Wie Süßes zu Übergewicht und Diabetes führt, und wie Desserts auch ohne viel Zucker traumhaft schmecken, weiß unser Autor Hans Lauber.

Zucker, ach Zucker. Seit ich über Diabetes schreibe, schreibe ich über Zucker. Schlicht deshalb, weil ich meinen Diabetes den süßen Fluten „verdanke“. Denn vor bald 20 Jahren war ich ein Zucker-Junkie, habe wahllos Schokolade, Eis und süße Desserts verschlungen – wurde dick und ein Münchner Diabetologe diagnostizierte „einen manifesten Diabetes mellitus vom Typ 2“. Damals fing ich an, für Wochen mehrmals am Tag den Blutzucker zu messen – und merkte bald, wie Süßes zu einem dramatischen Anstieg der Werte führte.

Also änderte ich meinen Lebensstil, was sich leichter anhört, als es war. Bald ein Jahr brauchte ich, wo ich konsequent auf alles Süße verzichtete. Aber nach dieser Zeit war der Kampfbauch weg, und ich wiege seitdem konstant um die 68 Kilo. Noch wichtiger: Auch der Diabetes war weg, seit dieser Zeit brauche ich keine Medikamente mehr. Natürlich war es nicht allein der Verzicht auf das Süße, es gehörte auch noch die Bewegung dazu. Aber der kluge Umgang mit den schnellen Kohlenhydraten bildet die Grundlage für den langfristigen Sieg über den Lifestyle-Diabetes. Bei mir – und auch bei den vielen anderen Betroffenen.

„Fit wie ein Diabetiker“ heißt das „Motivationsbuch“, so der Diabetologe Prof. Stephan Martin, wo ich meine Erfahrungen aufgeschrieben habe. Das 2002 erschienene Werk wurde schnell zu einem Bestseller – bis heute sind weit über 60 000 Exemplare (aktuell gibt es die 6. Auflage) verkauft und tausende Menschen haben mir bestätigt, dass sie mit der darin beschriebenen „Lauber-Methode“ aus Messen, Essen, Laufen ebenfalls ihren Typ-2-Diabetes in den Griff bekommen haben. Eine Erfolgsgeschichte. Aber sie könnte noch viel größer sein, meine Methode könnte noch viel mehr Menschen helfen, wenn endlich in der Breite wirklich verstanden würde, wie Süßes und Diabetes zusammenhängen.

Es ist die Zucker-Insulin-Schaukel! Als ich vor über 15 Jahren mit den Experten diskutierte, bestritten selbst manche Ärzte den Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Diabetes, sprachen von „leeren Kalorien“, die zu vernachlässigen seien. Dabei ist die Korrelation eindeutig: Wer Süßes, vor allem als Cola oder Softdrink, konsumiert, erlebt einen dramatischen Anstieg des Blutzuckers. Gegen diese süßen Fluten wehrt sich der Körper durch eine massive Ausschüttung von Insulin. Damit versucht der Organismus, die Kohlenhydrate in die Zellen zu schleusen. Das gelingt aber nicht ganz, weil einfach zu viel Süßes in den Blutbahnen kreist. Also wird ein Teil als fettes „Hüftgold“ gespeichert.

Wer permanent zu süß lebt, wirft permanent diese Zucker-Insulin-Schaukel an. Dann sammelt sich das Fett, die Menschen werden dick – und Übergewicht ist die Hauptursache des millionenfachen Lifestyle-Diabetes. Klingt logisch, ist auch logisch. Aber viele Ärzte „fremdeln“ trotzdem immer noch mit der Dickmach-Rolle des Insulins. Einfach auch deshalb, weil das Hormon so wichtig ist, denn ohne Insulin könnte die Nahrung nicht verwertet werden – weshalb bis zur Entwicklung des künstlichen Insulins der Typ-1-Diabetes eine tödliche Krankheit war. Aber es bleibt dabei: Die Süßindustrie hat es geschafft, die segensreiche Funktion des Hormons vielfach ins Gegenteil zu pervertieren. Vielleicht hilft den Ärzten ein Blick darauf, wo Insulin auch eingesetzt wird: In der Schweinemast.

