Wegen des Streits über die Kennzeichnung von Lebensmitteln wird Iglo, Hersteller von Tiefkühl-Lebensmittelprodukten, den Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft (BLL) verlassen. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) begrüßt diese Entscheidung.

Das Unternehmen Iglo hat angekündigt, aus dem Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft BLL (Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V.) auszutreten. Gründe dafür seien laut Unternehmensangaben eine „fehlende strategische Ausrichtung auf die Herausforderungen der Zukunft der Branche und die Vernachlässigung der Bedürfnisse von mittelständischen Branchenmitgliedern“.

Mitgliedschaft im Branchenverband erscheint Iglo nicht mehr sinnvoll

Im Zuge der Debatte um eine Einführung einer Lebensmittelkennzeichnung sind grundsätzliche Defizite in der Ausrichtung des Verbandes zutage getreten“, so Antje Schubert, Vorsitzende der Geschäftsführung von Iglo Deutschland, „so dass eine Mitgliedschaft unseres Unternehmens nicht mehr sinnvoll erscheint.“

Die Haltung und Vorgehensweise des BLL seien mit den Wertvorstellungen einer verantwortungsvollen und an den Bedürfnissen der Verbraucher ausgerichteten Lebensmittelwirtschaft nicht vereinbar. Mit dem Austritt möchte Iglo ein deutliches Signal setzen und hofft, dass dieser Schritt eine überfällige, brancheninterne Debatte um die Zukunftsausrichtung auslösen wird.

DDG: BLL hat „Zeichen der Zeit in Sachen gesunde Ernährung verschlafen“

Zur Ankündigung des Herstellers Iglo, den Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft BLL (Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e. V.) zu verlassen, kommentiert Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG):

„Wir begrüßen die Entscheidung von Iglo, nicht länger einen Verband zu unterstützen, der die Zeichen der Zeit in Sachen gesunde Ernährung verschlafen hat. Der BLL profiliert sich bislang als Verhinderer vieler wissenschaftlich empfohlener Maßnahmen zur Eindämmung von Übergewicht. Dies wurde zuletzt deutlich bei der Diskussion um den Nutri-Score, der ebenfalls nicht vom BLL unterstützt wird, obwohl bereits fünf deutsche Hersteller, darunter Iglo, das Kennzeichnungssystem eingeführt haben oder dies planen.“

„Iglo zeigt, dass es auch anders geht und die Lebensmittelindustrie Teil der Lösung sein kann und will. Für den BLL muss dies ein Weckruf sein, seine Blockadehaltung in Sachen gesunder Ernährung aufzugeben. Ein konkreter Schritt wäre die Unterstützung des Nutri-Scores als europäische Lösung einer verständlichen Lebensmittelkennzeichnung.“

Symbolpolitik, unzeitgemäß, kein offener Dialog – diese Punkte kritisiert Iglo am BLL

Die Kritik von Iglo am Gebaren des BLL macht das Unternehmen konkret an drei Punkten fest:


1. Der BLL betreibe Symbolpolitik – speziell beim Thema Europa:

Zwar würde in einer aktuellen Kampagne des Verbands ein klares Bekenntnis zu Europa gefordert, gleichzeitig sperre sich der BLL aber vehement gegen eine gesamteuropäische Lösung bei der Lebensmittelkennzeichnung und setze lieber auf eine rein nationale, deutsche Lösung. Dieser Widerspruch sei „ein industriepolitisches Armutszeugnis“.

Hier finden Sie das Statement des Unternehmens zu diesem Punkt im Wortlaut.


Symbolpolitik anstelle eines aktiven, europäischen Gestaltungswillens
Die deutsche Wirtschaft und ebenso die deutsche Lebensmittelwirtschaft ist fest in Europa verankert und profitiert von einem Binnenmarkt. Einer der Gründe ist der der sukzessive Abbau von nationalen Schranken und der Aufbau von effizienten, länderübergreifenden Lösungen. Davon profitieren insbesondere die mittelständischen Lebensmittelunternehmen.

Die aktuelle BLL-Kampagne #Helden für Europa („Lebensmittelwirtschaft fordert klares Bekenntnis zu Europa“) kann jedoch nur als Symbolpolitik bezeichnet werden, wenn gleichzeitig bei der Lebensmittelkennzeichnung eine rein nationale, deutsche Lösung vorgeschlagen wird. Eine deutsche Einzellösung bedeutet für die Unternehmen im internationalen Kontext zusätzlichen Verwaltungsaufwand, eine höhere Kostenbelastung und einen unnötigen Erklärungsaufwand für deren Vermittlung an die Verbraucher.
„Der Widerspruch der Aktionen des BLLs ist ein industriepolitisches Armutszeugnis für die Lebensmittelindustrie“, so Schubert, „und konterkariert den Weg, den die meisten Mitgliedsunternehmen bereits heute aktiv gehen.“ Die Erwartung an einen Branchenverband sei, dass er über den Tellerrand blicke und auch europäische Lösungen im Interesse aller Mitglieder vorantreibe.


