Im Herbst letzten Jahres wurde durch den Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses die kontinuierliche Glukosemessung (rtCGM) für insulinpflichtige Diabetiker eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Auch übernehmen immer mehr Kassen die Kosten für ein FGM-System, so dass mehr Menschen mit Diabetes die "unblutige Zuckermessung" durchführen können. Doch profitieren von diesen neuen Technologien auch diejenigen, die seit Jahrzehnten mit ihrem Diabetes leben?

Seit 1964 die ersten Teststreifen zum Ablesen des Blutzuckergehalts zur Verfügung standen und 1969 das erste Blutzuckermessgerät auf den Markt kam, wurde die Behandlung des Diabetes revolutioniert. Die Geräte entwickelten sich im Laufe der Jahre immer weiter – sie wurden kleiner, leichter, schneller und benötigen heute deutlich weniger Blut.

Messgeräte: von 1-kg-Kaventsmännern zu 40-g-Geräten

Im Vergleich: 1977 wog ein gängiges Blutzuckermessgerät etwa 1 kg, verfügte über ein analoges Zeigerfenster, das nach einigen Minuten ein Ergebnis anzeigte, benötigte 20 µl Blut und kostete 700 DM (eine sporadische Kostenübernahme durch die Krankenkassen erfolgte erst ab 1987). Heute wiegt ein gängiges Blutzuckermessgerät etwa 40 g, nach wenigen Sekunden und mit nur 0,3 µl Blut wird das digitale Messergebnis angezeigt, und die durchschnittlichen Kosten von 50 € werden von den Kassen übernommen.

Die Blutzuckermessung ist seit nun 40 Jahren eine vertraute und bewährte Strategie, um den Glukosegehalt zu bestimmen. Die wachsende Selbstbestimmtheit in der Behandlung des Diabetes und die eigenständige Interpretation der gemessenen Werte sind für die meisten Langzeitdiabetiker Routine im täglichen Leben.

Neu ist für viele aber noch die kontinuierliche Glukosemessung (CGM). Die auf diese Weise erfassten Werte müssen andersartig interpretiert werden, da ein CGM-System nicht unmittelbar den aktuellen Blutzuckerwert anzeigt, sondern den Glukosewert in der Gewebsflüssigkeit.

CGM – statt Blutzucker wird „Gewebezucker“ gemessen

Damit ist dieser etwa 10 – 15 min "älter" als der im Blut gemessene Zuckergehalt. Berücksichtigt man diese Verzögerung und lernt die angezeigten Trendpfeile sowie zurückliegende Glukoseverläufe für die eigene Therapieanpassung zu nutzen, kann dies die Diabeteseinstellung kurz- wie langfristig optimieren.

Bislang unsichtbare Verläufe, z. B. in der Nacht oder während körperlicher Aktivitäten, werden nun sichtbar gemacht und erlauben eine daran angepasste Reaktion.

Umfassende Einweisung – und danach macht Übung den Meister

Die verschiedenen rtCGM-Systeme (rt = real time, sprich Echtzeit) benötigen jedoch eine umfassende Einweisung in Handhabung, Bedienung und Kalibrierung. Auch das Setzen des Sensors erfordert zunächst etwas Übung. Menschen, die bereits viele Jahre Insulin spritzen, haben häufig Veränderungen am Gewebe (Lipodystrophien).

Die Sensornadel muss aber ausreichend von Gewebeflüssigkeit umspült werden, um genaue Messergebnisse liefern zu können. Befinden sich z. B. am Bauch solche Lipodystrophien, empfiehlt es sich, den Sensor an eine Stelle zu legen, die weniger häufig zur Insulininjektion oder zum Kathetersetzen genutzt wurde. Dies können der Oberarm oder auch der Bereich oberhalb des Gesäß sein.

Die rtCGM-Systeme verfügen über Alarmfunktionen bei Über- oder Unterschreiten des eingestellten Zielwertes. Patienten, die bereits langjährig Typ-1-Diabetes haben, leiden häufiger an einer Störung der Unterzuckerungswahrnehmung. Diese Geräte können daher im Alltag helfen, zu niedrige Werte frühzeitig zu bemerken und ausreichend Handlungsspielraum schaffen, um sie zu bekämpfen.