Noch schlimmer: Fruchtzucker. Als ich für „Fit“ recherchierte, sprachen viele Experten mit leuchtenden Augen (heute reden dieselben Professoren natürlich ganz anders, was wir als Lernfortschritt verbuchen) von einem scheinbar guten Zucker, dem Fruchtzucker. Ja, ich erinnere mich noch an Diabetes-Kongresse, wo die Fructose als der „Diabetiker-Zucker“ gelobt wurde. Aber wie sagte mir einmal ein Arzt: „Die Erkenntnisse von heute sind die Irrtümer von morgen“. Und der Fruktose-Irrtum ist einer der schlimmsten medizinischen Irrtümer. Warum das so ist, erläuterte mir vor einiger Zeit der renommierte Dortmunder Nephrologe Dr. med. Kai Hahn in einem Gespräch, aus dem ich hier zitiere.

Ein teuflischer Dickmach-Mechanismus

„Der Fruchtzucker führt ja erst einmal nur zu einer geringen Ausschüttung von Insulin, weshalb die Fructose bis vor kurzem fatalerweise als ´guter` Zucker von vielen Experten empfohlen wurde. Allerdings führt die Fructose leider nicht zur Ausschüttung des Sättigungshormons Leptin – und noch viel schlimmer: Das Hungerhormon Ghrelin steigt an. So stopfen auch gesättigte Menschen Unmengen in sich hinein, etwa ganz viele Burger. Was auch damit zusammen hängt, weil gerade bei McDonald´s und Co gerne mit Fructose gesüßte Getränke verzehrt werden. Ein teuflischer Dickmach-Mechanismus. Hinzu kommt noch eine weitere fatale Eigenschaft: Fructose hat einen eigenen Stoffwechsel, der Entzündungen der Inselzellen begünstigt, was die tückische Insulinresistenz fördert, welche ganz stark für das Ansteigen des Typ-2-Diabetes verantwortlich ist“.

Eine erdrückende Beweisführung, die zu einem sofortigen Verbot jeglicher Werbung für diese süßen Dickmacher führen müsste. Doch nichts passiert, jeder Versuch endlich nachweislich wirksame Maßnahmen wie eine Lebensmittelampel oder eine massive Steuer auf Süßes einzuführen (die ich in „Fit“ schon vor über zehn Jahren gefordert habe), werden abgeblockt – und auch die neue Landwirtschaftsministerin, die frühere Weinkönigin Julia Klöckner, ist selbstredend gegen alles, was die Nahrungsmittelindustrie einschränken könnte.

Schlimmer noch: Die asozialen Medien, welche putzigerweise sozial genannt werden, bombardieren derzeit ungeheuer massiv die Minderjährigen mit dem ewig falschen, aber faszinierenden Versprechen, wie hipp und cool doch Junk sei. Wie verloren müssen sich da Erzieher und Lehrer vorkommen, die mit einer Möhre, einem Apfel in der Hand vor den Kids für Gesundes werben. Aber vielleicht müsste die gesunde Botschaft auch weniger belehrend, schlicht „cooler“ rüberkommen, damit sie gehört und befolgt wird.

Rewe räumt auf!


Auch wenn leider der generelle Trend zur Durchsüßung des Essens bleibt, so soll doch gewürdigt werden, dass es auch erfreuliche Tendenzen gibt: Es sind insbesondere die viel gescholtenen Handelsriesen, die hier mit gutem Beispiel vorangehen. So hat etwa Rewe bei einem Schokopudding den Zuckergehalt reduziert und seine Kunden gefragt, wie er schmeckt. Immerhin rund die Hälfte der hunderttausend Befragten fand den Pudding mit 30 Prozent weniger Zucker am Besten – und der kommt ab Mai ins Regal. Auch Aldi und Lidl senken seit einiger Zeit den Gehalt von Zucker – und das erfreulicherweise gerade bei Produkten, die von Kindern geliebt werden, etwa Frühstücksflocken.

