Hypoglykämien stellen für die meisten Menschen mit Diabetes und deren Angehörige eine deutliche Belastung im Leben mit Diabetes dar. Wie sie damit umgehen, ist sehr unterschiedlich, wie diese Beispiele von Betroffenen zeigen.

Unterzuckerungen (Hypoglykämien, „Hypos“) sind besonders für Menschen mit Diabetes, die Insulin spritzen, eine nicht gänzlich zu vermeidende Nebenwirkung der Insulintherapie. Dies zeigen die Ergebnisse von Studien mit der kontinuierlichen Glukosemessung (CGM), wonach bei einer guten Einstellung alle paar Tage – bei manchen Menschen auch fast täglich– mehr oder weniger lange Phasen mit niedrigen Glukosewerten auftreten. Hypoglykämien sind nicht schön, unterbrechen die Alltagsroutine und können gefährlich werden. Und sie können Angst machen, manchmal sogar große Angst. Auf der anderen Seite sind Unterzuckerungen auch der unvermeidliche Preis für gute Glukosewerte. Wie also damit umgehen?

Die verschiedenen Facetten von Hypoglykämien

In meiner Arbeit als psychologischer Psychotherapeut mit Diabetespatienten in einer Diabetesfachklinik habe ich erlebt, dass Menschen sehr unterschiedliche Strategien haben, mit Hypo­glyk­ämien zurechtzukommen. Es gibt Menschen, die völlig locker damit umgehen, während sich andere kaum trauen, aus dem Haus zu gehen.

Während einige viel zu wenig Angst vor Unterzuckerungen haben und die damit verbunden Risiken ausblenden, haben andere so viel Angst, dass diese sich wie ein Schatten über ihr ganzes Leben legt. Manchmal kommt die Angst davon, dass tatsächliche schwere Unterzuckerungen aufgetreten sind oder es bereits bedrohliche Situationen aufgrund von Hypoglykämien gab. Bei anderen ist es die Angst vor der Angst – schon die Vorstellung, dass Hypoglykämien auftreten könnten, reicht aus, um Angst zu empfinden.

Für wieder andere ist das Gefühl einer Unterzuckerung, wenn plötzlich alles so leicht wird und das Leben wie hinter einer Milchglasscheibe verschwindet, gar nicht so unangenehm. Und nicht wenige verleiben sich schon bei den ersten Anzeichen einer Unterzuckerung panisch sehr viele – viel zu viele – KEs/BEs ein, um sicherzugehen, dass die Glukosewerte nur ja ganz schnell wieder ansteigen. Oft zu dem Preis deutlich erhöhter Glukosewerte nach einer Hypo. Auch sehr unterschiedlich: Während einige Paare im Umgang mit Unterzuckerungen ein gutes Team sind, gibt es bei anderen bei diesem Thema immer wieder Konflikte, Auseinandersetzungen und gegenseitige Vorwürfe.


Hans hat Angst

Hans (43 Jahre hat seit 26 Jahren Typ-1-Diabetes, Insulinpumpentherapie) sagt von sich, er sei eigentlich kein Angsthase. Früher sei er sogar einmal drei Monate durch Afrika gereist, ohne dass ihm etwas passiert wäre und er Angst gehabt hätte. Aber die Hypoglykämien sind für ihn eine andere Sache: Da hat er Angst – oft und manchmal sogar so stark, dass er oft abends lieber zu Hause bleibt, wenn seine Freunde etwas unternehmen. Oder er auch nicht mehr gerne vereist. Früher war das anders, da konnte er sich auf seine ersten Anzeichen einer Unterzuckerung verlassen. Heute merkt er sie fast nicht mehr oder so spät, dass er kaum mehr reagieren kann.

Hans möchte weniger beschwert leben und seine Hypoglykämien wieder früher und besser merken. In unserer Klinik besucht er einen Kurs mit Übungen zur Hypoglykämie-Wahrnehmung. Begeistert ist er von der Möglichkeit einer Pumpe mit integriertem CGM, die bei niedrigen Werten die Insulinzufuhr unterbricht. Und ich vermittle ihm das wichtigste Prinzip der Angstbehandlung: sich der Angst bewusst in angstauslösenden Situationen zu stellen. Das probiert er aus, und wir erarbeiten einen Plan, wie er die Angst besiegen kann – vielleicht auch mit Hilfe eines Therapeuten zu Hause. Hans’ Ziel: ein Campingurlaub in Norwegen mit viel Natur und wenig Angst.


Bettina, nicht ganz so locker!

Bettina ist 24 Jahre alt und hat seit kurz nach der Geburt Typ-1-Diabetes. Seit ihrem Abitur reist sie viel, lebt von Jobs in einer Galerie und will später etwas mit Kunst machen. Sie experimentiert viel und lebt sehr spontan. Das hat in Sachen Diabetes seinen Preis. Ihre Diabetologin seufzt immer, wenn sie die Glukosewerte von Bettina sieht: Bei der hohen Variabilität der Glukosewerte könne sie kein Muster erkennen, es ist ein einziges Durcheinander mit vielen Hypo- und Hyperglykämien. Nach einer schweren Unterzuckerung kommt sie zu uns in die Klinik, noch sichtlich mitgenommen von dem Ereignis.

