Auf der EASD-Tagung, dem größten internationalen Diabeteskongress der Welt, wurde eine riesige Überraschung präsentiert: Ein neues Medikament für Typ-2-Diabetiker lieferte bislang einzigartige positive Ergebnisse!

Der größte internationale Diabeteskongress der Welt fand vom 14. bis 18. September in Stockholm statt: Die Europäische Gesellschaft für Diabetesforschung (EASD) traf sich zu ihrer 51. Jahrestagung. Teilnehmer aus über 120 Ländern diskutierten neueste Ergebnisse der Diabetesforschung. Vorab berichten wir hier in Auszügen über den Kongress aus gegebenem, sensationellem Anlass. Den kompletten Artikel gibt es im Diabetes-Journal, Ausgabe November (Erscheinungstermin: 30. Oktober 2015)

Riesenüberraschung: bahnbrechende Studie mit Empagliflozin

Die Firmen Boehringer Ingelheim und Eli Lilly bieten gemeinsam das Medikament Empagliflozin unter dem Handelsnamen Jardiance an. Das Medikament gehört zu der neuen Gruppe der SGLT2-Hemmer. Diese Medikamente hemmen das Enzym in der Niere, das dafür zuständig ist, den Urin zuckerfrei zu halten. Der Zucker geht mit dem Urin verloren, Blutzucker und Blutdruck sinken und man nimmt an Gewicht ab. Jetzt wurde auf dem EASD Meeting die erste große Langzeitstudie mit diesem Medikament vorgestellt.

4687 Menschen mit Typ-2-Diabetes nahmen 2,6 Jahre das Medikament, 2333 ein Scheinmedikament. Alle Patienten hatten neben dem Diabetes zusätzlich schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen (vorausgegangener Herzinfarkt, koronare Herzerkrankung, Schlaganfall, instabile Angina oder periphere arterielle Durchblutungsstörungen). Der Blutzucker wurde in der Gruppe mit dem Medikament über den Zeitraum der Studie gemessen am HbA1c ca.um 0,5 Prozent gesenkt, der Blutdruck um ca. 5 mmHg. Die mit dem Medikament Behandelten nahmen um etwas über 2 kg ab.

Brausender Beifall: Sterberate sinkt unter Empagliflozin

Als die Ergebnisse vorgestellt wurden, erhob sich in der Halle großer Beifall. Nur 39 Menschen mussten behandelt werden, um einen Todesfall im Laufe der Studie zu verhindern, dies hat noch keine der vielen Diabetestabletten zeigen können. Die Sterberate sinkt um 32 Prozent und die Häufigkeit von Krankenhauseinweisungen wegen Herzinsuffizienz ist um 32 relative Prozent geringer.

In der Diskussion war man sich einig, daß jetzt Menschen mit Diabetes und erheblichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen dieses Medikament bekommen sollten. Auch bei Patienten mit Diabetes und ohne schwere Kreislauferkrankungen wird man eine Gabe dieses Medikaments erwägen und weitere Studien durchführen.

Unklar ist noch, warum es zu der in diesem Ausmaß völlig unerwarteten günstigen Wirkung kommt – noch viel Forschungsbedarf haben wir vor uns, um dies zu klären. Für die Betroffenen ist das aber nicht so wichtig – Hauptsache, das Medikament hilft.

Im Vergleich zur Wirkung: wenig Nebenwirkungen!

Nur eine Nebenwirkung ist wirklich erheblich: weil mehr Zucker im Urin ist, kommt es ganz besonders bei Frauen häufiger zu Entzündungen im Genitalbereich. Keime wie der Candida Pilz gedeihen besser, wenn sie mehr Zucker bekommen. Zu solchen Infektionen kam im Laufe der Studie ungefähr bei jeder zehnten Frau. Gemessen daran, daß die Gesamtzahl der Todesfälle deutlich verringert wird, ist dies eine zwar lästige aber vertretbare Nebenwirkung.

Weiterhin kann es wegen der erhöhten Urinzuckerausscheidung zu häufigerem Wasserlassen kommen – also keinen Mittelplatz im Theater buchen! Urinzuckerselbstkontrolle wird bei Gabe von SGLT 2 Hemmern sinnlos, weil schon bei normalen Blutzuckerwerten Glukose im Urin ausgeschieden wird.

Und wir können sagen: wir sind dabei gewesen

Selten werden so wichtige neue Studien der Diabetesforschung vorgestellt. Die 7000 Diabetologen, die 1998 die Ergebnisse der UKPD Studie in Barcelona anhörten, erzählen heute noch davon. Die Kongressteilnehmer in Stockholm werden sich noch lange an diesen Vortrag erinnern. Endlich gibt es ein Medikament, das in einer großen Studie bei Menschen, die sowohl Diabetes als auch Herz- Kreislauferkrankungen haben, nicht nur den Blutzucker senkt, sondern auch in kurzer Zeit deutlich Todesfälle an Herz- Kreislauferkrankungen vermindert – eine herausragende Entdeckung.


von Dr. med. Viktor Jörgens und Dr. med. Monika Grüsser
The European Association for the Study of Diabetes (EASD)
Rheindorfer Weg 3, 40591 Düsseldorf
Tel: 0211-758 469 0, Fax: 0211-758 469 29
E-Mail: secretariat@easd.org