Lena Schuster hat eine bezaubernde Kurzgeschichte zum Thema Diabetes verfasst, die wir Ihnen nicht vorenthalten möchten: Die junge Protagonistin Nina lernt den kleinen Melli kennen …

Die Autorin
Lena Schuster ist Psychologiestudentin. Seit letztem Jahr ist sie Typ-1-Diabetikerin, und nun hat sie ihre persönlichen Erfahrungen und Eindrücke in eine Kurzgeschichte eingebracht. Ihr Bruder hat schon seit der Kindheit Typ-1-Diabetes, deshalb ist ihr auch der Einfluss auf die Familie bekannt.

Der kleine Melli – und ich

Ich schaue aus dem Fenster und sehe einen kleinen Jungen, der mich wachsam anblickt. Es ist ein ungewöhnlicher Moment, fast schon unheimlich. Kurz wende ich meinen Blick ab, um dann wieder zu dem Jungen zu sehen, doch er ist verschwunden. Durch die Terrassentür husche ich auf den Balkon, um die Straße nach ihm abzusuchen, doch er ist wie vom Erdboden verschwunden. Eine seltsame Begegnung war das. Eine Begegnung, die mich fragend zurücklässt: Wer ist dieser Junge? Und was will er von mir?

Immer wieder im Leben begegnet man Menschen, die anders sind als die Norm. Das kann man feststellen, ohne die Norm je definieren zu wollen. Was ist normal? Und vor allem: Wer ist normal?

Ein Wiedersehen im Supermarkt

Ein paar Tage später stehe ich im Supermarkt an der Kasse und gehe noch einmal meine Einkaufliste durch. Eingelegtes Putenfleisch, Grillkäse, Feldsalat, Gurken, Auberginen und Kartoffeln liegen auf dem Band. Ich darf nichts vergessen, denn ich bin wie immer eh schon zu spät. Am Abend kommen ein paar Freunde vorbei, und wir werden den Sommerbeginn mit einem gemütlichen Grillabend feiern.

Während ich darauf warte, dass die Kundin vor mir all ihre Sachen in ihrer Tasche verstaut hat, blicke ich reflexartig zum Supermarkteingang und entdecke den kleinen Jungen. Er blickt mir wieder direkt in die Augen, so als ob er versucht, durch mich hindurchzuschauen. Es scheint, als ob er mich durch den Blickkontakt kennenlernen will. Tatsächlich ist sein Anblick ein wenig vertrauter. Plötzlich habe ich das Gefühl, dass dieser Junge mein Leben verändern wird. Und ich sollte Recht behalten.

Der Junge kehrt zurück - für immer

Es vergehen zwei Wochen, in denen ich dem Jungen nicht einmal begegne. Ich stehe am Herd und koche eine Gemüsesuppe, in der Hoffnung, dass ich dadurch wieder zu Kräften kommen werde. Denn seit ein paar Wochen bin ich immer müde und komme kaum noch die Treppen hoch. Plötzlich klingelt es an der Tür, und ich gehe hin und mache auf. Vor mir steht der kleine Junge, schaut mich mit stahlblauen Augen streng, aber gleichzeitig besänftigend an und sagt: „Hallo Nina, ich bin Melli und ab heute bin ich ein Teil deines Lebens.“


Wie ein kleiner Junge, für den man sorgen muss

Die Diagnose des Diabetes ist wie ein Schlag ins Gesicht. Von heute auf morgen muss man auf seinen Körper achten und vernünftig sein. Es ist vergleichbar mit der Situation, in der Nina die Tür aufmacht und der Junge vor ihr steht. Am liebsten würde sie die Tür wieder zumachen und alles vergessen, doch das geht leider nicht. Der Diabetes ist wie ein kleiner Junge, für den man sorgen muss und der einen achtsamen Umgang braucht.

Ignoriert man den Diabetes, ist er wie ein kleines, schreiendes Kind, das einen nicht zu Ruhe kommen lässt und bei der Arbeit behindert. Kümmert man sich jedoch um den Diabetes, so macht einen das stark, und man erkennt, dass man bereit ist, auch andere Probleme des Lebens zu bewältigen.

Hand in Hand mit dem Diabetes

So wie Nina Hand in Hand mit dem kleinen Melli durch das Leben geht, so müssen wir Hand in Hand mit dem Diabetes durch das Leben gehen. Nur dann ist unser Körper eine Einheit, nur dann werden wir dem Diabetes gerecht - und er wird uns gerecht.


von Lena Schuster
E-Mail: redkation@diabetes-online.de


Erschienen in: Diabetes-Journal, 2016; 65 (2) Seite 32-33