums ist notwendig, um den Abschluss zu erreichen – so weit ja kein Problem, ich reise sehr viel und quasi schon immer mit Diabetes im Gepäck. Das Los entschied, und es ging für mich nach Marokko.

Die ersten Tage verliefen normal; zwar wäre etwas mehr Planung wünschenswert gewesen, und das unbekannte marokkanische Essen hielt mich und meinen Diabetes ordentlich auf Trab, doch das sind die Herausforderungen, die man als Diabetiker auf Reisen nun mal hat. Jedoch ein paar Tage vor Ende der Exkursion änderte sich alles …

… und plötzlich der Infekt!

Plötzlich bekam ich sehr hohes Fieber, zusätzlich konnte ich mich nicht von der Toilette, geschweige denn vom Hotelzimmer entfernen. Auch nach drei Tagen trat keine Besserung ein – im Gegenteil, es wurde immer schlimmer. Aufgrund des Infekts, der hohen Belastung für den Körper und der Tatsache, dass ich weder Nahrung zu mir nehmen noch bei mir behalten konnte, waren meine Blutzuckerwerte jenseits von Gut und Böse. Jeder Diabetiker, der bereits mit einem Infekt zu tun hatte, weiß, wie schnell sich so etwas zu einer lebensbedrohlichen Ketoazidose entwickeln kann.

Nun reise ich, wie schon gesagt, wirklich viel – dadurch kann ich auch entscheiden, wann sich etwas nicht mehr im normalen Rahmen bewegt. Und dies war hier definitiv der Fall. Aufgrund der mangelnden diabetologischen Versorgung im Land (wir waren sehr viel im ländlichen Raum unterwegs) und der Tatsache, dass ich in meinem Zustand keine 10-stündige Busfahrt in die nächste Stadt überstanden hätte, fällte ich eine Entscheidung: Ich werde die Exkursion abbrechen. Meiner Gesundheit zuliebe – mit meinem Zustand war mittlerweile nicht mehr zu spaßen.

Statt Verständnis wüste Behauptungen und Drohung mit Rechtsabteilung

Nun sollte man denken, bei Dozierenden, die für den Ablauf der Exkursion und das Wohl der Studenten gewissermaßen verantwortlich sind, trifft man in solch einem Fall auf Sorge oder wenigstens Verständnis – zumal ich vorher extra Aufklärungsarbeit in Sachen Diabetes geleistet hatte. Doch was passierte, übertrumpfte alles, was ich bisher in Sachen Unverständnis erlebt hatte.

Mir wurden die wüstesten Behauptungen an den Kopf geworfen: Ich solle mich nicht so anstellen; hier hätte es jeder mal mit dem Magen. Sogar mit der Rechtsabteilung der Universität wurde gedroht, wenn ich wegen „so einer Lappalie“ die Exkursion abbrechen würde. Ich könne ja einfach ein paar Tage allein im Hotel bleiben und anschließend der Gruppe mit dem Zug hinterherreisen. Selbstredend brach ich trotzdem ab, da sich mein Zustand weiterhin verschlechterte und sich gerade ein Flughafen in der Nähe befand, zu dem ich allein aufbrach.

Zurück in Deutschland suchte ich sofort einen Arzt auf. „Die kleine Magen-Darm-Geschichte“, deretwegen ich mich „nicht so anstellen“ sollte, stellte sich als eine schwerwiegende Infektion heraus, die dem Gesundheitsamt gemeldet wurde und von Anfang an im Krankenhaus hätte behandelt werden müssen – auf einer Rundreise-Exkursion in Marokko absolut unmöglich. Da die eigentlich nötige Behandlung nicht von Anfang an stattgefunden hatte, war ich ab dann vier Wochen krankgeschrieben, um mich erholen zu können und meine Werte wieder in den Griff zu bekommen.

„Den Diabetes als Vorwand …“: bitte?!

Nun muss man solche Krankheitsgeschichten wohl ab und zu im Leben einfach mal durchstehen, mit Diabetes ist sowieso alles langwieriger, und der Fokus soll hier auch gar nicht auf der Infektion an sich liegen – sondern auf dem Verhalten von Dozenten und Kommilitonen. Von allen Seiten wurde mir vorgeworfen, ich würde nur simulieren, hätte keine Lust auf die Exkursion, würde den Dia­betes als Vorwand nehmen, um nicht an Aktivitäten teilnehmen zu müssen.

Ich kann über derartige Anschuldigungen nur den Kopf schütteln – denn vor allem mir wäre es am wichtigsten gewesen, dass alles glatt läuft. Das kann aber gerade mit Dia­betes nicht immer garantiert werden. Auch im Nachhinein, als ich das Kranksein als Abbruchgrund ärztlich nachweisen konnte, kam weder von Dozierenden noch von meinen Mitstudierenden eine Entschuldigung, welche ich durchaus erwartet hätte. Wenn eine Krankheit nicht sichtbar ist, scheint sie in den Augen anderer nicht vorzuliegen. Die anderen denken offenbar, man sei gar nicht richtig krank.

Zwei Dinge daraus gelernt

Gezeigt hat es mir auf jeden Fall zwei Dinge: einerseits, wie viele Vorurteile, wie viel Unwissen und Ignoranz immer noch über Typ-1-Diabetes vorhanden sind und wie wenig Verständnis für die Herausforderungen mit einer chronischen Krankheit im Alltag vorhanden ist. Andererseits: Empathie ist etwas, was einem auch ein akademischer Grad nicht bringen kann – und dass nicht nur meine Sportlehrerin aus der siebten Klasse ihr Verhalten gegenüber ihren Mitmenschen dringend überdenken sollte.


von Ramona Stanek
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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2019; 68 (4) Seite 44-46