Das FGM-System hat keine Alarmfunktion. Das Setzen des Sensors ist unkompliziert und muss nicht oft geübt werden. Auch ist keine Kalibrierung wie bei den rtCGM-Systemen notwendig, was eine mögliche Fehlerquelle der Messgenauigkeit ausschließt. Im täglichen Leben kann es eine große Hilfe sein, nicht ständig eine blutige Messung durchführen zu müssen und dennoch die Werte immer im Blick zu haben.

Insulinpumpen und Smartphone-Apps

In den letzten Jahrzehnten gab es weitere technologische Entwicklungen, die das Leben mit Diabetes veränderten: Die erste Insulinpumpe kam 1976 auf den Markt und sollte all diejenigen unterstützen, die mit der intensivierten konventionellen Therapie (ICT) an ihre Grenzen stießen.

Heutzutage steht die Insulinpumpentherapie auch für eine erhöhte Flexibilität im Alltag: etwa durch verzögerte Bolusabgaben sowie der Möglichkeit, die Basalrate temporär zu verändern. In Kombination mit der kontinuierlichen Glukosemessung gibt es ein Insulinpumpensystem, das in der Lage ist, den Patienten bei nahender Unterzuckerung zu alarmieren sowie die Insulinversorgung automatisch zu unterbrechen und anschließend wieder einzuschalten (SmartGuard-Funktion).

Um diese Funktionen im Alltag sinnvoll einsetzen zu können, bedarf es zunächst einer intensiven Auseinandersetzung mit der Technologie. Dies bedeutet womöglich bestehende Ängste und Hürden im Umgang mit solchen Geräten zu überwinden und sich neuen Herausforderungen zu stellen.

In Zeiten des Smartphones nutzen zudem immer mehr Patienten verschiedene Apps, deren Angebot im Diabetesbereich weiter wächst: sei es zur Dokumentation der gemessenen Werte in Form eines elektronischen Tagebuchs, zur Berechnung der benötigten Insulinmenge als Bolusrechner, zur Erfassung weiterer relevanter Daten wie erreichte Schritte oder gemessener Blutdruckwerte.

Therapie zu kompliziert? Auch hier kann moderne Technik helfen

Im Laufe des Lebens und mit zunehmender Diabetesdauer kann es zu körperlichen Einschränkungen kommen wie bei motorischen Fähigkeiten oder auch dem Sehvermögen. Besteht eine Überforderung des Betroffenen in der Umsetzung der Therapie, ist es notwendig, gemeinsam mit dem Diabetesteam nach einer Lösung zu suchen – eventuell kann man auf eine einfachere Therapieform umstellen oder vereinfachte Insulinschematas erstellen.

Auch moderne Technik kann helfen: Neue Insulinpens können z. B. über eine Erinnerungsfunktion verfügen, die anzeigt, wie lange die letzte Injektion zurückliegt und wie hoch diese war. Für einige Fertigpens steht eine Insulinkappe zur Verfügung, die über eine solche Anzeige verfügt. Auch viele neuere Messgeräte sind auf bestimmte Bedürfnisse ausgerichtet: So gibt es Blutzuckermessgeräte auf dem Markt mit besonders großen Tasten, Displayanzeigen und Teststreifen, die die korrekte und selbstständige Handhabung auch bei nachlassenden motorischen Fähigkeiten und Einschränkungen des Sehvermögens ermöglichen.

Ihr Diabetesteam und Ihre Familienmitglieder werden Ihnen Unterstützung und Hilfestellung bieten, die für Sie passende Therapieform zu finden. Offen zu sein für Neues und neue Technologien für sich zu nutzen kann eine Chance sein. Sie können die Selbstständigkeit in der Behandlung des Diabetes erweitern und die Lebensqualität verbessern.

Schwerpunkt: Jahrzehnte mit Diabetes gut leben

von Joana Greiner
Diabetes Zentrum Mergentheim,
Theodor-Klotzbücher-Straße 12,
97980 Bad Mergentheim,
E-Mail: greiner@diabetes-zentrum.de


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2017; 66 (12) Seite 23-25