Im letzten Artikel des Titelthemas geht es um die Therapie der Hyperhidrosis. Hier gilt für Patient und Arzt im übertragenen Sinn: Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Der Arzt muss wissen, welche Hyperhidrosis-Form vorliegt – und der Behandelte braucht Geduld, Vertrauen und auch Mut.

Für Patienten mit einer vermehrten Schweißneigung gelten ganz generell einige allgemeine und hygienische Maßnahmen:

  • Genussgifte meiden oder reduzieren: Kaffee, Tee, Alkohol, Cola, Nikotin, ebenso scharfe Gewürze
  • heiße Speisen und Getränke meiden
  • die Kleidung sollte keine schweißhemmenden Kunstfasern enthalten, sondern vorwiegend aus Baumwolle, Leinen, Viskose und Wolle bestehen
  • bei den Schuhen sollten Gummi-, Kunststoff- oder Holzsohlen vermieden werden; Priorität haben Schuhe, die im Oberleder und auch bei der Sohle Leder verwenden
  • die Socken sollten aus kochbarer Baumwolle bestehen und täglich gewechselt werden
  • die gesamte Hautsollte täglich mit Syndet oder Deoseife gewaschen und es sollten die Axillar- und Genitalhaare regelmäßig entfernt werden
  • großzügiger Gebrauch von Deodorants; Deodorants enthalten als wesentliche Bestandteile Parfümöle, antiseptische Zusätze und Geruchs-Absorber und überdecken damit den Schweißgeruch
  • zur Ökonomisierung der Schweißsekretion: regelmäßiger Ausdauersport und Saunabesuche

Entspannung und Psychotherapie …

Bei Patienten mit einer emotionalen Hyperhidrosis sind Entspannungsverfahren und psychotherapeutische Methoden Grundpfeiler einer erfolgreichen Therapie. Psychopharmaka zur Beruhigung und Entspannung sind dagegen nicht angezeigt. Ob Antidepressiva bei einer schweren emotionalen Hyperhidrosis zur Anwendung kommen sollten, ist umstritten und kann nur die Ausnahme bleiben.

… eventuell Gewicht reduzieren, Sauna

Bei der temperaturregulierenden Hyperhidrosisgilt es, möglicherweise vorhandenes Übergewicht zu reduzieren, um die Wärmedämmung durch das dickere subkutane Fettgewebe zu verringern. Menschen mit diesem Problem profitieren vor allem von regelmäßigem Ausdauersport und Saunabesuchen (einmal pro Woche).

Bei der Lokaltherapie kommen Gerbstoffe, Metalle und auch Formaldehyd zur Anwendung. Alle diese Präparate haben die Gemeinsamkeit, dass sie stark schweißhemmend wirken, indem sie die Ausführungsgänge der Schweißdrüsen durch Eiweißgerinnung verschließen.

Rezeptur 1
Wässrige Aluminiumchlorid-Hexahydrat- Lösung 10 %Aluminiumchlorid-Hexahydrat10,0 ggereinigtes Wasser/Aqua purificata auffüllen bis100 g

Rezeptur 2
Aluminiumchlorid-Hexahydrat-Gel 10 %Aluminium-Hexahydrat10,0 gHydroxyethylzellulose 4005,0 ggereinigtes Wasser/Aqua purifcat auffüllen bis100 gBei Hyperhidrosis axillaris abends vor dem Schlafengehen aufpinseln, nach Besserung der Hyperhidrosis bei Bedarf.

Wer sehr stark unter den Achseln schwitzt, sollte die schweißhemmenden Substanzen (Antitranspiranzien) zur Nacht auftragen, da die Schweißsekretion bei der emotionalen Hyperhidrosis in der Tiefschlafphase aufgehoben ist. Zwei von uns verwendete Rezepturen finden Sie rechts.

Auch wir wissen, dass die Aluminiumpräparate in letzter Zeit wegen ihrer Nähe zu Brustkrebs und Alzheimer-Krankheit in die Kritik gekommen sind; aber da wir bei der axillären Hyperhidrosis eine schlagartige Besserung durch Einsatz obiger Aluminiumrezeptur beobachten und in der Regel schnell auf die 1-mal wöchentliche Anwendung umsteigen können (eine dauerhafte tägliche Anwendung entfällt also), halten wir obige Risiken für kalkulierbar.

Wirkungsvolle Präparate … mit Nebenwirkungen

Bei der im gesamten Körper ansetzenden Therapie werden pflanzliche Präparate (Sweatosan) und Präparate wie Sormodren und Vagantin verordnet. Das Salbeipräparat Sweatosan wird nur bei einer milden Hyperhidrosis empfohlen, da es bei stärkerem Schwitzen Patienten in seiner Wirkung eher enttäuscht. Sormodren und Vagantin sind Anticholinergika: Sie hemmen die Wirkung des Transmitters Acetylcholin – die Schweißdrüsen werden also weniger von den Nerven angeregt. Sie sind deshalb bei jeder schweren Form der Hyperhidrosis sehr wirksam.

Die Präparate beeinflussen aber auch die Speichel- und Tränensekretion und gehen gelegentlich mit Anpassungsstörungen der Pupillen und mit vielen anderen, teils sehr unangenehmen Nebenwirkungen einher. Sie müssen einschleichend gegeben werden. Damit kann die Verträglichkeit deutlich gesteigert werden. Bei Störungen der Blasentätigkeit, Herzrhythmusstörungen und einem Glaukom darf man diese Präparate nicht nehmen.

