Unsere Leserin Lena Schuster hat zwei bezaubernde Kurz­geschichten zum Thema Diabetes verfasst, die wir Ihnen nicht vorenthalten möchten. In der zweiten Geschichte besuchen die Protagonistin Nina und der kleine Melli erstmals zusammen einen Weihnachtsmarkt.

Autorin Lena Schuster ist Psychologin. Seit 2014 hat sie Typ-1-Diabetes. Ihr Bruder hat seit der Kindheit ebenfalls Typ-1-Diabetes, deshalb ist ihr auch der Einfluss der Stoffwechselerkrankung auf die Familie gut bekannt.

Im Diabetes-Journal bringt sie ihre persönlichen Erfahrungen und Eindrücke in der Kurzgeschichtenreihe „Der kleine Melli und ich“ ein.

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Melli und ich auf dem Weihnachtsmarkt

Wie jedes Jahr steht plötzlich Weihnachten vor der Tür. Für mich war es immer schon ein Fest der Familie, des Zusammenseins. Ein Tag, an dem man alle Sorgen und Ängste beiseitelegt und den man einfach genießen kann. Doch dieses Mal wird es anders sein als jemals zuvor. Es ist das erste Weihnachtsfest, bei dem Melli dabei ist.

Seit er in mein Leben getreten ist, hat sich vieles verändert, und so wird auch Weihnachten nicht mehr das Gleiche sein. Natürlich wird es Geschenke geben, Lieder werden gesungen, und wir alle werden viel zu viel essen. Doch es wird das erste Mal sein, dass jemand Fremdes mit uns Geschenke auspackt, Lieder mitsingt und mit uns isst. Seit diesem Jahr haben wir einen Neuen im Bunde, der aufgenommen werden möchte und genauso Teil der Familie sein will, wie wir alle es sind.

Melli beeinflusst nicht nur mein Leben

Wie so oft wird mir auch jetzt wieder bewusst, dass Melli nicht nur mein Leben, sondern auch das meiner Freunde und Familie beeinflusst. Ein Gedanke, der sich immer wieder in meinen Kopf schleicht und mich jedes Mal auf ein Neues verwirrt. All das beschäftigt mich, als ich mit Melli auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt durch die Straßen schlendere. Wir laufen durch verwinkelte Gassen, vorbei an unzähligen Schaufenstern. Ein gemütlicher Spaziergang an einem angenehmen Sonntag, das Leben kann manchmal so einfach sein!

Die Diabetes-Kurzgeschichtenreihe „Der kleine Melli und ich“ – der Hintergrund


Melli ist ein kleiner Junge, der mit Nina, einer erwachsenen Frau, zusammenlebt. Die beiden Protagonisten der Diabetes-Kurzgeschichtenreihe geraten im Alltag immer wieder in Konflikt: beim Essen, beim Sport etc.

Autorin Lena Schuster: „Für mich ist der Diabetes vergleichbar mit dem kleinen Melli, den man oft zu gerne ignorieren möchte, doch das geht leider nicht. Denn ignoriert man den Diabetes, ist er wie ein schreiendes Kind, das einen nicht zur Ruhe kommen lässt. Kümmert man sich jedoch um den Diabetes, so macht einen das stark – und man erkennt, dass man bereit ist, auch andere Probleme des Lebens zu bewältigen.“

Doch da sind wir auch schon angekommen, und ich realisiere, dass ich nicht die Einzige bin, die die Hoffnung hat, auf dem Weihnachtsmarkt ein paar letzte Geschenke zu ergattern. Wo auch immer man hinschaut, sind Menschen. Links, rechts, geradeaus – einfach überall. Die ganze Stadt scheint sich auf dem Markt versammelt zu haben. Aber es hilft alles nichts, wir müssen ins Getümmel, und schon stecken wir auch mit drin. Es ist so voll, dass man sich ständig entschuldigen muss, weil man jemanden anrempelt oder jemandem auf die Füße tritt. Das hab ich mir echt entspannter vorgestellt!

„Muss das wirklich sein?“, frage ich mich. Ich könnte doch auch einfach zu Hause gemütlich Plätzchen backen und schön verpacken, da ist mir bestimmt keiner böse. Plätzchen braucht doch jeder. Außerdem sind sie liebevoll eingepackt ein persönliches Geschenk, was könnte man daran aussetzen? Richtig! Nichts! Na, dann kann ich ja auch wieder gehen! Genau in dem Moment, als ich mich umdrehen will, um mich wieder auf den Heimweg zu machen, entdecke ich einen Stand mit frisch gebrannten Mandeln, köstlichen Lebkuchen und leckerem Magenbrot. Oh, das ist verlockend!

Melli greift ein

„Gebrannte Mandeln habe ich ja schon ewig nicht mehr gesehen!“, denke ich und zerre den kleinen Melli in Richtung Süßigkeitenstand. Vielleicht bleibe ich doch noch eine Weile. Mit leckerem Essen im Bauch lässt sich auch viel besser die stressige Menschenmenge aushalten. So schnell konnte Melli gar nicht reagieren, da hatte ich schon ein Päckchen gebrannte Mandeln gekauft und halte sie sehnsüchtig in der Hand. Wie sie allein schon riechen.. mh.. und sie sind auch noch warm – einfach unübertrefflich!