2. Der BLL verharre im Gestern statt gesellschaftliche Veränderungen mitzugestalten:

Anstatt auf die Wünsche der Verbraucher einzugehen und den gesellschaftlichen Wandel zu berücksichtigen und mitzugestalten, arbeite der BLL lediglich daran, die Bestandsinteressen der Lebensmittelindustrie zu verteidigen und zu bewahren: „Wer heute glaubt, dass man Themen ‘politisch wegmoderieren‘ könne, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt“, moniert Iglo-Sprecherin Schubert.

Hier finden Sie das Statement des Unternehmens zu diesem Punkt im Wortlaut.

Verharren im Gestern anstelle einer Mitgestaltung von gesellschaftlichen Veränderungen
„er BLL ist in den konkreten Aktivitäten darauf fokussiert, die (Bestands-)Interessen der Lebensmittelindustrie ausschließlich zu verteidigen und zu bewahren. Wesentliche gesellschaftliche Veränderungen werden weder aufgenommen, noch übernimmt der BLL als Sprachrohr der Branche eine Gestaltungsposition im Sinne einer gesellschaftlichen Verantwortung der Lebensmittelindustrie ein.

„Das wichtigste Kapital von Lebensmittelunternehmen ist Vertrauen“, so Schubert weiter. „Die Menschen in unserer Gesellschaft gewinnen wir als Branche nur mit Antworten auf ihre (neuen) Fragen. Wer heute glaubt, dass man Themen ‘politisch wegmoderieren‘ könne, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt.“
Ein Verband sollte auch der Zukunft gerecht werden und den gesellschaftlichen Wandel berücksichtigen – und auf dieser Basis bestehende Positionen korrigieren. Das Beispiel der vielfachen medialen Formate i. S. „die Tricks der Lebensmittelindustrie“ zeige deutlich die Herausforderungen der Branche auf. Um einem generellen Vertrauensverlust der Branche entgegenzuwirken, bedarf es mutiger, gegebenenfalls unbequemer, neuer Schritte.
Wenn die maßgeblichen Akteure im BLL dies nicht erkennen, schaden sie ihren eigenen Mitgliedern und nicht zuletzt der Reputation der Lebensmittelindustrie.


3. Im BLL fänden kleine Mitgliedsunternehmen kein Gehör:

Der Verband betriebe eine Art der „Hinterzimmerpolitik“, bei der nur die großen Akteure über die Aktivitäten und Entscheidungen bestimmen. Das Thema der transparenten Lebensmittelkennzeichnung sei beispielsweise nicht ergebnisoffen mit allen Mitgliedern diskutiert worden; vielmehr stand die BLL-Position sc hon fest, ohne dass gegenteilige Meinungen und Ansichten gehört und berücksichtigt wurden.

Hier finden Sie das Statement des Unternehmens zu diesem Punkt im Wortlaut.


Kleine Mitgliedsunternehmen finden kein Gehör anstelle eines offenen Dialogs
„Die Lebensmittelwirtschaft lebt von der Vielfalt – sowohl beim Produktangebot, als auch hinsichtlich der Einstellungen und Meinungen der Mitglieder. Leider ist die BLL-Kultur geprägt von einer Art der „Hinterzimmerpolitik“. Dort entscheiden die großen Akteure über die Aktivitäten und Entscheidungen. Ein aktiver Dialog mit dem führenden deutschen Tiefkühlkostunternehmen oder thematisch betroffenen Akteuren gehört nicht zum Alltag.

So kommt es dazu, dass beispielsweise das Thema einer Lebensmittelkennzeichnung nicht ergebnisoffen, sondern bereits vorgeprägt behandelt wird. „Wir hätten uns gewünscht, dass iglo im Vorfeld einer Entscheidung zu einem BLL-Vorschlag für einen nationalen Alleingang hinsichtlich einer deutschen Nährwertkennzeichnung eingebunden worden wären“, so Antje Schubert. „Hier wurden Befürworter gezielt ausgegrenzt. Ein solches Verhalten ist für einen Branchenverband unwürdig.“
Ein derartiges Thema hätte zwingend eine Debatte mit den betroffenen Unternehmen bedurft, so dass zumindest die unterschiedlichen Positionen innerhalb eines verbandsinternen Dialogs Gehör finden können.“
Wenn die maßgeblichen Akteure im BLL dies nicht erkennen, schaden sie ihren eigenen Mitgliedern und nicht zuletzt der Reputation der Lebensmittelindustrie.


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