Ramona war im Herbst auf Kuba. Oldtimer, Männer mit Hüten, tanzende Frauen: Die Klischees im Kopf, fand sie durchaus Widersprüchliches vor – und traf natürlich nicht nur eine Person, die wie Ramona selbst verdächtige Pflaster oder irgendwelche Clips am Hosenbund trugen.

Ich atme ein, der schon vertraute Geruch nach Dieselabgasen und Zigarrenrauch steigt in die Nase. In meiner Hosentasche brummt mein Handy und lässt mich mit einem ebenfalls vertrauten Geräusch wissen: Mein Glukosewert ist zu hoch. Werde ich das fremde Essen im Ausland jemals berechnen können? Ich drücke den Alarm weg, lasse das Handy in die Tasche gleiten und widme mich wieder Havanna. Es ist Urlaub. Ich bin auf Kuba. Der Diabetes muss jetzt mal kurz warten.

„Und, Kuba? Ist es so, wie man es sich vorstellt?“ – so oder so ähnlich lautet die Frage, die ich schon während meiner Reise oft gestellt bekam. Wenn denn das kubanische Internet, das man immer noch per Karte nach Minuten bezahlt, die Nachrichten aus der Heimat geladen hat, versteht sich. Ist es so? Ja und nein.

Insulin und Zubehör in mindestens doppelter Ausführung

Kuba – man denkt an Männer mit weißen Hüten, eine Zigarre zwischen den Zähnen, die in ihren Oldtimern glamourös gekleidete Frauen die Uferpromenade Malecón entlangkutschieren. Bunte Häuserfassaden, Salsamusik aus jeder Ecke. Die romantisierte Version von Kuba findet man, ja, aber bestenfalls in der touristisch geprägten Altstadt von Havanna, wo so gut wie jeder Oldtimer mittlerweile als Taxi dient.

Außerhalb der Touristenbezirke, wo wir unsere Casa Particular (eine von Privatpersonen geführte Unterkunft) beziehen, bietet sich ein anderes Bild: Armut. Auch wenn Kuba sich langsam öffnet, merkt man deutlich, dass man sich in einem sozialistischen Land befindet. Im einen Moment freue ich mich darüber, weder McDonald’s noch die austauschbaren Werbeplakate zu sehen; im nächsten Moment erschrecke ich, wenn die Regale im Supermarkt einfach leer sind. Diabetestechnisch bedeutet dies für mich vor allem: noch mehr Vorbereitung als sonst!

Während ich mich sonst gern durch die „Hypohelfer“ in fremden Ländern futterte, habe ich für Kuba mindestens so viele Fruchtriegel und Traubenzucker dabei wie Klamotten. Insulin und alles andere Zubehör ist natürlich auch in mindestens doppelter Ausführung dabei – im Fall eines Verlusts bin ich mir wirklich nicht sicher, wie ich das auf Kuba lösen sollte. Und überhaupt, wie lebt es sich als Mensch mit Diabetes auf Kuba?

Keine Insulinpumpen und wenige Insulinsorten auf Kuba

Kaum lade ich die ersten Urlaubsfotos auf den sozialen Medien hoch, ploppt eine Nachricht in meinem Instagram-Postfach auf: „Hey, welcome to my country! Hope you like it!“ (Willkommen in meinem Land! Ich hoffe, es gefällt dir!) – und die Frage, was das Ding an meinem Arm ist auf dem Foto? Dani ist 18 und lebt seit ihrem vierten Lebensjahr mit Diabetes.

Einen Sensor zur kontinuierlichen Glukosemessung hat sie keinen, dafür ein modernes Blutzuckermessgerät, erzählt sie mir – und dass sie gern eine Insulinpumpe hätte. Die gibt es aber nicht auf Kuba. Grund: das Handelsembargo. Dafür wäre Insulin verhältnismäßig günstig, aber es gibt nur wenige Sorten. Verwandte aus anderen Ländern schicken ihr regelmäßig schnellwirkendes Insulin und Teststreifen (Mangelware). Kein Wunder, dass ich später am Flughafen bei der Ausreise angesichts meines Medikamentenvorrats in verwirrte Gesichter blicke.

Das Gespräch mit Dani macht mir wieder bewusst, wie viel Glück wir in Deutschland mit der medizinischen Versorgung haben. Mein schlechtes Gewissen sagt: Andere wollen unbedingt eine Insulinpumpe haben, können aber nicht – und ich trage meine aus dem simplen Grund nicht, weil sie mich stört.

Sie heißt Sarah, ist Kanadierin …

Andere Menschen mit Diabetes finden Urlaub mit Pumpe anscheinend weitaus weniger problematisch als ich, wie ich einige Abende später im Hotel feststelle: Jemand hat da so ein verdächtiges Pflaster am Arm und irgendwas an den Hosenbund geclipt. Jackpot! Sie heißt Sarah und ist Kanadierin, wir tauschen uns kurz über unsere Erfahrungen aus und freuen uns beide, eine andere Diabetikerin in freier Wildbahn gesehen zu haben.

Nach zwei Wochen mit dem Bus quer durchs Land, über Cienfuegos, Trinidad, Santa Clara und Varadero zurück nach Havanna … und mit viel, viel Traubenzucker stehe ich wieder in Havanna und lade meinen Backpack in einen klapprigen Moskvich, der mich zum Flughafen bringen soll. In meiner Tasche vibriert der CGM-Alarm wieder – und auch, wenn der Dia­betes keinen Urlaub macht: Die Erfahrungen auf einer Reise sind mir jedes Blutzuckerchaos wert!


von Ramona Stanek
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Erschienen in: Diabetes-Journal, 2020; 69 (1) Seite 46-47