Gegen schwitzende Hände und Füße

Die Domäne in der Therapie der Hyperhidrosis der Hände und der Füße ist die Leitungswasser-Iontophorese (großes Foto Seite 27). Hände und Füße werden auf flache, mit lauwarmem Wasser benetzte Elektroden in zwei Wannen gelegt. Über diese Elektroden fließt bei der Behandlung ein schwacher Gleichstrom (Hände ca. 10 – 15 mA und Füße 20 – 25 mA). Der Patient empfindet bei ordnungsgemäßer Anwendung meist nur ein Kribbeln/Prickeln an den Händen oder Füßen.

Eine Besserung der Beschwerden kann unter dieser Therapie bei mehr als zwei Drittel der Patienten erwartet werden. Auch die Behandlung von Kindern (aber nicht unter 6 Jahren) ist möglich. Wer eine Spirale (Empfängnisverhütung), Fremdmaterial nach Knochenbrüchen oder einen Herzschrittmacher in sich trägt, darf die Therapie nicht machen.

Star in der Behandlung: Botulinumtoxin A

Star in der Behandlung des örtlich starken Schwitzens in Achselhöhlen, an Füßen, Händen und Stirn ist die Injektion von Botulinumtoxin A: Dadurch wird die Ausschüttung von Acetylcholin verhindert – und somit die durch Nerven übertragene Stimulation der Schweißdrüsen unterbrochen. Die Wirkung des Botulinumtoxins setzt um den 3. Tag nach Zuführung ein. An den Schweißdrüsen der aufgeführten Körperregionen hält der Effekt 6 bis 12 Monate an. Bei Schwitzen durch bestimmte Nahrungsmittel wirkt Botulinumtoxin länger. Nach Abklingen des Effektes sind weitere Injektionen notwendig.

Die Nebenwirkungsrate dieser Injektionstherapie ist bei sachgerechter Anwendung gering. Eine vorübergehende Muskelschwäche ist möglich, wenn das Präparat in Muskelnähe zugeführt wird. Sind z. B. kleine Handmuskeln betroffen, so ergeben sich Probleme bei der Feinmotorik. Einzelheiten der Therapieform müssen im Vorfeld mit dem erfahrenen behandelnden Arzt besprochen werden.

Operative Therapie der Hyperhidrosis

Auf die operative Therapie der Hyperhidrosis kann nur am Rande eingegangen werden: Sie ist für die schwersten Formen der Hyperhidrosis reserviert, die sich anderen Therapieoptionen verschlossen haben und bei denen ein sehr hoher Leidensdruck der Patienten besteht.

Zu nennen sind die subkutane Schweißdrüsenentfernung durch Fettabsaugung (Liposuktion) und Abschabung der Schweißdrüsen (Schweißdrüsenkurettage), das Herausoperieren der Schweißdrüsen (Schweißdrüsenexzision) und die Ausschaltung der Nervenversorgung der Schweißdrüsen durch Blockade von Nervenknoten entlang der Wirbelsäule.

Und zum Schluss berichten wir Ihnen noch, wie die Geschichten unseres Musikers, der Lehrerin und des Kochs ausgingen:

Der Musiker

Die emotionale Hyperhidrosis des Musikers haben wir mit einer Leitungswasser-Iontophorese der Hände und psychotherapeutisch behandelt. Nachdem er erkannt hatte, dass bei ihm eine "Angststörung der Hände" vorlag, ergab sich der dauerhafte Erfolg durch ein klärendes Gespräch mit seinem neuen Chefdirigenten.


Die Ex-Lehrerin

Die kompensatorische Hyperhidrosis der Lehrerin haben wir erstaunlicherweise mit einem Salbeipräparat bessern können. Eine niedrigdosierte Behandlung mit den im Text beschriebenen Anticholinergika hat sie nicht vertragen, sie bekam Nebenwirkungen. Darüber hinaus konnten wir sie zu einem altersgerechten Ausdauersport überreden. Und regelmäßige Saunagänge im unteren Temperaturniveau haben sie mit den Besonderheiten ihrer Schweißsekretion vertraut gemacht und versöhnt.


Der Koch

Den Koch haben wir bewegen können, sein Gewicht zu reduzieren und mit einem Ausdauertraining zu beginnen. Damit konnten wir den temperaturregulierenden Anteil seiner Hyperhidrosis bessern. Eine Behandlung mit einem Anticholinergikum entfiel, da bei ihm eine Vergrößerung der Prostata bekannt war. Den konditionierten Anteil seines gustatorischen Schwitzens wollten wir durch eine Verhaltenstherapie beeinflussen; leider war er nicht zu dieser Therapie bereit.

Wir veranlassten deshalb eine Behandlung mit Botulinumtoxin A im Stirnbereich. Danach besserte sich sein vermehrtes Schwitzen auf der Stirn über mehrere Monate deutlich. Er wollte sich jedoch nicht dauerhaft Wiederholungsinjektionen mit Botulinumtoxin A unterziehen, so dass er letztlich seinen Beruf aufgab. Inzwischen hat er eine Umschulung durchlaufen und ist Lkw-Fahrer bei einer großen Spedition.

Schwerpunkt: Tabuthema Schwitzen

von Prof. Dr. med. Reinhard Zick
Medicover Osnabrück
Möserstrasse. 4a
49074 Osnabrück
der.chef@mac.com


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2018; 67 (1) Seite 27-29