Bettina erzählt, dass sie sehr wohlbehütet aufgewachsen sei. Der Diabetes habe immer eine sehr große Rolle gespielt. Diese empfundene Enge habe sie nicht mehr ausgehalten und sich dagegen aufgelehnt. Mehr und mehr wurde ihr der Diabetes egal. Je mehr die Eltern dies kritisierten, desto wichtiger wurden Partys, Alkohol und manchmal Drogen. Zum Diabetologen sei sie nur noch gegangen, um Insulin und Teststreifen abzuholen. Jetzt habe sie aber eine nette und verständnisvolle Diabetologin gefunden. Wir haben eigentlich wenig über Diabetes gesprochen, sondern mehr über Ihre Wünsche und Ziele. Ich war ganz erstaunt, als sie mich fragte, was ich von einem Studium hielte – Lehramt mit Schwerpunkt Kunst. Am Ende redeten wir auch über ihren Diabetes und die schwere Hypoglykämie. Ich denke, dass Bettina es schafft, langsam erwachsener zu werden – vielleicht mit Hilfe ihrer Diabetologin, der ich auf Bettinas Wunsch von unseren Gesprächen berichte.


Moderne Technik hilft Rainer

Rainer ist ein rüstiger Rentner (78 Jahre) und lebt seit dem Tod seiner Frau vor fünf Jahren allein in einem kleinen Dorf. Er fühlt sich dort wohl und ist über die regelmäßige Grabpflege auch seiner verstorbenen Frau nahe. Seit 20 Jahren hat er Typ-2-Diabetes, seit 12 Jahren spritzt er Insulin. Bislang hatte er keine großen Hypoglykämie-Probleme, aber nach einem Ausflug mit dem Gesangsverein passierte es: Er bekam nachts eine schwere Unterzuckerung und konnte erst nach Stunden seine Tochter anrufen, die den Notarzt alarmierte. Jetzt drängen seine Kinder ihn, in ein Seniorenheim in ihrer Nähe umzuziehen. Das möchte Rainer aber nicht.

Rainer hat nach dem Vorfall mit seinem Diabetologen und der Diabetesberaterin gesprochen: Was er tun könne, um zu Hause bleiben zu können und mehr Sicherheit vor Unterzuckerungen zu bekommen? Nach einer Auffrischungsschulung entscheidet er sich mutig für die Flash-Glukose-Messmethode (FreeStyle Libre). Er ist begeistert von den Trendpfeilen, die eine Hypoglykämie-Gefahr anzeigen. Er benutzt sogar die Auswertungssoftware und schickt seinen Kindern seine Werte. Auch die Idee, einen Hausnotruf zu beantragen, findet er gut. All das beruhigt seine Kinder sehr.


Herbert will etwas ändern

Herbert ist 41 Jahre alt und hat schon seit 35 Jahren Typ-1-Diabetes. Er hatte schon viele schwere Unterzuckerungen, besonders in seiner Sturm- und Drangzeit, häufig in Verbindung mit Alkohol. Herbert hat sich darüber bisher nicht so viele Sorgen gemacht. Es ist ja alles immer gut ausgegangen, immer ist er nach einem Notarzteinsatz oder im Krankenhaus wieder aufgewacht. Schön fand er das nicht, aber Angst vor Unterzuckerungen hat er keine – ganz anders seine Partnerin, die darunter sehr leidet und bereits damit gedroht hat, die Beziehung zu beenden, weil sie nicht mit ansehen könne, wie leichtsinnig Herbert mit seinem Diabetes umgeht. Sie hat vor Hypoglykämien viel mehr Angst als er selbst.

In den Gesprächen mit Herbert versuche ich zu verstehen, warum er so wenig selbstfürsorglich ist. In seiner Familie herrschte ein sehr rauer Umgangston; als Kind hat er sich mit dem Diabetes oft allein gefühlt. Der Diabetes war ihm lästig; er hat sich nicht gut darum gekümmert. Jetzt hat er erste Folgeschäden und keine Lust, dass aufgrund seines Umgangs mit dem Diabetes seine Beziehung scheitert. Plötzlich zeigt sich Herbert eher ängstlich und verzweifelt: Was soll werden, wenn ihn seine Lebensgefährtin verlässt oder er wegen der vielen Hypoglykämien und der Folgeschäden seine Arbeit verliert? Ich bitte ihn, die Sorgen und Ängste seiner Partnerin aus ihrer Perspektive zu schildern. Schnell wird klar, dass sie sich wirklich um ihn sorgt! Im nächsten Gespräch erzählt Herbert von Mitpatienten, die ganz anders mit ihrem Diabetes umgehen. Im Stillen denke ich mir: Herbert ist bereit, sein bisheriges Verhalten auf den Prüfstand zu stellen. Warum? Weil ihm plötzlich bewusst wurde, was er gewinnen kann, wenn er anders mit seinem Diabetes und den Hypos umgeht. Er will es!