Doch noch bevor ich mir eine Mandel in den Mund stecken kann, reißt Melli mir die Tüte aus der Hand, schaut mich böse an und sagt: „Die darfst du jetzt nicht essen!“ Entgeistert schau ich ihn an. Das glaub ich jetzt nicht. Ich soll jetzt keine Mandeln essen? Und wie soll ich mich sonst beruhigen? Eine Yogarunde einbauen oder meine Glücksfee anheuern? Nein, im Ernst, was bildet er sich denn ein? Er kann doch nicht machen, was er will! Melli merkt, dass ich anfangen will zu diskutieren und ergreift kurzerhand die Flucht. Zack – und weg ist er mit meinen Nüssen.

Auf der Suche nach Melli

Das kann jetzt nicht sein Ernst seint! Ich habe keine Zeit für irgendwelche dämlichen Spielchen. Es dauert einen Moment, bis ich realisiert habe, dass er wirklich abgehauen ist. Ich stehe wie versteinert da und wende meinen Blick gestresst von links nach rechts. Dann laufe ich einfach los, und zwar blind in die Richtung, in die Melli verschwunden ist. Doch schnell komme ich nicht voran, weil links und rechts die Menschenmassen auf mich eindrücken. Wo sind all die Menschen hergekommen? Noch nie hab ich mich so verloren gefühlt.

Ich muss Melli wiederfinden, er gehört zu mir. Getrieben von nur diesem Gedanken kann ich gar nicht mehr vernünftig denken und laufe immer planloser kreuz und quer über den Weihnachtsmarkt. Komplett orientierungslos laufe ich schließlich schon zum dritten Mal an dem Süßigkeitenstand vorbei, an dem ich Melli zum letzten Mal gesehen habe. Die Zweifel daran, dass ich ihn jemals wiederfinden werde, werden immer größer.

Aber er ist doch ein Teil von mir, ich habe doch keine Wahl, als weiter nach ihm zu suchen. Hilflos lasse ich mich auf einer Mauer nieder, um mich ein bisschen zu sammeln. Ich kann nicht mehr. Melli raubt mir zu viel Kraft. Ich will nur kurz Luft holen, bevor ich mich wieder auf die Suche begebe. Nur für einen Moment Kraft tanken.

„Ich bin hier oben!“

Doch kaum sitze ich, höre ich jemanden pfeifen und meinen Namen rufen. Ist das Melli? Plötzlich bin ich wieder hellwach. Wild drehe ich meinen Kopf in alle Richtungen, doch ich kann niemanden sehen. Hab' ich mir das etwa nur eingebildet? Nein, das kann nicht sein. Das Pfeifen und die Rufe waren doch klar und deutlich zu hören. Genau in dem Moment hör ich jemanden brüllen: „Ich bin hier oben!“ Ich schaue hoch und entdecke Melli, der gemütlich auf einer Laterne sitzt und mich überraschend besänftigend anschaut.

Da steckt der Lümmel! Im Leben nicht hätte ich ihn dort gefunden! Wer sucht ein Kind auf einer Laterne? Moment, das bedeutet doch, dass er mich die ganze Zeit beobachtet hat! Er hat mich quer über den Weihnachtsmarkt rennen sehen und ist nicht aus seinem Versteck gekommen?! Nein, ich darf mich nicht noch mehr aufregen. Ich hatte heute schon genug Stress, das reicht mir. Melli hüpft zu mir auf die Mauer, gibt mir die Mandeln zurück und sagt: „Jetzt darfst du sie essen.“

Die Mandeln sind nicht mehr warm, aber nach all dem Stress sind sie genau das Richtige. Genüsslich lasse ich mir den Geschmack der ersten Mandel auf der Zunge zergehen und vertilge im Handumdrehen die halbe Tüte. Gebrannte Mandeln haben noch nie so lecker geschmeckt!


Kommentar der Autorin:

Es ist nicht immer leicht, mit dem Diabetes und mit seinen Konsequenzen umzugehen, denn eine Sache ist klar: Der Diabetes fordert seine Aufmerksamkeit, wann und wo er will. Nina hat sich so sehr auf die gebrannten Mandeln gefreut, doch Melli verbietet sie ihr und verschwindet, sodass ihr nichts anderes übrig bleibt, als erst einmal auf die Mandeln zu verzichten und sich um Melli zu kümmern.

Und so geht es uns Diabetikern ständig. Wenn wir einen hohen Wert haben, können wir nicht einfach essen, was wir wollen, sondern müssen uns um den Diabetes kümmern und warten, bis der Wert wieder gesunken ist. Natürlich kann man den Diabetes als Einschränkung sehen, das ist keine Frage. Jedoch kann man ihn auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Er hilft uns, indem wir durch ihn lernen, uns stets im Auge zu behalten und auch auf uns zu achten.

Hier geht es nicht allein um das Ich, sondern um den Diabetes und mich – das ist das Wir, das macht mich stark!


von Lena Schuster
Redaktion Diabetes-Journal, Kirchheim-Verlag,
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