Sicher, bei diesen Maßnahmen spielt natürlich die Angst vor der gefürchteten Lebensmittelampel eine große Rolle. Trotzdem ist das aber erst einmal eine gute Sache, die hoffentlich viele Nachahmer findet. Denn das Interessante ist – und das habe ich bei der Entwicklung der Rezepte für meine Bücher gemerkt: Selbst wenn ich im Vergleich zu „normalen“ Rezepten die Zuckermenge auch um über die Hälfte reduziere, schmeckt der Kuchen. Die einzigen, die das nie glauben wollen, sind die Konditoren.

„Schlemmen wie ein Diabetiker“

Wie eine coole Verbindung aus Genuss und Gesundheit für Erwachsene geht (ein wenig Eigenlob muss sein), habe ich in zwei von meinen sieben Büchern vorgeführt: „Schlemmen wie ein Diabetiker“ und „Heimatküche für Diabetiker“. In beiden Werken geht es um Rezepte, die mit weniger oder gar keinen schnellen Kohlenhydraten auskommen – und trotzdem hohen Genuss versprechen.

Schlemmen wie ein Diabetiker ...

... stellt 15 natürliche Zuckersenker von Aloe bis Zimt vor – und 100 genuss-starke Lebensmittel bei Diabetes, wie etwa Topinambur, das dem Insulin Ferien gönnt. Dazu 50 saisonale Rezepte, etwa die Omega-3-strotzende Makrele, gefüllt mit Fenchel. | 160 Seiten, 19,90 Euro
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Raffinierte Kleinigkeiten sind es, mit denen ich bei vielen Traditionsrezepten meiner „Heimatküche“ die dickmachenden Potentiale eingedämmt habe. So ersetze ich beim beliebten Wiener Schnitzel die herkömmliche Bröselpanade durch eine Mischung aus gemahlenen Haselnüssen und Kürbiskernen. Das kommt nicht nur leichter daher, sondern schmeckt auch herrlich nussig, wie auf Seite 35 des Buches nachzulesen ist.

Heimatküche für Diabetiker ...

... verfeinert und verschlankt 44 Traditionsrezepte von der Grün Soß bis zum Leipziger Allerlei. Entwickelt wurden die Rezepte mit dem renommierten Fischkoch Klaus Neidhart vom Bodensee. Ein Highlight: Eine Schwarzwälder Kirschorte, die mit Stevia gesüßt ist. | 107 Seiten, 19,90 Euro
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„Zimtzauber“ heißt ein Rezept aus „Schlemmen“, auf das ich besonders stolz bin: Ein Gefrorenes aus Zimt, Kakao, Walnüssen und Kirschwasser – und ganz ohne Zucker! Das schmeckt nicht nur hinreißend, sondern birgt zusätzlich ein wunderbares Gesundpotential, schließlich lassen Kakao und Zimt auch das Insulin besser wirken, wie der Düsseldorfer Immunbiologe und Entzündungsforscher Prof. Hubert Kolb für das Buch analysiert hat.

Großer Genuss ganz ohne Zucker: „Zimtzauber“

Gelassener bin ich inzwischen geworden – verbanne das Süße nicht mehr total aus meinem Leben. Schließlich ist Zucker neben Fett und Alkohol ein wunderbarer Geschmacksträger. Aber ich genieße Süßes inzwischen sehr bewusst und sehr selten – aber dann in bester Qualität. Fahre manchmal sogar für die heißgeliebte Schwarzwälder Kirschtorte extra ins Café Decker nach Staufen im Markgräflerland.

Darauf ein Kirschwasser! Trinke ich dann zur Torte noch ein Kirschwasser, senkt das den Zucker zusätzlich. Na also, geht doch: Gesundheit und Genuss!


von Hans Lauber
E-Mail: aktiv@lauber-methode.de
Website: www.lauber-methode.de