Lena Schuster erzählt die Geschichte von Nina und Carla: Beim Shoppen und Quatschen vergessen sie den kleinen "Melli" – was prompt zu einer Unterzuckerung führt...

Melli und ich – der Hintergrund
Melli ist ein kleiner Junge, der mit Nina, einer erwachsenen Frau, zusammenlebt. Die beiden geraten im Alltag immer wieder in Konflikt: beim Essen, beim Sport etc. Lena Schuster: "Für mich ist der Diabetes vergleichbar mit dem kleinen Melli, den man oft zu gerne ignorieren möchte, doch das geht leider nicht. Denn ignoriert man den Diabetes, ist er wie ein schreiendes Kind, das einen nicht zur Ruhe kommen lässt. Kümmert man sich jedoch um den Diabetes, so macht einen das stark – und man erkennt, dass man bereit ist, auch andere Probleme des Lebens zu bewältigen."

Dieser Tag wird großartig! Ich bin mit Carla, einer meiner besten Freundinnen, in der Stadt verabredet. Freudestrahlend stehen Melli und ich am Treffpunkt und warten auf sie. Kurze Zeit später taucht sie auf, und wir schließen uns herzlich in die Arme.

Voller Freude ins Shopping-Glück

Carla und ich haben uns schon ein paar Wochen nicht gesehen und sind die ganze Zeit nur am Reden. Die Geschäfte geraten dabei eher in den Hintergrund, und so landen wir schließlich in einem großen Kaufhaus, um uns dort ein bisschen nach Sommerkleidern umzuschauen. Kaum sind wir drin, ist Carla schon in eine Richtung gestürmt. Nur mit großer Mühe schaffe ich es hinterherzukommen.

Ein Glück, dass sie vor einem blauen leichten Kleid mit dünnen Trägern zum Stehen kommt: "Nina, schau mal. Das ist doch schön! Was meinst du?", sagt sie erwartungsvoll. "Es ist echt ein tolles Kleid! Probiere es doch mal an!", antworte ich ihr. Gemeinsam suchen wir die Umkleiden auf, und Carla schlüpft ins Kleid. Strahlend zieht sie den Vorhang zurück und präsentiert es mir mit leuchtenden Augen.

Prompt steht die Entscheidung fest: Sie nimmt das Kleid. Bevor sie wieder in der Umkleide verschwindet, versichert sie: "Wir finden bestimmt auch noch eins für dich!" Sofort begeben wir uns weiter auf die Suche: kurz, lang, bunt, schlicht – wirklich alles ist dabei.

Melli hat sich verlaufen …

Plötzlich eine Durchsage: "Sehr geehrte Kunden, der kleine Melli hat sich an die Kasse im Erdgeschoss gewendet. Er ist auf der Suche nach Nina und Carla. Bitte kommen Sie umgehend und holen ihn ab." Ich halte inne, drehe mich hektisch von links nach rechts. Von Melli fehlt jede Spur. Das gibt es doch nicht! Carla und ich waren so versunken, dass uns Mellis Verschwinden gar nicht aufgefallen ist. Ich drehe mich zu ihr um und sage unruhig: "Wir müssen schnellstens zu Melli." Verständnisvoll streicht sie mir über die Schulter und nickt.

Doch dann fällt mein Blick auf die Kleider, die ich noch in der Hand halte. Kurzerhand habe ich mich umentschieden: "Das eine Kleid muss ich aber noch anziehen. Ich will wissen, ob es mir steht! Danach gehen wir sofort zu Melli!" Hastig ziehe ich es an … und bin überwältigt: So ein tolles Kleid habe ich schon lange nicht mehr getragen! Seidig-weicher Stoff umhüllt mich sanft. Begeistert drehe ich mich im Kreis, um das Kleid von allen Seiten zu betrachten.

Ich schaue zu Carla, die genauso fröhlich dreinblickt. "Wow, Nina, das Kleid ist wunderschön!" Und fügt hinzu: "Hätte ich nicht vorhin selbst ein Kleid gefunden, wäre ich jetzt schon ein bisschen neidisch!" Wie kleine Kinder vor den Weihnachtsgeschenken glucksen und strahlen wir um die Wette. Unsere Stimmung ist ausgelassen – und so vergessen wir alles um uns herum.

Plötzlich ein flaues Gefühl im Magen

Doch innerhalb weniger Sekunden überkommt mich ein flaues Gefühl im Magen, und mir wird schlecht. Carla erkennt das sofort. "Nina, was ist los? Geht’s dir nicht gut?" Langsam gleite ich auf einen Hocker; panisch realisiere ich sofort, dass Melli noch an der Kasse wartet. Geschwächt sage ich: "Ja. Kannst du schnell zur Kasse laufen und Melli holen?" Sofort dreht sie sich um und eilt los. Von Sekunde zu Sekunde wird mir immer schlechter. Kurz habe ich das Gefühl, ohnmächtig zu werden.

In dem Moment tauchen Carla und Melli vor mir auf. Ich sehe zu Melli und flüstere erschöpft: "Es tut mir so leid. Wir hätten gleich zu dir kommen sollen." Schweigend hält er mir eine Banane hin, die ich sofort aufesse. Im Nu komme ich wieder zu Kräften und kann aufstehen. Ich nehme Carla und Melli in die Arme und sage: "Welch ein ereignisreicher Tag! Lasst uns zur Erholung ein Eis essen."


Diabetes ist anstrengend

Das Thema Unterzuckerung ist jedem Diabetiker präsent. Manchmal wachen wir nachts zitternd auf und müssen etwas essen. Oder wir werden bei schönen Aktivitäten gestört. So wird auch Nina von Melli beim Bummeln unterbrochen. Er sucht sie und fordert ihre Aufmerksamkeit, doch sie ist gerade beschäftigt und ignoriert ihn. Letztlich geht es ihr schlecht, da sie nicht auf Melli gehört hat.

Natürlich ist es anstrengend, dass der Diabetes oft plötzlich Aufmerksamkeit fordert, doch andererseits zeigt der Körper uns eindeutig, dass er den Verstand braucht. So darf der Kopf nicht gegen den Körper arbeiten, denn nur wenn Kopf und Körper zusammenarbeiten, sind wir ausgeglichen und stark.


von Lena Schuster
E-Mail: redaktion@diabetes-online.de


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2016; 65 (8) Seite 34-35