Max, der „Hypo“-Surfer

Max ist 35 Jahre alt, verheiratet und seit zwei Jahren Vater von Zwillingen. Seit seinem 16. Lebensjahr hat Max Typ-1-Diabetes. Vor kurzem hatte er in einer Hypoglykämie einen Verkehrsunfall, bei dem er nach einer 10 Kilometer langen Fahrt, an die er sich gar nicht mehr erinnern kann, am Mittelstreifen einer Umgehungsstraße durch die Leitplanken gestoppt wurde. Sein Führerschein wurde erst einmal einbehalten.

Max belastet der Vorfall sehr; er braucht das Auto für seine Arbeit. Viel schlimmer trafen ihn aber die Vorwürfe seiner Frau Anja: Was wäre passiert, wenn seine Kinder im Auto gewesen wären? Wegen seiner laxen Einstellung zu Hypoglykämien hat Anja immer Angst, wenn Max mit den Zwillingen unterwegs ist. Max räumt im Gespräch mit mir ein, dass an den Vorwürfen durchaus etwas dran sei. Unterzuckerungen hat er bisher gar nicht als bedrohlich empfunden; niedrige Glukosewerte fühlen sich für ihn eher angenehm an: Die Welt um ihn herum wird langsam weniger wichtig, er fühlt sich lebendig und authentisch, nimmt Farben und Gerüche intensiver wahr. Er genießt das Gefühl, bevor er etwas isst oder trinkt … Bis zu dem Unfall habe er das immer kontrollieren können. Max bittet mich, mit ihm einen Plan zu entwerfen, damit so etwas nicht wieder vorkommt. Er erzählt Anja von seinen Vorsätzen, und ihre Erleichterung ist mit Händen zu greifen.


Karin beruhigt sich

Karin (62 Jahre) hat seit 10 Jahren Typ-2-Diabetes und noch nie eine schwere Unterzuckerung gehabt, nur einige leichte, die sie aber alle rechtzeitig bemerkte und sofort behandelte. Aber seit sie seit zwei Jahren Insulin spritzt, hat sie vor möglichen Hypoglykämien eine Höllenangst. Allein durch die Vorstellung davon bekommt sie Panik. Daher achtet sie peinlich darauf, dass die Glukosewerte immer ein wenig höher sind als notwendig, was sich in ihrem HbA1c-Wert von 8,6 Prozent widerspiegelt. Auch schränkt sie ihre Freizeitaktivitäten (z. B. Radfahren) ein, von denen sie denkt, dass damit ein zu hohes Risiko für Unterzuckerungen verbunden ist.

Karin schildert im Gespräch, dass an dem Tag, an dem sie in der Praxis das erste Mal gespritzt hat, ein Patient im Sprechzimmer eine Unterzuckerung bekommen und relativ derangiert im Stuhl gesessen habe. Das hat ihr Angst gemacht und sie hat sich ausgemalt, wie es wäre, wenn sie keine Kontrolle mehr über sich habe und in der Öffentlichkeit auffalle – was eigentlich ihre größte Befürchtung ist. Daher testet sie nie in der Öffentlichkeit und isst öffentlich auch keine Zwischenmahlzeiten. Wir verabreden, dass sie erst im geschützten Rahmen der Klinik und dann in der Stadt im Café einmal ihren Blutzucker testet. Außerdem soll sie ihre Mitpatienten fragen, wie sie es handhaben. Karin berichtet, dass es ihr geholfen hat, über den Diabetes und die Hypoglykämien zu sprechen. Sie erzählt auch, dass sie sich lange gegen das Spritzen gewehrt hat, weil erst dadurch der Diabetes offensichtlich und für sie zu einer „richtigen“ Erkrankung wurde. Jetzt habe sich eine „Bremse im Kopf“ gelockert – und das wirke sich auch auf ihre Einstellung gegenüber Hypoglykämien aus. „Außerdem merke ich ja meine Unterzuckerungen und fühle mich mit guten Werten viel fitter.“ Ihr letzter Satz lässt mich optimistisch zurück: „Ich gehe die ganze Sache jetzt einmal gechillter an, wie meine Enkel sagen würden.“


Schwerpunkt Unterzucker erkennen und vorbeugen

von Prof. Dr. phil. Bernhard Kulzer
Diabetes Zentrum Mergentheim,
Forschungsinstitut Diabetes-Akademie Bad Mergentheim (FIDAM),
97980 Bad Mergentheim


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2018; 67 (11) Seite 16-19