Ausreichend Schlaf ist nicht nur angenehm, sondern auch wichtig für die Gesundheit. Vielleicht spielt genügend Schlaf auch eine Rolle bei der Blutzuckereinstellung von Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes. Eine aktuelle Studie am Universitätsklinikum Ulm untersucht diesen Zusammenhang. Studienleiterin Dr. Julia von Schnurbein erklärt die Hintergründe und mögliche Konsequenzen.

Wie wird man zum Morgenmuffel?

Jeder, der kleine Kinder hat, kennt das Gefühl, morgens zu früh aufzuwachen. Selbst mehrere Tassen Kaffee können manchmal das Gefühl nicht mehr ändern, den Tag wie auf Watte zu verbringen, oder als ob man gerade mit dem Flugzeug mindestens eine Zeitzone übersprungen hätte und unter einem Jetlag leide.

Einen Schlafmangel haben aber auch unsere Jugendlichen, wenn sie nachts in der Disco waren oder zu lange abends noch rumgetrödelt haben. "Geh doch einfach mal pünktlich schlafen!", sagen wir dann. Was aber, wenn sie das gar nicht können?

Was ist überhaupt passiert, mit unseren Kleinkindern, die früher unter heftigem Protest "ich bin noch gar nicht müde" gegen ihren eigenen Willen um acht Uhr abends einfach eingeschlafen sind? Wie konnten aus ihnen Discotänzer und Morgenmuffel werden?

Fragebogen: Schlafverhalten und Lebensalter

Chronobiologen – das sind Zeitforscher – beschäftigen sich schon länger mit dieser Frage. Ein Team aus München um Professor Roenneberg hat dazu einen Fragebogen entwickelt: den Munich Chronotype Questionnaire (MCQT). Er zeigt einem, ob man ein früher oder eher später Schlaftyp (auch Chronotyp genannt) ist. Und weil das Thema so viele Menschen interessiert, haben inzwischen über 50.000 Personen den Fragebogen ausgefüllt.

Die Auswertung dieser Fragebögen zeigt eindrücklich, wie sich die in uns programmierte Schlafenszeit während des Lebens verändert. Jugendliche gehen also nicht spät ins Bett, weil sie in der Disco waren, sagt Professor Roenneberg, sondern sie gehen in die Disco, weil die noch offen hat und sie eh noch nicht schlafen können. Was aber hat das mit Diabetes zu tun?

Schlaf und Diabetes

Es ist seit längerem bekannt, dass Schlafmangel und auch unterbrochener Schlaf oder Schichtarbeit das Risiko erhöhen, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln. Und bei Patienten, die diesen Diabetestyp bereits haben, wird ein Schlafmangel oder eine vermehrte Unterbrechung des Nachtschlafes mit einer verschlechterten Blutzuckereinstellung (gemessen als HbA1c-Wert) in Verbindung gebracht.

Für Jugendliche mit Typ-1-Diabetes gibt es bisher nicht viele Untersuchungen zum Thema Schlaf und Blutzuckereinstellung. Es konnte gezeigt werden, dass sie im Vergleich zu gesunden Gleichaltrigen schlechter, aber dafür oft länger schlafen. Außerdem scheinen Einschlafstörungen mit einem schlechter eingestellten Blutzucker zusammenzuhängen. Aber ob Schlafmangel zu einer schlechteren Blutzuckereinstellung führt, ist bisher nicht bewiesen. Gerade für Jugendliche ist diese Frage aber wichtig.

Aufstehen gegen die innere Uhr

Dadurch, dass sie alle späte Chronotypen sind, leiden sie nämlich unter einem Phänomen, das social jetlag genannt wird. Jeden Tag, den sie in die Schule oder zur Ausbildung gehen müssen, stehen sie früher auf, als ihre innere Uhr ihnen eigentlich vorgibt.

Und da sie es dennoch meistens nicht schaffen, abends früh genug schlafen zu gehen, sammeln sie unter der Woche ein beachtliches Schlafdefizit an, das sie am Wochenende dann ausgleichen müssen. Mit Hilfe des MCQTs kann man diesen individuellen Schlafmangel und die Verschiebung der inneren Uhr unter der Woche sehr gut messen.

Die Auswirkungen dieses social jetlags auf die Blutzuckereinstellung wird nun in einer deutschlandweiten Studie untersucht.

Aktuelle Studie untersucht Zusammenhänge

Die teilnehmenden Jugendlichen mit Diabetes beantworten den MCQT, und dann wird überprüft, ob es einen Zusammenhang zwischen dem social jetlag und ihrem aktuellen HbA1c-Wert oder eventuell bereits bestehenden Komplikationen wie Bluthochdruck gibt. Ende 2014 sollen die ersten Ergebnisse dieser Studie vorliegen.

Teilnehmende Studienzentren
  • Diabetes-Schulungszentrum für Kinder und Jugendliche, Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Ulm (Prof. Wabitsch, Dr. v. Schnurbein)
  • Klinik für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Gießen (Dr. Böttcher)
  • Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, BETHLEHEM Gesundheitszentrum Stolberg gGmbH (Prof. Karges)
  • Klinik für Kinder und Jugendmedizin, Klinikum Augsburg I. (Dr. Dunstheimer)
  • Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Leipzig (PD Dr. Kapellen)
  • Interdisziplinäres Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ), Universitätsmedizin Berlin (Dr. Galler)
  • Klinik für allgemeine Pädiatrie und Neonatologie, Universitätsklinikum des Saarlandes (Prof. Rohrer, Dr. Graf, Dr. Hoffmann)
  • Institut für Medizinische Psychologie, Ludwig-Maximilians-Universität München (Prof. Roenneberg, Dr. Vetter)

Was wäre, wenn?

Sollte sich ein Zusammenhang zwischen dem social jetlag und der Blutzuckereinstellung zeigen, müsste man eigentlich fordern, dass der Schulunterricht für Jugendliche später beginnt, und damit ihrer inneren Uhr angemessener ist. Leider ist es unwahrscheinlich, dass so eine Forderung politisch durchsetzbar sein wird. Daher wird eher eine individuelle Schlafberatung im Rahmen der Diabetes-Sprechstunde eine wichtige Rolle spielen.

Gefördert wird die Studie übrigens durch das Diabetes-Schulungszentrum für Kinder und Jugendliche in Ulm und den Leonard-Thompson-Gedächtnispreis der Arbeitsgemeinschaft für Pädiatrische Diabetologie (AGDP); weiterer Förderer: die Dr.-Herbert-Schiffers-Stiftung.

Fazit
Ausreichend Schlaf ist wichtig für die Gesundheit. Vermutlich spielt er auch eine Rolle bei der Blutzuckereinstellung von Jugendlichen mit Diabetes. Daher sollte versucht werden, auf ein ausgeglichenes Schlafverhalten zu achten. Erste Studienergebnisse dazu sollen Ende 2014 vorliegen.


Autorin:
Dr. Julia v. Schnurbein

Kontakt:
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Ulm, E-Mail: julia.schnurbein@uniklinik-ulm.de


Erschienen in: Diabetes-Eltern-Journal, 2014; 7 (2) Seite 18-19